Im Umgang mit der Sprache steht der Schriftsteller vor der Aufgabe, eine allgemeine Dirne zu einer Jungfrau zu machen. Karl Kraus

Die Spendensaison ist eröffnet!

Der Winter hält Einzug in Deutschland und die Spendengalas öffnen ihre Pforten. Spektakuläre Kleider treffen auf spektakuläre Spendensummen und die deutsche Society wärmt sich im Rampenlicht.

Wenn die Tage grau, die Abende lang und die Nächte kalt werden, dann poliert die deutsche Society ihren Glanz auf und tritt ins wärmende Rampenlicht. Geselligkeit als Angelpunkt des Lebens, besonders fröhlich, besonders festlich lässt es sich feiern im 20. November nach dem Fall der Mauer. Die deutsche Gesellschaft zeigt sich von ihrer glamourösesten und spendabelsten Seite.

Wie immer Anfang November sind es zwei Wohltätigkeitsgalas, die fast zeitgleich den bunten Reigen der Feste für den guten Zweck eröffnen: die AIDS-Gala in der Deutschen Oper in Berlin und die UNESCO-Gala in einem Luxushotel im rheinischen Neuss. Beide Galas stehen beispielhaft – wenn auch auf sehr unterschiedliche Art – für das, um was es hinter den Kulissen solch winterlicher gesellschaftlicher Großereignisse eigentlich geht. Um die Mechanismen der Wohltätigkeit, um die Aufmerksamkeit der Medien, diesen Dreh- und Angelpunkt, der allein es möglich macht, in einem kurzen Zeitraum möglichst viel Geld zu sammeln für den guten Zweck, dem man sich verschrieben hat. Spektakulär müssen sie sein, die Namen der Gäste, und gern tief dekolletiert die Roben der Damen, dann ist die Aufmerksamkeit schon mal garantiert.

Wir vergessen Euch nicht

Bei Anlässen wie diesen kann sich die Gesellschaft als eine Gruppe von guten Menschen zeigen, und wie gut, dass sie das auch in den Zeiten der Geldverknappung gern und großzügig tut. Seht her, wir vergessen Euch nicht, signalisiert das Lächeln in die Linsen der Fotografen an den roten Teppichen. An Abenden wie diesen darf sich die Eitelkeit putzen mit der Ernsthaftigkeit des Anlasses.

Wenn es dann noch sinnvolle Ansprachen von betroffenen Menschen gibt, wie die überaus berührende der HIV-infizierten Popsängerin Nadja Benaissa (“No Angels”) bei der Aids-Gala in Berlin, oder seltene Auftritte wie die von Hollywoodstar und Oscarpreisträgerin Jane Fonda als Botschafterin für die Flüchtlingskinder der Welt in Neuss, dann geht das Konzept auch inhaltlich auf. Da darf dann auch gern – je später der Abend und je besser die Musik – ausgelassen getanzt werden.

Feiern um des Feierns willen

Stilsicher, wie sich die wieder vereinigte Berliner Gesellschaft gern gibt, wird am kommenden Wochenende eine weitere Charity in den Mittelpunkt gerückt. Die Organisation “Innocence in Danger”, die sich international und seit vielen Jahren auch in Deutschland gegen den Missbrauch von Kindern im Internet einsetzt, lädt zu einem Galakonzert in die Philharmonie ein. Gegeben wird Giuseppe Verdis Messa da Requiem, dirigiert von Enoch zu Guttenberg, dem alerten Vater des jungen Verteidigungsministers, dessen Frau Stephanie zu Guttenberg “Innocence in Danger” in Deutschland vorsitzt. Die Schirmherrschaft hat die Bundeskanzlerin persönlich übernommen. Die Karten sind längst ausverkauft. Und gefeiert wird anschließend auch – Isa Gräfin Hardenberg hat, aus Hamburg kommend, vor zwanzig Jahren, wenige Tage nach dem Mauerfall, begonnen, der Berliner Gesellschaft neue Impulse zu geben. Von ihr, die privat und professionell Gastgeberin mit Herz und Seele und großem unternehmerischen Erfolg ist, kommt auch die treffliche Feststellung, dass Geselligkeit keine Nebensache im Leben ist, sondern sein Angelpunkt. Man sollte auch einfach mal wieder Feiern um des Feierns willen!

Aber jetzt in der nahenden winterlichen Fest-Saison werden auf die eine oder die andere Art diejenigen in den Vordergrund gerückt, die wenig Anlass haben, selbst zu feiern. Die Menschen, die unverschuldete Opfer eines globalen Versagens im Kampf gegen Armut und Krankheit und für den Frieden sind.

In diesem Sinne: Das Spenden nicht vergessen. Denn natürlich muss man nicht feiern, um Gutes zu tun; man kann auch einfach nur nachdenklich sein und fürsorglich. Und dabei auch nicht den Nachbarn außer Acht lassen, der seit Tagen eher sorgenvoll durchs Treppenhaus schleicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Beate Wedekind: Klimawandel

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