Mit besten Grüßen

von Beate Wedekind15.03.2010Gesellschaft & Kultur

Im täglichen Briefewust einer Berliner Kreativen gehen zuweilen die interessantesten Einladungen unter. Umso größer die Freude, wenn zu einem persönlichen Event geladen wird.

Vor einigen Tagen lag sie in meinem Briefkasten, eine der schönsten Einladungen, die ich je bekommen habe. Der handschriftliche Brief eines lieben Weggefährten, der mit einigen Freunden einen wichtigen Tag in seinem Leben teilen möchte – den ersten Geburtstag seines ersten Kindes. Sofort habe ich zugesagt, vorher nicht mal in den Terminkalender geguckt. Selbstverständlich werde ich mir die Zeit nehmen. Und jetzt freue ich mich wie ein kleines Kind auf diese Reise nach Bayern und den Kindergeburtstag und überlege, was ich dem Kind, dem Vater, der Mutter mitbringen kann, ein Geschenk, das Sinn macht und Freude. Eine außergewöhnliche Einladung, in der Tat, die mir den Anlass gibt, einmal generell über Einladungen nachzudenken und über meine Reaktionen darauf.

Auf Hochglanz gedruckt, mit Sponsorenlogos übersät

Zugegeben, ich leide unter einer Deformation professionelle, weil ich viele Jahre lang durch meinen Beruf als Reporterin, später als Eventmanagerin, sehr viel, zu viel, ausgegangen bin und einen gewissen Überdruss feststelle. Täglich liegen sie zwischen der üblichen Post: auf Hochglanz gedruckt, mit Sponsorenlogos übersät, manchmal kaum zu unterscheiden von Werbung. Und darum geht es bei diesen Einladungen auch, hier eine Geschäftseröffnung, dort eine Produkteinführung. Promotion, Prominente, Paparazzi – mehr oder weniger gelungene Inszenierungen für die Presse. In Berlin kommt man an manchen Tagen auf einem Dutzend solcher Empfänge mit freien Drinks und Fingerfood durch den Abend. Manchmal sage ich zu – und versuche dann auch, ein guter Gast zu sein, mache eine oder zwei oder drei Runden, spreche mit möglichst vielen Leuten, auch mit Fremden. Mache mich auf die Suche nach den drei, vier, fünf Leuten, die den Abend zu etwas Besonderem machen, die ich sonst nie getroffen und gesprochen hätte. Diese Formel eines gelungenen Abends habe ich als Reporterin in den USA von meinem Kollegen Dominick Dunne, dem genialen Vanity-Fair-Reporter, gelernt, dieses “to work a room”. “Wenn Du Dich entschieden hast, einer Einladung zu folgen, dann mach das Beste draus. Für Langeweile ist nur eine einzige Person verantwortlich: Du selbst”, predigte er und konnte sich trefflich empören über die Erwartungshaltung von Gästen, die selbst nichts zum Gelingen beizutragen bereit sind als ihre reine Anwesenheit.

Einladungen, die ein Erlebnis versprechen

Wie viel seltener gibt es sie, diese persönlichen Einladungen, auf feinem Papier gedruckt, auf dickem Karton geprägt, comme il faut kalligrafiert, begleitet von einer persönlichen Notiz des Gastgebers. Einladungen, auf denen es nichts zu “verkaufen” gilt, sondern die ein Ereignis, eine Leistung, eine Persönlichkeit feiern, eine Filmpremiere, ein Jubiläum, ein Dinner zu Ehren eines Künstlers. Einladungen, die ein Erlebnis versprechen, denen man förmlich ansieht, dass eine sorgfältige Planung, ein Spirit dahinter steht. Neulich hatte ich das Vergnügen, zu Ehren eines Malers im Atelier eines Kollegen eingeladen gewesen zu sein. An einer langen Tafel wurden Reden geschwungen, eine amüsanter als die andere, jeder wollte sich schier übertreffen, um dem Ehrengast und dem Gastgeber das Wasser reichen zu können. Ein paar Tage später bekam jeder der Gäste eine kleine Skizze per Post mit einer handschriftlichen Widmung der beiden Künstler. Und gerade hier, beim Schreiben, fällt mir ein, dass ich, anstatt mich über andere auszulassen, mal wieder eine Einladung geben sollte …

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