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Hunger nach Aufmerksamkeit

Von allzu menschlichen Eitelkeiten – ein Abend in Berlin-Mitte und Kreuzberg

Austern schlürfen, Crevetten pulen, das Wiener Schnitzel luftig paniert, das Steak Tatar am Tisch angerichtet, die pommes alumettes dünner als Streichhölzer: Im Borchardt an der Französischen Straße im Herzen von Berlin-Mitte kann man seinen Hunger stillen (ohne Reservierung zwecklos). Das Gesellschaftsspiel, das die unangefochtene Attraktivität dieses weltweit meist empfohlenen Berliner Speisesaals ausmacht, stillt aber auch den Hunger nach Aufmerksamkeit.

Ein Samstagabend zwischen acht und Mitternacht. Filmproduzent Oliver Berben und Regisseur Sönke Wortmann präsidieren eine lange Tafel von Darstellern ihres neuen Films „Die Päpstin“, eine Melange von Stars aus Hollywood (John Goodman und David Wenham) und Berlin (Johanna Wokalek). Es wird intensiv miteinander gesprochen und auch schon mal nachdenklich geguckt – eine Rarität im Borchardt. Um kurz vor elf löst sich diese Tischgesellschaft auf, es geht ab ins Privatleben bzw. ins Hotelbett. Bis zur Weltpremiere am Montag wollen alle fit bleiben.

Lehmans letzter Praktikant

Der Tisch, der nach Aufmerksamkeit geradezu heischt, befindet sich im inner circle zwischen den Marmorsäulen, und wird präsidiert von Udo Walz, dem Frisör, der ein Star ist in der Stadt. Er hat Vicky Leandros, als Sängerin auf der Bühne und als Golden Girl mitreißender denn je, zu Tisch, ihre Tochter Sandra Baronesse von Ruffin, die Geschichte studiert, und deren Freund Konstantin Graf von Bismarck, Ur-Urenkel des Reichskanzlers, der der letzte Praktikant von Lehman Brothers war. Darüber hat der junge Banker erst neulich eine bemerkenswerte Story in der Bild-Zeitung geschrieben.

Am Nachbartisch verhandelt Pop-Komponist Uwe Fahrenkrog-Petersen, der Nena Erfinder („99 Luftballons“), über Filmmusiken für Hollywood-Horror-Movies. Und Filmproduzent David Groenewold (Odeon) hat an seinem Tisch gar einen Dokumentenstapel vor sich, offensichtlich ein Businessdinner. Dennoch schweift ab und zu sein Blick in die Runde, aus dem Augenwinkel heraus beobachtet er, wer wie mit wem spricht – wer im Borchardt sitzt, kann nicht anders, als alles mitkriegen zu wollen.

Ungestört von allem mit dem Rücken zum Geschehen genießt Corinna Erbprinzessin von Anhalt ein Abendessen mit zweien ihrer drei Töchter; sie hat sich gerade Unter den Linden eingemietet und baut in Berlin ein Kulturmanagement auf.

Crevetten und Tatar

Ich habe das Vergnügen, einfach nur zum Vergnügen im Borchardt zu sein, Crevetten und Tatar inklusive. Meine Tischherrn sind Edwin Lemberg (Wolfgang Joop’s „Wunderkind“-Partner), ein stilsicherer Dandy von scharfem Verstand, und Constantin Rothenburg, Herausgeber und Chefredakteur des Qualitätsmagazins „Quality“, ein Komödiant vor dem Herrn. Er macht sie alle nach, die an diesem Abend im Borchardt sind – oder auch nicht. Zum Schreien komisch.

Auf dem Weg nach Hause kehre ich noch in mein Kreuzberger Lieblings-Refugium ein, dem normalerweise erfrischend promifreien „Mädchen ohne Abitur“ in der Körtestraße Und wer sitzt da am Nachbartisch, zierlich, glücklich, unglaublich jung wirkend, seinen sozi-roten Parka über den Stuhlrücken gestülpt? Franz Müntefering, 69, der entlastete SPD-Vorsitzende. Den Tisch präsidiert die Frau, die ihn glücklich macht: Michelle Schumann, 40 Jahre jünger als er. Tant pis! Die anderen am Tisch sind ihre Freunde. Er genießt sein Bierchen und hört einfach nur zu, was die jungen Leute reden.

Berlin-Mitte? Jahrmarkt der Eitelkeiten, dem nichts menschliches fremd ist. Kreuzberg? Berlin von seiner uneitelsten menschlichen Seite. I LOVE BERLIN

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Beate Wedekind: Klimawandel

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