Der Aga Khan – mehr als ein Lebemann

Beate Wedekind22.03.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

In Berlin zeigt er seine Sammlung. Islamische Kunst von unschätzbarem Wert. Mit seiner Stiftung hilft er vor allem dort, wo seine Anhänger leben. In Ägypten und Afghanistan, in Kirgisistan und Kenia. Ich war mit ihm in Indien unterwegs.

Wo immer die Damen und Herren sich treffen, geht es um das große Ganze. Die Delegierten der Shia-Ismaeliten treffen sich regelmäßig auf einem der Kontinente; alle haben denselben weiten Weg, ihr Netz umspannt die ganze Welt. Sie kommen aus Washington und Toronto, aus London und Genf, aus Daressalam und Ouagadougou, aus Kairo und Khartoum, aus Karachi und Kabul. Sie sind Lehrer, Ärzte, Wissenschaftler, Manager, Kaufleute, Bankiers und Privatiers. Ihre Haut ist dunkel, gelb und weiß, sie sind Geschwister im Glauben, eine 27 Millionen Menschen umfassende globale Gemeinde. Ihre Landesbeauftragten tragen seidene Saris und Anzüge aus feinstem Tuch, sprechen Oxford-Englisch. Sie trinken Tee und essen süßes Gebäck, in der Frühe des Tages vor einigen Jahren auf der Veranda eines Palastes im indischen Agra. In der Ferne leuchtet der Tadj Mahal in der Morgensonne.

Vermittler zwischen den Kulturen und Systemen

Ihr Imam, ihr geistliches und weltliches Oberhaupt, der 49. Aga Khan, Seine Hoheit Prinz Karim, heute 72, in 49. Generation direkt von Fatima, der Tochter des Propheten Mohammed abstammend, konferiert derweil mit dem indischen Premierminister. Hier zählt nicht, dass er in den europäischen Gazetten notorisch als Lebemann (Pferde, Frauen, Yachten, Privatjets) gehandelt wird. Hier zählt nur, dass er einer der am besten vernetzten Vermittler zwischen den Kulturen und Systemen ist, ein bedeutender Entwickler und Wohltäter. Eine Journalistenkollegin aus Kairo, ein Fotograf aus New York und ich sitzen an jenem Morgen in Agra mit am Tisch. Wir lassen unsererseits die Tage Revue passieren, die wir vorher in Karachi verbracht haben – an der Universität diskutierend mit Studenten, mit einer Ärztin in einer Neugeborenenstation und jenen Abend im Hafen, umringt von den schwer bepackten Kamelen einer Karawane. 1001 Nacht und die Realität. Die drei Tage in Projekten des AKDN (Aga Khan Development Network) waren unsere Eintrittskarte zum elitären Programm in Indien.

Wir Journalisten treffen den Aga Khan zum Gespräch

Bevor der Tag seinen Lauf nimmt – der Aga Khan wird einen Architekturpreis verleihen –, geht es um nicht weniger als den Wiederaufbau der Altstadt von Kabul und die Anlage einer neuen grünen Zone in Kairo, ein Areal groß wie der New Yorker Central Park. Es geht darum, zehn Center of Excellence in Angriff zu nehmen, die Schülern in Afrika und am Hindukusch den Weg an internationale Universitäten ebnen sollen, und um den Bau eines Museums für islamische Kunst in Toronto. Am Nachmittag jenes Tages in Agra treffen wir Journalisten den Aga Khan zum Gespräch und erfahren, dass all die Projekte realisiert werden, dass er eine Investition von mehreren Hundert Millionen Euro freigegeben hat, zur Verbesserung des Lebensumfeldes seiner Anhänger. Er liebt dieses Wort: Habitat. März 2010: Die Altstadt von Kabul steht, der Park in Kairo ist Alltag, die Bibliotheken und die Center of Excellence sind eröffnet. Das Museum in Toronto wird 2013 fertiggestellt sein. Bis dahin zieht die Ausstellung “Schätze des Aga Khan Museums. Meisterwerke islamischer Kunst” um die Welt. Bis Anfang Juni sind über 200 exquisite Exponate im Berliner Martin Gropius Bau zu sehen. Zufällig stand ich gestern mit einem der Tagungsteilnehmer von Agra vor dem Blauen Koran, einem der wertvollsten Stücke der Sammlung. Er war aus Karachi angereist, ich aus Kreuzberg gekommen. Die Botschaft des Aga Khan: Möge die Kunst des Islam die Kulturen verbinden. PS: Während Bundespräsident Köhler die Berliner Ausstellung eröffnete und sich die Frau des russischen Botschafters über die güldenen Pretiosen beugte, weilte der Aga Khan anlässlich des 50. Jahrestages der Panafrikanischen Union in Nairobi. Auch dort ging es ums große Ganze.

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