Jede Epoche hat ihre eigene Sprache. Norman Foster

Ein Sonntagsausflug

Unterwegs durch Potsdam im Taxi von Herrn Schmidt.

Ein Sonntagmorgen in Berlin, comme il faut – am Landwehrkanal entlang laufen, in einem Café das kleine französische Frühstück genießen, die Sonntagszeitungen blättern, Muße pflegen.

Und dann der Anruf einer Freundin, einer Journalistenkollegin. “Lass uns einen Ausflug machen”, sagt sie. Wir lieben das: Gemeinsam nach Geschichten suchen, das Feinste am Journalistengewerbe.

Wir nehmen die Bahn nach Potsdam. Nicht Sanssouci, nicht Holländisches Viertel – Neues wollen wir entdecken. “Da sind’se bei mir richtig”, sagt der Taxifahrer, den wir zurate ziehen. Schicksalshäuser nennt er die verfallenen Villen, die Herr Schmidt, wie er sich vorstellt, uns zeigen will, die stummen Zeugen beschämender deutscher Zeitläufe.

Warum Jauch im Garten telefoniert

Erst aber gibt Herr Schmidt Potsdamer Geschichten aus dem Hier und Heute zum Besten: “Wissen’se”, fragt er, “warum der Jauch meist draußen im Garten telefoniert?” “Weil seine dicke Villa am Heiligen See aus Stahlbeton ist und er deshalb einen sauschlechten Mobilfunkempfang hat. Und wissen’se, warum die Potsdamer den Joop so lieben? Weil er nicht nur in seine Geburtsstadt zurückgekehrt ist, sondern auch Arbeitsplätze geschaffen hat.” Herr Schmidt liebt all die schicken, jungen Menschen, die er schon vor der Villa Rumpf, in der Wolfgang Joops Modefirma Wunderkind residiert, vorgefahren hat. So weit, so gut – restauriert wurde in Potsdam viel in den letzten Jahren, etliche begeisterte Wahl-Potsdamer sind zugezogen, Oscarpreisträger Volker Schlöndorff, SAP-Gründer Hasso Plattner, Wella-Erbin Gisa Sander, Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann.

Dann halten wir vor einem Schicksalshaus an. Herr Schmidt öffnet ein klappriges Tor aus Maschendrahtzaun. Fassungslos stehen wir vor einer verfallenen Bauhaus-Villa direkt am Ufer des Jungfernsees. Spuren von Vandalismus, von Efeu überwucherter Schutt. Hier ist Nina Hagen aufgewachsen, weiß Herr Schmidt und weist auf ein Stück Mauer, ein Überbleibsel DER Mauer, die mitten durch das Grundstück ging. “Ein Skandal”, sagt Herr Schmidt, “dass das Haus abgerissen werden soll. Ein Jungunternehmer hat es gekauft und eine Neubaugenehmigung erhalten.” “Warum?”, fragen wir; Herr Schmidt murmelt wortkarg, der Chef der zuständigen Behörde sei wohl oft krank.

Das einzige Arabicum außerhalb des Nahen Ostens

Wir fahren weiter zu einem auch im Verfall prachtvoll wirkenden Häuserensemble, das die jüdische Bankiersfamilie Gutmann, Gründer der Dresdner Bank, bei ihrer Flucht vor den Nazi-Schergen 1936 zurücklassen musste. Eingefallene Dachstühle, blinde Fenster, aber hinter den morschen Mauern verbirgt sich das einzige Arabicum außerhalb des Nahen Ostens, ein holzgetäfelter Salon mit prunkvollen Intarsien, von Kunsthandwerkern aus Damaskus zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Potsdam erbaut. “Was hier passiert, is jut”, urteilt Herr Schmidt. Die Schauspielerin Nadja Uhl hat die Villa Gutmann erworben, wird sie peu à peu restaurieren und mit ihrer Familie zu neuem Leben erwecken.

Unsere letzte Station, die Turmvilla Henckel hoch auf dem Pfingstberg, wird gerade von einer Eigentümergemeinschaft um Mathias Döpfner instand gesetzt. Demnächst wird hier der Malerfürst Markus Lüpertz mit einer Kunstakademie einziehen. Der Blick vom Belvedere der Villa geht bis zum Fernsehturm am Alexanderplatz, dessen gläserne Kugel in der Nachmittagssonne glitzert.

Herr Schmidt lässt es sich nicht nehmen, uns schließlich mit seinem Taxi zurück nach Berlin zu fahren. Einfach so, weil wir ihm zugehört haben. Herr Schmidt: auch er eine Geschichte aus Potsdam.

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