Das Haus Europa darf kein Krankenhaus sein. Karl Dedecius

Transatlantischer Dialog, Revisited

Die amerikanische Kulturpolitik hat viele Deutsche während des Kalten Krieges entscheidend geprägt. Seit seinem Ende haben sich Kulturpolitik und Kulturaustausch normalisiert, sind etwas selbstverständliches geworden. Warum es sich lohnt den Dialog wieder zu intensivieren.

Auf „Youtube“ kann man sehen und hören, wie Jürgen Habermas einem amerikanischen Journalisten seine geistige Biographie erläutert. Das alles verbindende Thema seines Werks, sagt er, sei Demokratie, auch deshalb, weil er bis zu seinem 16. Lebensjahr ihr Gegenteil erlebt habe. Wie viele in seiner Generation sei er ein Kind der amerikanischen „Reeducation“ in Deutschland nach dem Krieg. Was Habermas hier sagt, gilt für uns alle. Man kann als Deutscher nicht den Jahrgängen von 1920 bis 1960 angehören, ohne auf die eine oder andere Weise ein geistiges Produkt der amerikanischen Kulturpolitik zu sein.

Was immer wir, von Jackson Pollock bis zum Free Jazz und zu Andy Warhol, „unserem“ Kanon zurechnen, ist das Ergebnis dieser Kulturpolitik. Wenn es im Berlin des Kalten Krieges ein geistiges Leben gab, dann hatte auch daran – man denke an die Ford Foundation oder das Literarische Colloquium – die amerikanische Kulturpolitik ihren Anteil. Ihr Ziel war es, die Freiheit der „freien Welt“ durch eine entsprechend freie Kunst zu dokumentieren. Man kann sich keine erfolgreichere Kulturpolitik vorstellen als die der USA in Europa und vornehmlich in Deutschland zwischen 1948 und 1968. Sogar der Antiamerikanismus, der in der Studentenbewegung um sich griff, war ja gewissermaßen ein Import aus Berkeley.

Erfolgreiche Kulturpolitiken haben irgendwann ihr Ziel erreicht und wenden sich dann neuen Aufgaben zu. Trotzdem muss man bedauern, dass die großen, fast möchte man sagen, heroischen Anstrengungen der fünfziger und sechziger Jahre keine Fortsetzung gefunden haben. Die großen Gründungen – etwa die Amerikahäuser, aber auch die Goethe-Institute – stammen aus dieser Zeit. Kulturpolitik und Kulturaustausch haben sich seither normalisiert, man könnte auch sagen ent-dramatisiert. Das „ganz Normale“, von dem Politiker gern sprechen, wenn sie die gegenwärtigen Beziehungen charakterisieren, birgt freilich auch die Gefahr, das ganz Selbstverständliche und irgendwann auch das ganz Langweilige zu werden.

Was kann man gegen diese Erschöpfung aus Selbstverständlichkeit unternehmen? Man kann nicht die Problem- und Gefahrenlage des Kalten Krieges wieder erfinden. Wir müssen damit leben, dass andere Weltgegenden von China bis in die arabische Welt mehr Konfliktstoff bergen und die Aufmerksamkeit der Politik für sich beanspruchen.

Gerade weil Deutschland und Amerika selbstverständlicher Teil der „freien Welt“ sind, lohnt es sich aber, wenn Deutschland und Amerika wieder in einen intensiveren Dialog über die Bedingungen, die Bewahrung und die Gefährdungen unserer Freiheit eintreten – und das schließt die Freiheit des kulturellen Ausdrucks notwendig mit ein. Habermas‘ Wort von der Demokratie, die der Kompass seines großen Werks sei, kann einen dabei leiten.

Der transatlantische Dialog hat allen Grund, von Sorge erfüllt zu sein; so wie die amerikanische Kulturpolitik im Kalten Krieg von einer Sorge bestimmt war. Damals wie heute war es , wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen, die Sorge um den Fortbestand der Freiheit. Diese Sorge rechtfertigt und erfordert große Anstrengungen, neue Gründungen, neue Initiativen und einen neuen Geist der Zusammenarbeit.

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