Luftwechsel

von Beate Wedekind7.12.2009Gesellschaft & Kultur

Wenn einer eine Reise tut … Ich bin drei Tage unterwegs gewesen. Berlin, Düsseldorf, Palma, Ibiza, Berlin. Mein liebster Zeitvertreib: die Passagiere beobachten, mit Fremden ins Gespräch kommen; ein Gesellschaftsspiel, das ich liebe.

Beim Mittagsflug von Berlin nach Düsseldorf sitzt neben mir ein Herr mittleren Alters. Er ist mir schon am Gate aufgefallen, weil er einen senfbraunen Anzug trägt – nicht diese graue Manageruniform, die den ganzen Warteraum in Anthrazit tüncht. Sein ausgebeulter Aktenkoffer sieht eher nach Werkzeugtasche aus. Ich tippe auf Vertreter für Baumaschinen. Wir kommen ins Gespräch, indem ich ihn frage, ob ich mal in seine B. Z. gucken darf. Ich liege mit meinem heiteren Beruferaten leider daneben, er ist Architekt und auf dem Wege zu einer Baustelle in Düsseldorf, am Tag darauf wollte er weiter nach Dubai, wo eines seiner Projekte Not leidend ist.

Klischee vom Klischee

Auf dem Flug von Düsseldorf nach Palma habe ich es mit einer Sitznachbarin vom Typ frohgemute Rheinländerin zu tun, Klischee vom Klischee. Die Fingernägel lang, künstlich, mit barocken Ornamenten lackiert, knalleng ihre bestickten Jeans, die in weißen Cowboystiefeln stecken. Vorsichtig schiebt sie ihre Louis-Vuitton-Tasche unter den Vordersitz. “Ich hoffe, sie mögen Hunde”, eröffnet sie sofort das Gespräch und ergänzt, wie um mich zu beruhigen, dass sie die Beruhigungstropfen, die sie ihrem Hündchen eingeflößt hat, genau zweieinhalb Stunden wirken. Ich erfahre noch, dass es sich bei Baby um einen reinrassigen Rehpinscher handelt, ein Geschenk ihres Göttergatten zum 50. Der – ein blondgefärbtgelockter Hüne à la Thomas Gottschalk – ist da bereits in seinen Jerry Cotton vertieft. Als ich sie frage, wie es sich denn mit ihren kunstvollen, ungewöhnlich langen Fingernägeln arbeiten lässt, nimmt sie ihre goldene Cartierbrille von der Nase und lacht mich an: “Mein Schatz arbeitet für mich.” Ungefragt erklärt sie, dass ihr Schatz mit gebrauchten Computern handelt und dick im Geschäft mit Westafrika sei. So dick, dass sie sich auf Mallorca ein Apartment kaufen wollen.

Palma ist fest in deutscher Hand

Beim Zwischenstopp in Palma ist der Flughafen fest – und ernsthaft – in deutscher Hand, Air Berlin shuttelt aus Palma von und nach allen deutschen Flughäfen. Da sitzen Pärchen schweigend nebeneinander, junge Mütter meinen, ihre kleinen Kinder permanent zur Ruhe ermahnen zu müssen, Männer starren ihre Mobiltelefone an. Da fällt die Gruppe von spanischen Senioren, die sich laut schwatzend und lachend gegenübersitzen, geradezu erfrischend auf. Später auf dem knapp 20 Minuten kurzen Flug nach Ibiza sitze ich neben einem befreundeten Unternehmer aus der Modebranche, dessen zweite Frau und die fünf Jahre alten Zwillinge er auf Ibiza in einem Traumhaus mit fantastischem Meerblick “geparkt” hat. Jeden Donnerstag fliegt er hin, jeden Sonntagabend wieder zurück. Sie, eine bildschöne junge Lettin, kam mit der Mentalität seiner Umgebung in der schwäbischen Provinz nicht klar. Was ihm ganz recht zu sein schien. Er wechselt gern die Welten, es tut der Liebe und dem Geschäft gut. Auf der anderen Gangseite ebenfalls Freunde, ein amerikanischer Filmproduzent und seine deutsche Frau, die in den 70er-Jahren ein berühmter Hippie war und immer noch von einer sehr entspannten Aura umgeben ist. Sie hat sich gerade in Kalifornien die Zähne machen lassen, er plant einen neuen, seinen 60. Film. Auf Ibiza angekommen fahre ich sofort zu meinem Haus, weitab vom Trubel der Insel, ein kleines, 150 Jahre altes Refugium inmitten einer biblisch anmutenden Landschaft. Und tue das, warum ich diese Kurzreise unternommen habe: die Ruhe genießen, Gedanken sammeln, Pläne machen, die Sonne und die Natur auf mich einwirken und fünfe gerade sein lassen, bei meinen Nachbarn herumsitzen und meine Katze kraulen. Wie dankbar ich bin. Auf dem Rückflug schlafe ich, lasse Leute Leute sein – und freue mich auf Berlin.

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