Wichtiger denn je

von Barbara Thomaß9.07.2013Medien, Wissenschaft

Allen Unkenrufen zum Trotz ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk gerade in Zeiten unendlicher Medienangebote unverzichtbar. Denn er garantiert qualitativ hochwertigen Journalismus. Abschalten ist darum keine Alternative – auch nicht in Griechenland.

In einer Nacht-und-Nebelaktion zum 12. Juni wurden überraschend in Griechenland die ERT-Sender abgeschaltet. Drei landesweite TV-Sender, sieben landesweite Radiokanäle und 19 Lokalradios wurden geschlossen. Als Grund für diesen radikalen Schnitt wurden die Finanzkrise und das Erfordernis, Staatsbedienstete zu entlassen, genannt und auch die Verkrustung des staatlichen ERT-Apparates.

Diese Probleme durch Abschaltung zu lösen, hat etwas Alt-Biblisches: Wenn dein rechtes Auge dich ärgert, so reiße es aus. Mit den Mitteln moderner Augenheilkunde sollten sich andere Heilmittel finden lassen. Für die Lösung der Finanzprobleme Griechenlands liegen viele Vorschläge auf dem Tisch, von der Stärkung der Wirtschaft bis zur Erhöhung der Steuergerechtigkeit. Wirtschafts- und finanzpolitische Instrumente sind hier gefordert und nicht ein brachialer Schnitt, der der griechischen Regierung nur kurz Luft verschafft hätte. Das Urteil des Obersten Verwaltungsgerichts vom Montag, dem 17. Juni, wonach der staatliche Rundfunk ERT unverzüglich wieder auf Sendung gehen muss, war insofern nur richtig.

Unabhängig vom Staat und öffentlich kontrolliert

Für die Lösung des Problems, dass der griechische ERT unter der Kuratel der Regierung stand, die den öffentlichen Rundfunk als willkommenes Instrument für die Versorgung ihrer Parteiklientel mit Pöstchen missbrauchte, ist ebenfalls Abschaltung das falsche Mittel. Eine Stärkung der Unabhängigkeit des ERT und seiner Kontrolle durch die Öffentlichkeit (nicht durch die regierende Partei) wäre das Angebrachte für einen Rundfunksender gewesen, der der Öffentlichkeit – zumindest dem Ideal nach – dienen soll.

Die Abschaltung löste also kein Problem, sondern hätte nur neue geschaffen: Wo wäre dann in Griechenland das Forum anzutreffen, auf dem in einer äußerst schwierigen Situation des Landes die Debatten geführt werden, aus denen Lösungen für die Staats- und Wirtschaftskrise hervorgehen können? Wo würde der Diskurs aus Meinung und Gegenmeinung nachvollziehbar für eine breite Öffentlichkeit ausgetragen?

Dennoch fanden sich etliche Kommentare auf den Nachrichtenseiten im Netz, die gleich auch die Schließung von ARD und ZDF forderten. Was würde solch ein abruptes Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland für die Gesellschaft bedeuten – so unwahrscheinlich es angesichts der Bestands- und Entwicklungsgarantie, die das Bundesverfassungsgericht mehrfach aussprach, auch ist?

Auf der einen Seite lässt sich argumentieren: In der Online-Welt der unendlichen Medienangebote, die überall und jederzeit zur Verfügung stehen, ist öffentlicher Rundfunk nicht mehr vonnöten. Doch es ist eine naive Marktgläubigkeit, anzunehmen, gewinnorientierte Anbieter würden alle informationellen und kulturellen Bedürfnisse befriedigen. Vielmehr gilt: Medienkonzentration, Globalisierung und Kommerzialisierung verknappen das Angebot von professionellem, qualitativ hochwertigem und glaubwürdigem Inhalt, zu dem alle Menschen Zugang haben, zugunsten von Informationshäppchen und Unterhaltungsangeboten in enger Verbandelung mit unerschöpflichen Konsumvorschlägen. Deshalb werden öffentlicher Rundfunk und seine Angebote auf allen Plattformen eher noch notwendiger als bisher.

Die Stärke von öffentlichem Rundfunk war und ist, unabhängigen, qualitativ anspruchsvollen Journalismus zu bieten, relevante kulturelle und Unterhaltungsinhalte, die einen Fundus an gemeinsamen Erfahrungen in einem gegebenen Kulturkreis liefern, und ein Forum für Debatten in einer pluralistischen Demokratie, das potenziell alle Bürgerinnen und Bürger erreicht und frei von kommerziellen Interessen ist. Eine Institution mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren, die diesen Inhalt bietet, ist eine Garantie für Qualität und Kontinuität. Wer dies negiert, wie dies zur Zeit fast kampagnenartig durch Printmedien verbreitet wird (die dabei unverhohlen die eigene Agenda verfolgen, den öffentlichen Rundfunk vom angesagten Online-Zugang zum Publikum fernzuhalten), ignoriert die Fülle und Breite dessen, was die Programme von ARD und ZDF bieten.

Denn es ist nur folgerichtig, dass bei dem gegebenen Trend zur Ausdifferenzierung der Angebote sich auch der öffentliche Rundfunk nicht mehr mit den traditionellen Fernsehvollprogrammen begnügen kann, sondern für die kommunikativen Bedürfnisse der unterschiedlichen Publikumsgruppen auch unterschiedliche Angebote – sowohl nach Programmprofilen als auch Inhalten und Genres – machen muss.

Ansprache des Publikums weiterentwickeln

Natürlich müssen ARD und ZDF ihre Programme weiterentwickeln, Online-Konzepte entwickeln, neue (jüngere und migrantische) Publika mit anderen Mitteln adressieren und dafür auch ihre eigene Organisationskultur und ihre Ansprache des Publikums weiterentwickeln. Ihre Rolle, zur demokratischen Debatte und sozialem Zusammenhalt beizutragen, wird in der digitalen Medienumgebung anders zu definieren und umzusetzen sein als bisher. Und auch die beaufsichtigenden Rundfunkräte müssen sich modernisieren, müssen den Dialog mit der Öffentlichkeit, die sie schließlich vertreten, suchen und aktiv vorantreiben.

Doch in einer Gesellschaft, in der soziale und ökonomische Solidarität eher im Schwinden begriffen ist, und die Fragmentierung der Zuschauerschaften und der Bevölkerung überhaupt eine Fülle von Lebensstilen, Weltanschauungen und Wertemustern hervorbringt, ist die Notwendigkeit von integrierenden öffentlich finanzierten, öffentlich verantworteten und öffentlich kontrollierten Medien (ja: Medien, denn dem öffentlichen Rundfunk müssen die neuen Online-Plattformen zugänglich sein) wichtiger denn je.

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