Wahnsinn zu zweit

Barbara Kuchler23.04.2014Gesellschaft & Kultur

Liebe ist wie eine Krankheit. Kein Wunder, dass wir uns so lange gegen sie gewehrt haben.

Romantische Liebe ist kein archaisches Relikt, sondern eine Erfindung der Moderne. Die wenigsten Gesellschaften der Geschichte kennen die Liebe in unserem Sinn, Heiraten und Familienbildung folgten dort anderen Regeln. Es gab oft keine freie Partnerwahl, geschweige denn aufregende Liebesdramen. Ehen wurden von den Eltern arrangiert und sahen höchstens eine gewisse Sympathie zwischen Mann und Frau vor.

Erst ab 1800 setzte sich das Konzept der romantischen Liebe durch. Dazu gehört die Vorstellung der unkontrollierbar und krankheitsartig auftretenden Verliebtheit, außerdem die Verbindung von intensiver emotional-sexueller Anziehung und Familiengründung. Ehe und Familie auf eine rein emotionale Beziehung zu gründen, statt auf ökonomische oder andere handfeste Erwägungen, war ein radikal neuer Gedanke.

Ein Hort von Chaos

Dies kann soziologisch erklärt werden: Die moderne Gesellschaft wird komplexer und differenzierter, und es bilden sich spezialisierte Sphären für verschiedene funktionale Probleme heraus. So entstehen etwa die moderne Wissenschaft, die geldbasierte Wirtschaft und eine massenmedial vermittelte Öffentlichkeit. Ebenso entsteht eine besondere Sphäre für Privatheit und Intimität, und romantische Liebe ist ein zentrales Prinzip dieser Sphäre.

Die Liebe ist also keine universelle Erfahrung, die immer schon zum Menschenleben dazugehört hat. Im Alltag stellen wir uns das so vor, und es wird uns von Romanen und Filmen suggeriert. Von dieser Vorstellung muss man sich aber verabschieden, wenn man soziologische und historische Forschung ernst nimmt.

Warum ist Liebe ein Hort von Chaos, von unbegreiflichen Erlebnissen, aufwühlenden Gefühlen und unvernünftigen Taten? Auch das passt ins soziologische Bild. Die krankheitsähnliche, unbeherrschbare Verliebtheit – der „Wahnsinn zu zweit“ – steht für die Autonomie dieser neu entstandenen Sphäre gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Liebe soll sich durch nichts kontrollieren lassen außer durch sich selbst. Sie soll nicht durch äußere, „vernünftige“ Kriterien wie ökonomischen Nutzen, religiöse oder verwandtschaftliche Zugehörigkeit oder anderes reguliert sein. Gerade in der Unvernunft der Liebenden steckt so gesehen noch gesellschaftlicher Sinn.

Enttäuschung mit System

Mit der Entstehung einer eigenen Sphäre für intime Kommunikation werden deren Chancen und Risiken hochgetrieben. Das gilt im Positiven wie im Negativen: Nirgends erwarten wir mehr Glück, mehr Erfüllung, mehr Lebenssinn und zwischenmenschliche Tiefe als in Paarbeziehungen und Familien. Nirgends gibt es aber mehr Unglück und mehr katastrophale soziale Verläufe als in unglücklichen Liebesbeziehungen, scheiternden Ehen und zerrütteten Familien. All dies gehört zu den Risiken und Folgeschäden der modernen Gesellschaft – genauso wie etwa die regelmäßigen Wirtschafts- und Finanzkrisen einer ausdifferenzierten Geldwirtschaft.

Die hohe Zahl von Enttäuschungen und Trennungen hängt systematisch mit dem Vorherrschen des romantischen Liebeskonzepts zusammen. Die allgegenwärtige Verklärung der Liebe, etwa in Romanen und Hollywoodfilmen, führt dazu, dass wir fast zwangsläufig von unserer eigenen Beziehung enttäuscht sind.

Denn diese stürzt unweigerlich aus den Höhen romantischer Ekstase in die Niederungen täglichen Zusammenseins ab, und der Partner ist unweigerlich nur ein ganz normaler Mensch und kein Märchenprinz. Viele machen dann für das Ausbleiben ewiger Liebe den Partner verantwortlich, der doch nicht „der Richtige“ war, und versuchen es mit einem neuen Partner noch einmal. Wiederholungsgefahr garantiert.

Aber auch viele Menschen ohne Beziehung sind Opfer des romantischen Liebeskonzepts. Viele Singles sehnen sich nach Beziehungsglück und sind oft jahrelang bei Partneragenturen unterwegs. Ohne die allgegenwärtigen Bilder von Liebesglück wäre das Fehlen einer Paarbeziehung gar nicht unbedingt so tragisch, mancher würde vielleicht gar nichts vermissen.

Romantische Liebe ist beides: Verklärung und Wirklichkeit, Fiktion und real wirksamer Triebfaktor. Das hat nichts mit ihrer vermeintlich archaischen Rätselhaftigkeit zu tun, sondern mit der Widersprüchlichkeit unserer Gesellschaft.

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