Der Hitler in uns

von Barbara Zehnpfennig18.10.2014Gesellschaft & Kultur

Warum fällt es uns Deutschen so schwer, mit Hitler umzugehen? Weil wir wissen, dass noch immer eine archaische Bewunderung nackter Stärke in uns lauert.

Auch fast 70 Jahre nach Kriegsende lässt ­Hitler uns nicht los. Wo immer sein Name, wo immer sein Gesicht mit der klobigen Nase und dem emblematisch gewordenen Lippenbärtchen auftaucht, ­reagieren wir mit denselben Reflexen: Abscheu und Belustigung, Verachtung und das wohlige ­Gefühl der eigenen haushohen Überlegenheit. Hitler ist für uns der ferne Spiegel, in dem sich der Fortschritt reflektiert, den wir seit der Herrschaft dieses bösen Clowns und komischen Verbrechers gemacht haben.

Die Schwere der mit seinem Tun verbundenen Schuld halten wir uns durch das Lächerlichmachen seiner Person vom Leib; andererseits beharren wir darauf, das schlimmste Verbrechen in der Menschheitsgeschichte begangen zu haben, und ziehen einen perversen Selbstgenuss aus dem, was einmal zu Recht „Sündenstolz“ genannt wurde. Wir verachten Hitler zutiefst und brauchen ihn doch irgendwie, um unser verqueres deutsches Selbstverhältnis und Selbstverständnis halbwegs ins Lot zu bringen.

Irrationaler Umgang mit „Mein Kampf“

Wenn man nun glaubt, dass auch das gestörte deutsche Nationalgefühl ein Ergebnis des Hitlerschen Wirkens ist, kann man sich durch die Lektüre von „Mein Kampf“ eines Besseren belehren lassen. Hier beklagt Hitler nämlich, dass nur die Deutschen stets um einen „objektiven Standpunkt“ bemüht seien, während alle anderen Völker mit größter Selbstverständlichkeit ihre nationalen Interessen wahrnähmen. Die Distanz zum Eigenen, das sich als Vornehmheit gerierende, vielleicht aber doch nur fehlenden Bekennermut signalisierende mentale Abrücken von der eigenen Nation scheint kein neues Phänomen zu sein. Es hat durch die Jahre der NS-Herrschaft nur neue Unterfütterung erfahren.

Diese Unterfütterung hatte­­ allerdings eine durchschlagende Wirkung. Hitlers Versuch, die von ihm wahrgenommene Tendenz durch einen an Konsequenz kaum zu überbietenden Nationalismus zu konterkarieren, hat in Deutschland alles Nationale dem Generalverdacht ausgeliefert. Die türkischen Flaggen in unserem Land ertragen wir eher als die deutschen, die neuerdings leichtsinnigerweise bei Fußball-WMs geschwenkt werden. Dieser Spuk hat schnell wieder vorbei zu sein, wollen wir uns nicht dem Verdacht aussetzen, aus der ­Geschichte nun aber auch gar nichts gelernt zu haben. Da ist es kein Wunder, wenn sich die Fußballspieler beim Singen der Nationalhymne sehr verhalten zeigen oder das Singen gänzlich verweigern. Sie entsprechen damit gesellschaftlichen Erwartungen, die sich offenbar aus der Hypothese speisen, das Deutsch-Sein wäre mit dem Böse-Sein quasi ­genetisch verbunden.

Ähnliche Irrationalität zeigt sich auch im Umgang mit Hitlers „Mein Kampf“. So gefährlich scheinen die in ihm niedergelegten Gedanken zu sein, dass jeder möglichen Kontamination des Lesers durch die Gedankenwelt Hitlers mittels staatlichen Verbots vorgebeugt werden muss. Diese Angst vor der dämonischen Verführung, die von dem Buch ausgehen könnte, verträgt sich nun allerdings schlecht mit der Banalität, die ihm andererseits attestiert wird. Es wäre schön, wenn man sich hier einmal entscheiden könnte. Entweder ist das Buch dumm und ungefährlich, oder es ist raffiniert und brandgefährlich. Dass es nur für die Dummen gefährlich ist, ist auch keine Lösung, denn bei dem Maß der dabei unterstellten Dummheit müsste ebenfalls unterstellt werden, dass die entsprechende Klientel Bücher eher meidet.

Das Böseste, was die Welt je sah

Wir hassen Hitler und kommen dennoch nicht von ihm los. Wir machen uns über ihn lustig und fürchten ihn zugleich. Was ist der eigentliche Grund für diese Ambivalenz, diese uneingestandene, aber manifeste Faszination? Man kann da wohl nur spekulieren. Möglicherweise ist ein schon vor Hitler gestörtes nationales Selbstverhältnis durch ihn seiner selbst ansichtig geworden.

Vielleicht wollen auch die Deutschen sich einfach nur als eine Gemeinschaft fühlen, vielleicht wollen auch sie einfach nur stolz sein auf ihr Land – keineswegs in übersteigerter Weise, sondern bloß so, wie sie es von anderen europäischen Völkern kennen. Doch sie verbieten es sich. Denn bei den Deutschen, so die unterschwellige, durch Hitler scheinbar bestätigte Suggestion, wendet sich das Nationale gleich ins Verbrecherische. Dieses Verbrecherische ist andererseits wieder von einsamer Größe, es ist das Böseste, was die Welt je sah.

Eine solch negative Größe darf man aber ­natürlich nicht bewundern, man muss sie verabscheuen. Und die vielleicht dennoch heimlich ­gehegte ­Bewunderung für das Grundstürzende, das ein gesellschaftlicher Niemand wie Hitler in Gang zu setzen vermochte, bekämpft sich leichter, wenn man die Person ins Lächerliche zieht. Man hat sich damit selbst entlastet, man hat Distanz gewonnen zu der uneingestandenen Faszination durch die schiere Größe des von Hitler unternommenen ­Angriffs auf die zivilisierte Welt sowie die daraus erwachsenen Folgen.

Wenn man es so fasst, weist das Phänomen über sich hinaus. In Hitler, in der Frage der Nation, ­werden wir möglicherweise mit den Abgründen konfrontiert, die im Menschen als solchen lauern: der Spannung zwischen den Werten, die wir uns zivilisatorisch angeeignet haben, und der ganz archaischen Bewunderung für die nackte Stärke, die sich über alle zivilisatorischen Grenzen hinwegsetzt – einfach, weil sie es kann. Vielleicht sollte man das ­Phänomen Hitler einmal stärker unter dieser Perspektive betrachten. Dann ist es nämlich auf einmal gar nicht mehr so spezifisch deutsch.

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