Nur Staaten erzeugen die notwendige Stabilität. Gleichzeitig können sie der Quell allen Übels sein. Francis Fukuyama

Der Bär steppt

Die Hauptstadt war voll mit Modemachern und Prominenten. Die Berlin Fashion Week ist erfolgreich über die Bühne gegangen, und auf den glanzvollen After-Show-Partys ging es natürlich ums Sehen und Gesehen werden. Ein Rückblick.

Berlin im Fieber. Die Modeleute waren in der Stadt und machten Berlin für ein paar Tage sichtbar sexy – und erfolgreich. Die Orderbücher sind gut gefüllt, 200.000 Besucher haben ihre Spuren hinterlassen, für Umsatz gesorgt. Sogar in meiner Markthalle in Kreuzberg fielen sie auf, diese schwarz gekleideten, schicken Leute, die sich fachsimpelnd an Berliner Delikatessen versuchten. Nichts geht über eine ordentliche Portion Matjesheckerle nach einer durchfeierten Nacht in den Clubs. Einkäufer einer italienischen Edelboutiquenkette verschnaufen auf ihrer Tour durch die kleinen Ateliers der Individualisten, ihrem letzten Programmpunkt, von einigen anstrengenden Tagen auf der Suche nach dem Trend, dem Spirit. Sie sind zufrieden mit ihrer Ausbeute, waren zum ersten Mal hier und werden wieder kommen.

Es geht natürlich ums Sehen und Gesehen werden

Anders als für Stars und Sternchen, diese Garnitur des schönen Scheins, die sich den Fotografen und Fernsehkameras entgegenrecken, ist für die aus ganz Europa angereiste Branche Modewoche harte Arbeit. Allein 26 Schauen der Mercedes-Benz Fashion Week im weißen Zelt auf dem Bebelplatz (wohl zum letzten Mal an diesem geschichtsträchtigen Ort). Die Messen Bread and Butter und Premium mussten durchforstet werden. Auf Dutzenden von Satelliten-Veranstaltungen konnte man überraschend viel Glitzer und Glamour entdecken, und bei den großen Schauen wie der von Hugo Boss (mit Stargast Hilary Swank) im Hamburger Bahnhof und der von Berlins agilem Modestar Michael Michalsky im Friedrichstadtpalast (mit Kultband “Spandau Ballett”) und den anschließenden Partys ging es dann natürlich auch um das Sehen und Gesehen werden.

Szenenwechsel: emsige Ruhe in den schönen Räumen von Camera Work. Ein junger Mann und sein Meister bei der Arbeit. Andreas Mühe, 30, und der große F. C. Gundlach, 83, die Instanz der deutschen Fotografie, bei der Vorbereitung der ersten großen Werkschau des jungen Fotografen. Was an einem kleinen Modell in Gundlachs Hamburger Domizil bis ins kleinste Detail vorbereitet worden ist, hängt nun in den beiden großen, schönen Räumen der Galerie. Diese monumentalen Porträts von Menschen, Bauten, Landschaften, die Mühe so sorgfältig inszeniert, bekommen durch die Auswahl, die Gundlach getroffen hat, eine weitere, eine neue Dimension.

Der Bär steppt

Der junge Mann, wie stets von einer ausgesuchten Höflichkeit, ist dem Meister in erster Linie dankbar. Aber es schwingt auch ein bisschen Stolz mit, als er mit einem kleinen ungläubigen Kopfschütteln erzählt, dass nur ein knappes Dutzend Jahre zwischen jenem Praktikum liegt, mit dem er damals bei Gundlach seine Arbeit als Fotograf begann, und dieser großen Werkschau in einer der angesehensten Fotogalerien Europas, vom Meister kuratiert. Mühe, dessen Künstler- und Politikerporträts ihm selbst eine gewisse Prominenz gebracht haben, telefoniert im Hof der Galerie, während Gundlach noch einmal die einzelnen Blickwinkel überprüft. In seiner rechten Hand trägt er seinen Fotoapparat wie einen verlängerten Teil seines Körpers und genießt diese Momente, nur er allein in dem moosgrau getünchten Raum mit den mächtigen Bildern des jungen Mühe. “Museum”, sagt er und lächelt.

Ein Abend später steppt auch hier der Bär: Hunderte von Besuchern der Vernissage drängeln sich in der Galerie, wie immer bei solchen Anlässen wird die Kunst in den Hintergrund verdrängt. Ich mache auf dem Absatz kehrt, froh, die Bilder schon am Tag zuvor in der Ruhe vor dem Sturm betrachtet zu haben. Die Ausstellung ist bis zum 6. März geöffnet.

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