Der Makel des Urdeutschen

Beate Wedekind4.01.2011Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

MIGRANT! 2011 soll mein Unwort des Jahres 2010 wieder aus dem allgemeinen Wortschatz verschwinden, und zwar dorthin, wo es hingehört: in die Müllcontainer der Behörden.

MIGRANT! 2011 soll mein Unwort des Jahres 2010 wieder aus dem allgemeinen Wortschatz verschwinden, und zwar dorthin, wo es hingehört: in die Müllcontainer der Behörden. MIGRANT ist eine Pauschalisierung, die jegliche Individualisierung ausblendet und deshalb per se Menschen verachtend ist. Zum Beispiel auf jene jungen Menschen (“Jugendliche mit Migrationshintergrund“) in Deutschland angewendet, deren Familie vor Generationen hierhergekommen ist, um mit ihrer Arbeit die Lebensqualität von Deutschen ohne Migrationshintergrund zu verbessern.

Der Makel des Urdeutschen

Seit Thilo Sarrazin mit seinem Machwerk “Deutschland schafft sich ab“ die üble Seite des deutschen Volksempfindens schürte, hat MIGRANT Einzug in die Alltagssprache gefunden, so schnell, als hätten die Ignoranten der deutschen Realität geradezu darauf gewartet, endlich den libanesischen Kleinkriminellen mit der fleißigen Altenpflegerin, deren Großvater aus der Türkei stammt, in einen Topf werfen zu können. Ich habe, obwohl ich urdeutsch bin, selbst einen sogenannten Migrantenhintergrund und bin stolz darauf. Ein Großvater war Hufschmied und kam aus dem östlichsten Westpreußen als fahrender Geselle in meine Heimatstadt Duisburg, meine Vorfahren mütterlicherseits, Hochofenarbeiter, haben Hugenottenblut. Beide Familien fanden Anfang des vergangenen Jahrhunderts den Weg nach Duisburg, um eine sichere Existenz in der aufstrebenden Industrie zu finden. Später brauchten wir überall in Deutschland Türken, Griechen, Italiener. Schon als Kind habe ich mir etwas mehr Leichtigkeit gewünscht, so wie meine fröhliche Mitschülerin, derer Eltern – 50 Jahre nach meinem Großvater – aus Italien kamen. Etwas mehr Identität, wie ein Freund, der von Kind an sechs Sprachen fließend beherrscht, weil sein iranischer Vater als Ingenieur mitsamt seiner Familie überall dort lebte, wo sein Können geschätzt war. Ich möchte nicht missverstanden werden, ich liebe meine Heimat, ich bin gern Deutsche. Aber ich schäme mich … … wenn meine Kollegin Hatice Akyün, die wie ich aus Duisburg kommt, plötzlich als “Passdeutsche“ beschimpft wird. Sie ist eine angesehene Journalistin, eine streitbare Frau, Deutsche wie ich. Wie gern besäße ich ihre Gabe, die in ihr vereinten Kulturen so brillant beschreiben zu können. Die englische Professorin, die beim Abendessen unverhohlen antisemitische Äußerungen zum Besten gibt, ist selbstverständlich keine Migrantin. Ich schäme mich, wenn ein Künstlerfreund, Vater aus Chile, Mutter aus Italien, in Madrid geboren, in Paris zur Schule gegangen, in London studiert, in New York seine ersten Bilder gemalt, seit vielen Jahren immer wieder in Berlin arbeitend, wegen seines eher orientalischen Aussehens körperliche Attacken von dumpfen jungen deutschen Rowdys abwehren muss. Wie gern wäre ich ein Kosmopolit wie er. Der schwedische Schurke, der seine Freundin schlägt, ist selbstverständlich kein Migrant. Ich schäme mich, wenn die Tochter einer Berliner Freundin mit ihrer ganzen großen Familie auf Kriegsfuß steht, nur weil sie einen jungen Mann aus Pakistan heiraten will, und dass da Worte fallen wie: “Wir müssen sie vor ihm schützen.“

Das Wort 2011: Weltoffenheit

Der österreichische Betrüger ist selbstverständlich kein Migrant. Ich schäme mich, wenn mein äthiopischer Freund trotz bester Zeugnisse den Job nicht bekommt, für den er qualifizierter ist als sein deutscher Mitbewerber. Mein Wort 2011? Weltoffenheit! Und dass wir sie praktizieren. Wir alle, die wir Deutschland so besonders machen, besonders aber die Deutschen ohne Migrationshintergrund.

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