Kleine Fluchten

von Beate Wedekind20.12.2009Gesellschaft & Kultur

Berlin vor den Festtagen – klare Luft, klirrende Kälte, Eisblumen am Wintergartenfenster, das Feuer im Kachelofen knistert. Die Stadt ist leer.

Die Freunde sind schon in den Bergen, am Strand von Phuket, in New York, auf Sylt und Mallorca. Auf Facebook informiert mich ein Freund, dass er sich am Morgen in Mougins / Südfrankreich die Haare hat schneiden lassen, ein anderer, dass eine von ihm im Senegal gebaute Schule endlich eingeweiht wird und ein dritter wird ironisch kommentiert, weil er Probleme mit dem weihnachtlichen Übergepäck hat. Mein junger amerikanischer Facebook-Freund, der als Agraringenieur erst vor Kurzem aus dem Irak nach Ruanda gegangen ist, postet, dass er endlich im Flugzeug sitzt, nach Las Vegas zu seinem Söhnchen. Bunte und Gala melden, dass auch die Society bereits ausgeflogen ist: Sie feiert Christmas as usual in St. Moritz und auf St. Barth, in Kitzbühl und Kapstadt. Alle Welt scheint unterwegs zu sein. Ich bleibe dies Jahr zu Hause, in Berlin, will mich auf die Stadt einlassen und ihre Stille. Meine Stimmung? Nachdenklich. Nach ebenso anstrengenden wie anregenden Wochen mit zu wenig Schlaf und vielen Gedanken, die zu Ende gedacht werden wollen, habe ich Sehnsucht nach Ruhe, nach Muße. Kaum drei Minuten zu Fuß tauche auch ich ein in eine andere Welt, lasse ich mich von dieser unglaublich schönen Illusion umhüllen, ich hätte plötzlich – Zeit!

Entschleunigung im Buchantiquariat

Nur zu gern lasse ich mich auf einen Ort ein, der mich geradezu zur Entschleunigung zwingt. Wie absurd hier mein ständig vibrierendes Blackberry ist. Ich ziehe mich in ein Buchantiquariat zurück (TausendundeinBuch, Berlin-Kreuzberg, Gneisenaustraße 60), ein wohlsortiertes Labyrinth, und mache mich hier auf die Suche nach – Gesellschaft. Eine kleine Übung in Balance gleich zu Anfang. Wie lange habe ich nicht mehr auf einer Leiter gestanden! Noch auf der obersten Stufe muss ich mich nach meinem ersten Schatz recken: den Katalog der Berliner Preußen-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau 1981. Willkürlich schlage ich eine Seite auf und studiere einen Brief, den Bettina von Arnim, die große Schriftstellerin der Romantik, am 22. März 1832 in Berlin an den Fürst Pückler-Muskau schrieb. Der Brief, damals eine neu entdeckte offene Kunstform besonders der gebildeten Frauen, kommentiert der Kurator.

Charlie Chaplin in Berlin

Eine lange Weile später bin ich vertieft in eine Preziose aus Berlin, geschehen 99 Jahre später: Charlie Chaplin in Berlin, eine von Wolfgang Gersch, einem renommierten Filmhistoriker der DDR, sorgfältig zusammengestellte illustrierte Miniatur nach Berliner Zeitungen. Chaplin verbrachte – enthusiastisch umjubelt von den Berlinern – im März 1931 eine Woche in der Stadt, besuchte das “Weiße Rössl”, “Carows Lachbühne” und die “Scala”, Hans Albers an der Volksbühne, Albert Einstein in seiner kleinen Schöneberger Wohnung. Gersch beschreibt den Jubel der Massen als Schrei: “In unheimlicher Angst vor dem Morgen … stürzten sie sich auf das Zauberwesen, das sie im Kino hatte frei werden lassen.” Chaplin reflektiert später in seinen Memoiren: “… die Nazipresse beanstandete, dass sich die Deutschen durch eine so dramatische Demonstration … für einen Ausländer … lächerlich machten.” Versöhnt mit der Zeit und belohnt mit einem Stapel von Büchern schlendere ich Stunden später nach Hause. Zeitreise ist mein Zauberwort für dieses Weihnachten und den Jahreswechsel, der das Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts bedeutet – Kinder, wie die Zeit vergeht! Der Freund mit dem Übergepäck rechtfertigt sich derweil trotzig auf Facebook, dass er schließlich seine Daunendecke mitnehme und alles für die Bescherung. Jedem sei seine kleine Flucht von Herzen gegönnt.

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