München feiert anders

Beate Wedekind18.01.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Bayerische Filmpreis lockte auch dieses Jahr wieder die Prominenz nach München. Beim feierlichen Empfang standen sich die geladenen Gäste dann auch förmlich auf den Füßen. Doch schnell stellt sich das ansonsten so oft vermisste Familienfestgefühl ein.

Diese schnarrende Stimme, dieser wippende Schnurrbart, dieser alte Herr, der ganz offensichtlich seine Gaudi hat. Willkommen am roten Teppich vor dem Prinzregententheater in München, wenige Minuten vor dem offiziellen Einlass zur festlichen Verleihung des Bayerischen Filmpreises. Ein Zeremonienmeister, gekleidet in einen schweren, bodenlangen, graublauen Militärmantel aus dem Theaterfundus mit lauter glänzendem Tand auf der Brust, dirigiert die ankommenden Gäste. Und brav verharren sie hinter der Abkordelung in der Kälte, nicht mal unters Vordach lässt er sie vor. Schlag sechs Uhr öffnet er die Pforte des Theaters und lässt die Herrschaften in ihrer Abendgarderobe in Grüppchen vor. Alles muss seine Ordnung haben und niemand meckert – wie das hundertprozentig in Berlin der Fall sein würde. Stattdessen amüsiert man sich, schäkert mit dem skurrilen Herrn und ist einfach voller Vorfreude auf einen schönen Abend.

München feiert anders

In München feiert man, so hatte ich jedenfalls nach langen Jahren Abstinenz von meiner langjährigen Heimatstadt den Eindruck, tatsächlich anders. Weniger aufgeregt einerseits und andererseits mit mehr Substanz. Nicht nur, dass ich ausnahmslos alle Preise nachvollziehen konnte, den für die beste Schauspielerin Barbara Sukowa als Hildegard von Bingen in Margarethe von Trottas Verfilmung, den für Petra Seegers Dokumentarfilm über den Nobelpreisträger und Hirnforscher Eric Kandel zum Beispiel, aber auch über den VGF-Nachwuchsproduzentenpreis für “Waffenstillstand”, den Debütfilm von Lancelot von Naso, habe ich mich sehr gefreut. Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich durch meine publizistische Begleitung des Films “vorbelastet” bin … Bully Herbig, der gleich zwei Preise für “Wickie” mitnehmen konnte, und Joseph Vilsmaier, der für sein Lebenswerk mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet wurde, und die Laudatoren Ulrich Tukur und Matthias Schweighöfer, rissen uns, das Publikum im großen Theatersaal, mit unglaublich süffisantem Humor zu Lachsalven mit.

Die Familie kommt zusammen

Auch wenn das Gedrängel beim anschließenden Empfang hart an der Grenze des Zumutbaren war, stellte sich innerhalb weniger Minuten ein bei vielen anderen Preisverleihungen so oft vermisstes Familienfestgefühl ein. Hannelore Elsner und Uschi Glas, Volker Schlöndorff und Klaus Doldinger, Doris Dörrie und ihr Mann, Filmproduzent Martin Moszkowicz, Konstantin Wecker und Ulrich Tukur mit seinen Musikern, Peter Schamoni und Eberhard Hauff, Christiane Paul und Hannah Herzsprung entspannt plaudernd oder in ihre Gespräche vertieft. Vollkommen unprätentiös das Ganze, erfreulich frei von allem Posen um des Posierens willen. Da feiert sich eine Branche für ihre Qualität. Und für den Erfolg, den sie damit erzielt hat – ein überaus erfreuliches Umsatzplus von 25 Prozent konnte das deutsche Kino im vergangenen Jahr verzeichnen – von Krise keine Spur. Dennoch: Selbstverständlich auch hier ist das Schreckenswort der vergangenen Tage, Haiti, omnipräsent, kreisen etliche Gespräche um das Thema: “Wie können wir helfen?” Einigkeit herrscht darüber, dass wir alle, die wir eine Lobby haben, eine Verantwortung haben, dass jedes öffentliche Wort der Unterstützung – und jeder Euro – wichtig ist. An einem Abend wie diesem gibt es wohl niemanden, der sich nicht seine stillen Gedanken darüber macht, wie privilegiert wir leben, wie sicher und wie reich an Chancen und Möglichkeiten. Beim Abschied am frühen Morgen ist der Mann mit der schnarrenden Stimme wieder in Hochform, pfeift Taxis heran und verabschiedet jede Dame mit einer kleinen Verbeugung.

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