Von Bunte(n) Hunden und schwarzen Katern

von Beate Wedekind1.03.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Was ist Privatleben und was ist Angelegenheit öffentlichen Interesses? Affären, außereheliche Kinder, Betrug, Verrat und Lügen spielen sich unter dem strahlend weißen Deckmäntelchen so mancher Politiker ab. Doch darf dieses in aller Öffentlichkeit gelüftet werden? Und wenn ja, wer darf dies und mit welchen Mitteln? Wo andere von Grauzonen sprechen, zieht Beate Wedekind klare Linien.

Illustrierte wie Bunte sind erfolgreich, weil sie die Kunst des Unglückstransfers beherrschen. Die Prominenten und Du, die Leserin, der Leser, Ihr habt dieselben Probleme und Freuden, Ängste und Träume, suggerieren die Geschichten, die jede für sich und alle zusammen nur diese Symbiose zum Inhalt haben. Patricia Riekel, Chefredakteurin der Illustrierten Bunte seit 1997, spielt perfekt auf der Klaviatur der Sehnsüchte nach der Identifikation. Und deshalb hat sie – so subjektiv, wie man nur sein kann, weil sie selbstverständlich an das glaubt, was sie tut – recht, wenn sie öffentliches Interesse an den Fehltritten von Spitzenpolitikern reklamiert, Vorbildfunktion anmahnt. Ich schließe mich ihrer Meinung explizit an, wenn auch aus anderen Gründen: Mir sind Herrschaften zuwider, die ihr vermeintlich intaktes Familienleben in den Medien inszenieren, wenn es ihnen nützt, heimlich aber ein zweites Leben führen, das sie sorgsam verstecken, damit ihr Ruf keinen Schaden nimmt. Das ist üble Manipulation – der eigenen Familie wie der Wähler. Ja, deshalb ist es von öffentlichem Interesse, wenn ein Mann, der sein Amt als Vizekanzler niederlegt, um seiner tödlich an Krebs erkrankten Frau in den letzten Monaten ihres Lebens beizustehen, kurz danach vor Glück strahlend an der Seite einer sehr jungen Mitarbeiterin auftritt. Ich gönne jedem sein Glück, aber warum nur diese Eile? Ich hätte gern mit dem Witwer getrauert, ihm meine Sympathie geschenkt. Was bleibt, ist ein schaler Beigeschmack, ein alternder Mann, der nicht warten kann … Ja, es ist von öffentlichem Interesse, wenn ein bayerischer Saubermann, für den die Familie angeblich heilig ist, der führende Politiker seiner Partei, über Jahre in Berlin ein außereheliches Verhältnis hat, dessen Frucht ein Töchterchen ist. Wen wundert’s, dass die junge Frau in Bunte “auspackte” nachdem er sie hat sitzen lassen. Eine der authentischsten Gesellschaftsreportagen sein Langem. Ja, es wäre von öffentlichem Interesse, wenn ein Europapolitiker ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin hätte, die er höchstpersönlich in die nächsthöhere Gehaltsstufe befördert hat. Wollen wir mal glauben, dass sie als Arbeitskraft jeden Cent wert ist. Und ja, es ist von öffentlichem Interesse, dass der streitbare Mann aus dem Saarland kein Verhältnis mit der ebenso streitbaren Vorstandskollegin seiner Partei hat. Von öffentlichem Interesse wäre auch, das Gerücht bis zu seinem Ursprung zurückzuverfolgen. Man kann das alles unter Liebe im Büro zusammenfassen. Unter dieser Überschrift firmieren solche Themen in den einschlägigen Frauenzeitschriften. Öffentliches Interesse ja, gesellschaftliche Relevanz? Fehlanzeige. Deshalb: Die Methoden, wie den Herren mit den komplizierten Familienverhältnissen im Auftrag von Bunte hinterhergeschnüffelt wurde, sind vollkommen indiskutabel und inakzeptabel. Was da unter dem Deckmäntelchen investigativer Journalismus veranstaltet worden sein soll, entbehrt jeder Grundlage, ist eine Beleidigung für eine ganze Zunft von Journalisten, die akribisch und in zäher Kleinarbeit wirkliche Missstände enthüllen. Was mich an dem Thema so aufregt, fragte mich gestern eine Freundin und Kollegin aus den Tagen, als ich selbst Chefredakteurin von Bunte war – lang ist’s her und kurz war’s auch. Was mich so aufregt, ist diese Nachlässigkeit – gar Dummheit, dass Bunte sich einer so windigen Agentur bedient hat. Die Recherche heikler Themen ist die ureigene Aufgabe einer Redaktion, zumal wenn sie so gut informiert und vernetzt ist, wie die von Bunte. Der eigentliche Skandal ist, dass Redaktionen heute aus Rentabilitätsgründen so ausgedünnt sind, dass sie Recherchen wie diese nicht mehr aus eigener Kraft stemmen können.

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