Die Türkei schafft sich ab

von Aydin Işık27.04.2014Gesellschaft & Kultur

Orientalische Currywürste, Christianisierung und sonntags immer Tütört. Wir schreiben das Jahr 2048: Die Türkei ist fest in deutscher Hand.

Aufgrund des 30. Jubiläums des Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und Deutschland im Jahr 2048 reise ich nach Istanbul. Als ich in dort ankomme, steige ich in ein Taxi, der Taxifahrer heißt Detlef. Detlef lebt seit 25 Jahren hier, ist eigentlich gelernter Bankkaufmann, aber als solcher fand er keinen Job und war froh, als Taxifahrer Geld verdienen zu können. Detlef ist nicht der Einzige, der betroffen ist. In Istanbul oder auch in anderen Ecken der Türkei trifft man auf etliche Deutsche, die als Bauarbeiter, Taxifahrer, Dönerverkäufer oder als Putzkraft arbeiten, obwohl einige von ihnen ein abgeschlossenes Studium in der Tasche haben.

Kein Schweinefleisch mehr

Aber was war denn vor 30 Jahren? Warum kamen damals Millionen von Deutschen in die Türkei? Rückblick: Wie 2008 fegte auch 2017 auf einmal eine unerwartete Wirtschaftskrise über die großen Industrieländer hinweg. Nicht mal Angela Merkel konnte Deutschland retten. Die Folgen der Krise waren enorm. Jedes Euroland stieg aus dem Euro aus, in der Hoffnung, die eigene Wirtschaft so retten zu können. Auch die deutsche Wirtschaft schrumpfte, und in Folge dessen kletterte die Arbeitslosenqoute auf satte 37 Prozent.

In dieser Zeit wurde die türkische Wirtschaft, die sich in den letzten Jahren eher an den asiatischen und russischen Markt gewandt hatte, immer stärker. Es ging so weit, dass die Türkei angefangen hatte, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen. So unterschrieben im August 2018 Merkel und Erdogan einen Arbeitsabkommensvertrag, durch den schon im gleichen Monat zehntausende Deutsche als Gastarbeiter in die Türkei reisten. Mittlerweile leben knapp drei Millionen Deutsche in der Türkei. Davon 1,3 Millionen in Istanbul. Somit ist Istanbul nach Berlin, Hamburg und München die Stadt, in der die meisten Deutschen leben.

Am ersten Abend bin ich in der deutschen Botschaft zu einer Gala eingeladen. Viele deutsche und türkische Politiker sind vor Ort. Darunter auch Bundeskanzler Guttenberg und der türkische Ministerpräsident Erdogan. Der mittlerweile 95-jährige Erdogan sagt, dass die Türkei ohne die deutschen Gastarbeiter niemals diesen Erfolg erreicht hätte. Der deutsche Botschafter bedankt sich, wie jedes Jahr, bei den Türken für die Gastfreundschaft. Der Integrationsminister der Türkei macht auf einige Probleme der Gastarbeiterkinder aufmerksam. Die Lösung ist bekannt: Auflösung deutscher Ghettos, mehr Integration für die Gastarbeiter.

Wie immer an solchen Abenden verlasse ich hungrig die Botschaft und mache mich auf die Suche nach etwas Schnellem und Leckerem. Natürlich führt mich dieser hungrige Weg zu einem deutschen Currywurstbude. Ja, die Currywurst hat den Kampf gegen den Döner gewonnen und ist seit fünf Jahren offiziell das meistgegessene Fast Food in der Türkei. Die Currywurstindustrie setzt jetzt jedes Jahr Milliarden Lira um.

Werner aus Bayern ist der Besitzer der Currywurstbude. Er war einer der Ersten und lebt schon seit 30 Jahren hier. Er war in Deutschland als Zahnarzt tätig, hatte sogar eine eigene Klinik. Hier fand er als Zahnarzt keinen Job und eröffnete eine der ersten Currywurstbuden in Istanbul. „Bist du gut integriert?“ frage ich ihn. „Was heißt integriert?“ sagt er. „Wir leben hier so wie damals in Deutschland, nur statt Filterkaffee trinke ich jeden Morgen türkischen Tee, statt Sportschau schau ich mir die Zusammenfassung der türkischen Liga an und statt Tatort die türkische Version Tütört. Ich laufe nicht mehr mit Schuhen in der Wohnung, mein Magen verträgt kein Schweinefleisch mehr, und meine Frau trägt freiwillig ein Kopftuch, aber ansonsten leben wir genauso wie damals.“

„Sie wollen unsere Töchter heiraten!“

Unterwegs zu meinem Hotel treffe ich auf der Strasse auch auf andere. Die Schicksale sind gleich; alle wollten nur vier bis fünf Jahre hier bleiben, Geld sparen und danach wieder zurück. Aber sie blieben. Einige von ihnen sind immer noch nicht richtig angekommen. „Ich brauche ja deren Sprache nicht, ich habe nur mit Deutschen zu tun“, hört man oft. Mit Türken wollen sie nicht viel zu tun haben. „Sie hat so einen Dreckstürken geheiratet“, sagt Roland aus Wuppertal und wird dabei rot im Gesicht. Vor einigen Jahren heiratete seine Tochter einen Türken, und seitdem hat er keinen Kontakt mehr zu ihr. „Ja, was soll ich denn mit so einem Moslem als Schwiegersohn?“, fragt er fast schreiend.

Unterwegs zu meinem Hotel bleibe ich stehen, als ich zwei türkische Männer vor einem türkischen Café reden höre. Es geht um die Gastarbeiter. Der eine, etwa 50 Jahre alt mit Schnurrbart, regt sich richtig über die Deutschen auf: „Wir haben sie hier aufgenommen, ihnen Arbeit gegeben, und was machen sie? Sie lernen nicht mal richtig Türkisch. Die deutschen Jungs wollen unsere Töchter heiraten. Bald laufen in der Türkei nur noch blonde Kinder rum. Und sie wollen überall Kirchen bauen. Überall! Man hört nur noch Kirchenglocken. Das ist das schleichende Christentum!“ Das Gespräch schaukelt sich langsam hoch, ich entscheide mich, ins Bett zu gehen.

Gegen fünf Uhr morgens am nächsten Tag wache ich auf und erinnere mich an das, was Detlef mir im Taxi sagte: „Ich kann mich in der Türkei an alles gewöhnen, aber an eins nicht, und das ist der Gebetsruf jeden Morgen um fünf Uhr. Der ist so laut, und überall gibt es Moscheen. Es kommt einem so vor, als würde es nie wieder aufhören. Keiner kann sich daran gewöhnen.“ Der Muezzin schreit von dem Minarett nebenan direkt in mein Ohr, und ich denke an drei Millionen Deutsche, die höchstwahrscheinlich wie ich gerade wach im Bett sitzen und darauf warten, dass das endlich vorbei ist.

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