Unternehmer Helmut Baurecht im Interview mit Sigmund Gottlieb | The European

Oft fehlt die Wertschätzung der Politik

Helmut Baurecht3.02.2022Medien, Wirtschaft

Helmut Baurecht gründete 1985 die Kosmetikfirma ARTDECO. Seine Idee: Hochwertige Kosmetik zu einem erschwinglichen Preis anzubieten. Die ARTDECO-Kosmetik- Gruppe beschäftigt ca. 750 Mitarbeiter in Deutschland und ist weltweit aufgestellt. Hauptsitz der Firma ist Karlsfeld bei München. Helmut Baurecht ist einer von tausenden mittelständischer Unternehmer in Deutschland, die das Rückgrat unserer Wirtschaft bilden.

Helmut Baurecht Gründer & Inhaber ARTDECO cosmetic GmbH, Foto: Martin Kreuzer

The European: Wie kommt Ihr Unternehmen durch die Coronakrise?

Helmut Baurecht: „Unsere Umsatzentwicklung in den letzten beiden Jahren war marktkonform, wenn man von dekorativer Kosmetik ausgeht. Das heißt, dass wir zweistellige Umsatzeinbußen zu verkraften hatten. Trotzdem sind wir unverändert mit großem Abstand Marktführer im klassischen Fachhandel vor den führenden internationalen Depotmarken.“

The European: Was war die größte Herausforderung in dieser Zeit?

Helmut Baurecht: „Die Neustrukturierung der Firmengruppe, nachdem wir uns – allerdings schon vor Pandemiebeginn – dazu entschieden hatten, MISSLYN und BeYu aus dem Markt zu nehmen und uns auf die verbleibenden Marken ARTDECO, Make up Factory und ANNY zu konzentrieren.“

The European: ARTDECO gibt es seit über 30 Jahren. Wie hat sich das Unternehmen in dieser Zeit verändert?

Helmut Baurecht: „Wie bei allen Marken hat sich der Umsatz stark auf den Onlinehandel verlagert, wo wir die Umsätze verdoppeln konnten. Allerdings konnte dies den Umsatzrückgang im stationären Handel nicht kompensieren. Doch nicht nur bei der Umsatzentwicklung hat die Digitalisierung an Bedeutung gewonnen – wir sind heute in fast allen Bereichen – natürlich außer Produktion und Logistik – voll ausgerüstet, um den Betrieb auch mit Home Office weiterzuführen. Teams-Konferenzen gehören heute zum Alltag, wenn auch in einigen Bereichen wie z.B. der Produktentwicklung eine minimale Präsenz der Mitarbeiter unumgänglich ist.“

The European: …und die Situation der Wirtschaft insgesamt?

Helmut Baurecht: „Ich kenne viele Unternehmen und Unternehmer, die in der Krise stark gelitten haben, aber genauso viele, die Rekordumsätze und -erträge generieren konnten. Insgesamt scheint es der Wirtschaft ja nicht schlecht zu gehen, wenn man die Entwicklung des Bruttosozialproduktes und auch den Engpass bei Arbeitskräften betrachtet.“

The European: Wird der Familienunternehmer von der Politik ausreichend geschätzt?

Helmut Baurecht: „In vielen Bereichen sage ich nein – es fehlt oft die Lobby, um aus meiner Sicht oft sinnfreie Entscheidungen zu stoppen. Bezüglich der Coronakrise habe ich jedoch den Eindruck, dass mit den Möglichkeiten der Kurzarbeit und sonstigen staatlichen Unterstützungsprogrammen ein Großteil des Mittelstandes vor größeren Verlusten gerettet wurde. So ist ja auch – entgegen aller Erwartungen – die Anzahl der Insolvenzen stark zurückgegangen. Natürlich gibt es auch einige Unternehmen, die trotz der stattlichen Unterstützungen stark gelitten haben.“

The European: Alle reden von Nachhaltigkeit. Wie setzen Sie dieses gesellschaftliche Ziel in Ihrem Unternehmen um?

Helmut Baurecht: „Wir arbeiten in allen Bereichen daran, nachhaltiger zu werden, wobei es hier gerade im Produktbereich noch nicht für alle Sortimente ideale Lösungen gibt. Allerdings ergeben sich jedoch systematisch Verbesserungen, da heute fast alle Lieferanten daran arbeiten, nachhaltigere Verpackungen und Inhalte mit natürlichen Wirkstoffen zu entwickeln. Mit einem Teilsortiment – der „Green Couture – Kollektion“ – setzen wir hier bereits Trends mit dem Ziel, mittelfristig alle Produkte auf dieses Level zu bringen, wobei wir auch bei der Basiskollektion mit einer Vielzahl von nachfüllbaren Produkten schon seit langen nachhaltige Konzepte anbieten. Aber auch in vielen anderen Bereichen arbeiten wir an nachhaltigen Konzepten – vom papierlosen Büro über umweltfreundliche Verpackungsmaterialien, Solarpaneele auf unserem Gebäude bis hin zur Optimierung der Logistikketten. Eine direkt der Geschäftsleitung unterstellte Nachhaltigkeitsbeauftragte koordiniert hier alle Bereiche und dokumentiert auch den Fortschritt.“

The European: Wie wird sich die Kosmetikbranche bis zum Jahr 2030 entwickeln?

Helmut Baurecht: „Die Entwicklung hin zu nachhaltigeren Produkten und natürlichen Inhaltsstoffen wird starke Veränderungen bei den Sortimenten bringen. Schon jetzt merken wir, dass eine steigende Anzahl von Kunden bereit ist, auf Luxusverpackungen zu verzichten und es trendig findet, nachhaltigere Verpackungen zu verwenden, wobei allein schon die aktuelle Gesetzeslage verlangt, bis 2030 auf Neuplastik zu verzichten.“

 Helmut Baurecht Gründer & Inhaber ARTDECO cosmetic GmbH, Foto: Martin Kreuzer

Das Gespräch führte Sigmund Gottlieb

 

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