Wenn der Raum zur Kulisse wird

Beate Wedekind22.02.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Love Berlin Lounge hat ihre Besucher begeistert. Zwischen Original-Filmrequisiten saß man plaudernd und planend zusammen. So macht die Berlinale Spaß, selbst wenn man dadurch am Premieren-Marathon nicht teilnehmen kann.

Es gibt sie noch, diese Orte, die niemand erwartet und die dennoch so sehr Berlin sind, jedenfalls das Berlin, das sich in dem Film widerspiegeln soll, der hier, in einem Hinterzimmer an der Französischen Straße, gleich neben dem Borchardt, sieben Tage und sieben Nächte lang geplant und diskutiert wurde. “Love Berlin – How We Met” soll er heißen, in zehn Episoden von romantischen Begegnungen erzählen, wie sie nur in dieser Stadt geschehen können, in Szene gesetzt von zehn international renommierten Regisseuren, eine Hommage an die deutsche Hauptstadt, die nach dem Überwinden all der Wirren ihrer wechselvollen Geschichte sich zu einer der spannendsten Metropolen des 21. Jahrhunderts gemausert hat. Die Love Berlin Lounge, in die die Produzenten des Films Branche und Freunde am Rande der 60. Berlinale zum Austausch über das Filmprojekt eingeladen hatten, initiierte diese so typisch berlinerische spontane Begegnung mit einem Fremden, die in einer stundenlangen Tour d’Horizon mündet. Nicht viel größer als ein Berliner Zimmer – ein langer, weiß gedeckter Tisch, eine samtgepolsterte Bar und einige kleine Sitzgrüppchen, auf denen man gar nicht anders konnte, als Schulter an Schulter mit seinem Nachbarn zu sitzen und ins Gespräch zu kommen.

Der Raum wird zur Kulisse

Original-Filmrequisiten der 50er-Jahre aus dem Fundus von Studio Babelsberg, Vintagefotos großer Künstlerfotografen wie Will McBride, Robert Lebeck, Michel Comte aus der Schatzkammer der Galerie Camera Work machten den sonst eher schlichten Raum zur Kulisse. Ein “Wohnzimmer für die Stars”, schrieb Bild. Philipp von Studnitz, Gesellschaftskolumnist der B. Z., registrierte “begehrte Begegnungen der Blitzlichtberauschten, die ans Eingemachte gehen”. “Ein Ideenort”, meinte Elisabeth Binder im Tagesspiegel. “Eine charmante Neuerscheinung – ein eleganter, aber entspannter Salon”, nannte Katja Bauer die Love Berlin Lounge in der Stuttgarter Zeitung. Dieter Moor, Moderator von Titel, Thesen, Temperamente, und heftig eingespannt in die Berichterstattung des Jubiläumsfestivals, schreibt nach seinem ersten Besuch ins Gästebuch: “Das ist so ein schöner Ort, kaum zu glauben. Auf bald”, und kommt am nächsten Tag zur ruhigen Mittagsstunde wieder, um sich auf seine Interviews vorzubereiten. Martin Hoffmann, bisher TV-Produzent (MME) und bald Intendant der Berliner Philharmoniker, berichtet mit kleiner Wehmut von seiner letzten Fernsehproduktion, dem Echo, Manfred Teubner, ZDF-Chefunterhalter, von einer Sitzung am nächsten Morgen und seinen neuen Maßschuhen, Eva Hassmann von ihrer ersten Regiearbeit, Autorin Bettina Röhl von ihren Filmplänen über das Leben ihrer Mutter Ulrike Meinhof, derweil ihr Töchterchen das Gästebuch mit Blümchen bekritzelt. Nebenan malträtiert Daniel Terberger, mächtiger Logistikunternehmer aus dem Westfälischen, sein Blackberry, StudiVZ-Gründer Ehssan Dariani sein iPhone.

Ideen werden geboren und Geschäfte angebahnt

Matthias Schweighöfer, gefeiert für seine Hauptrolle in “Friendship” und frisch unter die Filmproduzenten gegangen, stärkt sich mit seiner Freundesclique am frühen Abend mit ein paar Minischnitzelchen. Volker Schlöndorff schaut zwischen einem überfüllten Cocktailempfang und einem privaten Dinner vorbei. Frühmorgens liegt Detlev Buck, kantiger Schauspieler und Regisseur, selig auf der bequemen Chaiselongue, seine Kollegin Barbara Philipp im Arm, bevor die beiden in eine weitere Partynacht entschwinden. Ideen werden geboren und Geschäfte angebahnt. Filmfinanziers treffen Start-up-Unternehmer, Hollywoodproduzenten deutsche Jungregisseure, Autoren Verleger, CEOs von Werbeagenturen die Chefs von Berliner Medienunternehmen. Als Organisatorin der Love Berlin Lounge war mein Radius bei dieser Berlinale beschränkt zwischen unserem Hinterzimmer-Salon und dem Hexenkessel Borchardt im Vorderhaus. Filme habe ich nicht gesehen, dafür aber viel über das Filmemachen und Filmelieben erfahren. Das versöhnt ungemein. Love Berlin – How We Met. Wie schade, dass die Requisiten wieder im Babelsberg-Fundus verschwunden sind.

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