Ein Sonntagsausflug

von Beate Wedekind22.11.2009Gesellschaft & Kultur

Unterwegs durch Potsdam im Taxi von Herrn Schmidt.

Ein Sonntagmorgen in Berlin, comme il faut – am Landwehrkanal entlang laufen, in einem CafĂ© das kleine französische FrĂŒhstĂŒck genießen, die Sonntagszeitungen blĂ€ttern, Muße pflegen. Und dann der Anruf einer Freundin, einer Journalistenkollegin. “Lass uns einen Ausflug machen”, sagt sie. Wir lieben das: Gemeinsam nach Geschichten suchen, das Feinste am Journalistengewerbe. Wir nehmen die Bahn nach Potsdam. Nicht Sanssouci, nicht HollĂ€ndisches Viertel – Neues wollen wir entdecken. “Da sind’se bei mir richtig”, sagt der Taxifahrer, den wir zurate ziehen. SchicksalshĂ€user nennt er die verfallenen Villen, die Herr Schmidt, wie er sich vorstellt, uns zeigen will, die stummen Zeugen beschĂ€mender deutscher ZeitlĂ€ufe.

Warum Jauch im Garten telefoniert

Erst aber gibt Herr Schmidt Potsdamer Geschichten aus dem Hier und Heute zum Besten: “Wissen’se”, fragt er, “warum der Jauch meist draußen im Garten telefoniert?” “Weil seine dicke Villa am Heiligen See aus Stahlbeton ist und er deshalb einen sauschlechten Mobilfunkempfang hat. Und wissen’se, warum die Potsdamer den Joop so lieben? Weil er nicht nur in seine Geburtsstadt zurĂŒckgekehrt ist, sondern auch ArbeitsplĂ€tze geschaffen hat.” Herr Schmidt liebt all die schicken, jungen Menschen, die er schon vor der Villa Rumpf, in der Wolfgang Joops Modefirma Wunderkind residiert, vorgefahren hat. So weit, so gut – restauriert wurde in Potsdam viel in den letzten Jahren, etliche begeisterte Wahl-Potsdamer sind zugezogen, OscarpreistrĂ€ger Volker Schlöndorff, SAP-GrĂŒnder Hasso Plattner, Wella-Erbin Gisa Sander, Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Dann halten wir vor einem Schicksalshaus an. Herr Schmidt öffnet ein klappriges Tor aus Maschendrahtzaun. Fassungslos stehen wir vor einer verfallenen Bauhaus-Villa direkt am Ufer des Jungfernsees. Spuren von Vandalismus, von Efeu ĂŒberwucherter Schutt. Hier ist Nina Hagen aufgewachsen, weiß Herr Schmidt und weist auf ein StĂŒck Mauer, ein Überbleibsel DER Mauer, die mitten durch das GrundstĂŒck ging. “Ein Skandal”, sagt Herr Schmidt, “dass das Haus abgerissen werden soll. Ein Jungunternehmer hat es gekauft und eine Neubaugenehmigung erhalten.” “Warum?”, fragen wir; Herr Schmidt murmelt wortkarg, der Chef der zustĂ€ndigen Behörde sei wohl oft krank.

Das einzige Arabicum außerhalb des Nahen Ostens

Wir fahren weiter zu einem auch im Verfall prachtvoll wirkenden HĂ€userensemble, das die jĂŒdische Bankiersfamilie Gutmann, GrĂŒnder der Dresdner Bank, bei ihrer Flucht vor den Nazi-Schergen 1936 zurĂŒcklassen musste. Eingefallene DachstĂŒhle, blinde Fenster, aber hinter den morschen Mauern verbirgt sich das einzige Arabicum außerhalb des Nahen Ostens, ein holzgetĂ€felter Salon mit prunkvollen Intarsien, von Kunsthandwerkern aus Damaskus zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Potsdam erbaut. “Was hier passiert, is jut”, urteilt Herr Schmidt. Die Schauspielerin Nadja Uhl hat die Villa Gutmann erworben, wird sie peu Ă  peu restaurieren und mit ihrer Familie zu neuem Leben erwecken. Unsere letzte Station, die Turmvilla Henckel hoch auf dem Pfingstberg, wird gerade von einer EigentĂŒmergemeinschaft um Mathias Döpfner instand gesetzt. DemnĂ€chst wird hier der MalerfĂŒrst Markus LĂŒpertz mit einer Kunstakademie einziehen. Der Blick vom Belvedere der Villa geht bis zum Fernsehturm am Alexanderplatz, dessen glĂ€serne Kugel in der Nachmittagssonne glitzert. Herr Schmidt lĂ€sst es sich nicht nehmen, uns schließlich mit seinem Taxi zurĂŒck nach Berlin zu fahren. Einfach so, weil wir ihm zugehört haben. Herr Schmidt: auch er eine Geschichte aus Potsdam.

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