Ohne Europa gibt es keine Träume auf dem Balkan. Edi Rama

Die Goldene Kamera mit den Facebook-Freunden

Am Samstag gehört die heimelige Couch zum gemütlichsten Ort einer Stadt. Aber doch nicht wenn gerade die Goldene Kamera läuft und man eigentlich im Publikum sitzen sollte! Doch: Facebook und Twitter sei Dank, ist man auch daheim fast vor Ort.

Merkwürdig, wenn man eine Fernsehsendung, die man zehn Jahre (1997 bis 2006) lang selbst produziert hat, deren Mechanismen man in- und auswendig kennt, ausnahmsweise – wegen Grippe – vom heimischen Sofa aus betrachtet. Ich meine die Goldene Kamera, den Film- und Fernsehpreis von Hörzu, der am Samstag zum 45. Mal verliehen wurde. Nachdem der Axel-Springer-Verlag die Preisverleihung wegen der Krise letztes Jahr hatte ausfallen lassen, übertrug das ZDF endlich wieder live.

Ich habe mir den Spaß gemacht, die Sendung gemeinsam mit einigen Facebook-Freunden anzusehen. Einer meldete sich gar von seinem Blackberry live aus dem Publikum in der Berliner Ullsteinhalle. Ein Twitter-Troll hatte sich in den Backstage-Bereich eingeschlichen, was er mit einem Handyfoto seines nackten Fußes bewies. Ein Stilexperte fand Laudatorin Désirée Nosbusch die Eleganteste, ein anderer widmete sich ausführlich der gut gepolsterten Taille des Moderators. Klatsch live – social network at its best.

Kerkeling ist der große Gewinner

Einhellige Meinung: Hape Kerkeling ist der große Gewinner. Sympathisch, lustig, gut. Kerkeling, mit 45 so alt wie der Preis, hatte sich in den letzten anderthalb Jahren konsequent rargemacht. Ihm gelang es in wenigen Minuten, sich die schwierige, vorher von Thomas Gottschalk jahrelang mal mehr, mal weniger lustvoll bespielte Bühne souverän zu eigen zu machen. Gleichzeitig lenkte er uneitel allen Glanz auf die Stars, die Laudatoren und die Preisträger.

Bescheiden auftretend die Preisträgerin Diane Kruger, die sich von Karl Lagerfeld belobigen lassen durfte, souverän Weltstar Richard Gere, der eindringlich an die soziale Verantwortung von Medien und Künstlern appellierte. Schier aus dem Häuschen Matthias Schweighöfer, der seine zweite Goldene Kamera bekam, niedlich verwirrt berlinernd Nachwuchsschauspielerin Maria Kwiatkowsky, gelassen Restauranttester Rach, aufgeregt das Team vom Supertalent (ohne Dieter Bohlen) und höchst verdient die Auszeichnung für den Fernsehfilm “Entführt”. Musik leider reine Männersache: Fanta 4 (20-Jahre-Jubiläum) und Simply Red (letzter Auftritt als Gruppe) und David Garrett, der Ausnahmegeiger, der Jungbrunnen dieser Goldenen Kamera.

“We Blackys have to stick together”

Auffallend die Nostalgie, die sich durch die ganze Preisverleihung zog: 60, 70, 80+ waren die Stars, deren Charisma sich wie ein Segen auf den Saal legte und auch den hartgesottenen Branchenprofis, die Kaugummi kauend nicht gerade das beste Bild im Publikum abgaben, ein Lächeln aufs Gesicht zauberte.

Preisträgerin Senta Berger, mit ihren 67 Jahren umwerfend jung und ja, schön, ließ uns mit feinsinnigem Humor an ihrer Freude über ihre – späte – erste Goldene Kamera teilhaben. Und Blacky Fuchsberger, der für sein Lebenswerk geehrt wurde und sich so ehrlich über den Überraschungsgast Harry Belafonte freute, dass er sich gar nicht mehr von der Bühne trennen konnte. Harry Belafontes Satz “We Blackys have to stick together” war der Satz des Abends.

Aber dann: einfach unschlagbar der große Danny DeVito, der ebenfalls für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Sein Freund Michael Douglas, Weggefährte seit 45 Jahren, war eigens aus New York eingeflogen, DeVito darüber zu Tränen gerührt. Douglas, immer mehr seinem Vater Kirk Douglas ähnlich werdend, hielt die beste, persönlichste und würdigendste aller Laudationes, die ich jemals bei einer Preisverleihung in Deutschland erlebt habe. Großes Kino, und ich zu Hause auf meinem Sofa vor der Glotze – zutiefst berührt. Standing Ovations für diese Goldene Kamera und ihre Macher.

PS: Danny DeVito himself twitterte fröhlich noch um drei Uhr.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Beate Wedekind: Klimawandel

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