Was bedeutet der Brexit für die Identität Europas?

von Aurelius Belz29.08.2017Europa, Gesellschaft & Kultur

Kirchenreform, Linksverkehr, Brexit – innere Distanz und Skepsis haben Tradition auf der Insel, sie sind allerdings keine speziell britischen Erscheinungsformen. Blicken wir auf die Schweiz oder auch den Vatikanstaat, so sind sie geographisch zwar mittendrin, aber ebenfalls nicht dabei. Wo aber darf Identität eigentlich „europäisch“ genannt werden – in Warschau, Budapest, Brüssel oder Bern?

Was bedeutet der Brexit für die Identität Europas? Gar nichts! – so die Ausgangsannahme der vorliegenden Zeilen, denn die geographische Außenseiterposition der Britischen Insel lud von jeher dazu ein, das Geschehen auf dem Kontinent mit Abstand zu betrachten, und so bot es sich immer wieder an, Gelegenheiten wahrzunehmen, um die Dinge eigenständig und anders zu regeln.
In historischer Betrachtung haben wir eine Liste von Kriegen-, den 100jährigen-, den 30jährigen-, die Napoleonischen Kriege und zudem die Reformation und die Aufklärung als Goßereignisse zu verbuchen. Im letzten Jahrhundert kamen zwei Weltkriege hinzu. Das haben wir Europäer gemeinsam. Nennen wir es einmal, wenn es vor dem genannten Hintergrund auch zynisch klingen mag: Lebenserfahrung, denn Europa ist über lange Zeiträume nichts als ein Schlachthaus gewesen und sollte aus millionenfachem Leid wenigstens ein paar grundlegende Erkenntnisse gewonnen haben. Hinzu kommt die Vergesslichkeit. Unlängst sprach Papst Franziskus von „spirituellem Alzheimer“ in der Kurie.

Blicken wir also auf das Wesentliche. Europa hat einen uralten kulturellen Quellcode, und der drückt sich in der abendländischen Harmonielehre aus. In der Musikgeschichte Europas ist er seit über einem Jahrtausend präsent. Bereits mit den Kreuzzügen hat Europa diese abendländische Harmonielehre jedoch ignoriert, insbesondere die erforderlichen Eigenschaften jenseits der eigenen Meinung: Nächstenliebe, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Feindesliebe und Weisheit. Noch heute wird sie im Musikunterricht ohne interdisziplinären Kontext vorgestellt und der christliche Symbolbezug als geradezu inexistent ausgeblendet. Die Musikwissenschaft beruft sich auf die Autonomie der Künste und namhafte Vertreter der Kurie weisen sie sogar als wissenschaftliche Theorie von sich. Diese Form akademischer Ignoranz verläuft ungeachtet aller Bildungsreformen diametral zum technischen Fortschritt. Wir schreiben das Jahr 2017.

Wie umgehen mit dem Quellcode?

Anstatt dankbar dafür zu sein, in einer vergleichsweise langen Phase des Friedens leben zu dürfen, streben Extremisten verschiedenster Couleur nach Wiedereinführung der Grausamkeit. Andernorts übt sich Europa in der Kunst der Abschottung. Die Berliner Mauer zum Vorbild nehmend, die von östlicher Seite als „Schutzgrenze“ bezeichnet wurde, soll gemäss Victor Orbán kilometerlanger Stacheldraht für den Erhalt christlicher Werte sorgen, während tausende von Flüchtlingen im Mittelmeer den Tod finden. Europa handelt uneins, findet keinen gemeinsamen Nenner und mit diesem Europa ist der Brexit gänzlich kompatibel. Hinzu kommt, dass er im Vereinigten Königreich dieselbe Uneinigkeit dokumentiert – nicht allein in Bezug auf Schottland und Nordirland, sondern auch in Bezug auf die knappe Mehrheit. So gesehen ist alles beim Alten geblieben, nur dass die verschiedenen Standpunkte einmal zu Protokoll gebracht wurden. Daher nennt man sie nun Tatsachen.

Identität ist stets im Begriff, sich zu wandeln – traditionell mit jeder neuen Generation von der jugendlichen Seite her. Im Brexit ist das nicht so. Erkennbar ist die Furcht der Altvorderen, Eigenständigkeit zu verlieren und in einer grösseren Struktur unterzugehen. Doch die Jugend sähe eher ein Aufblühen, eine Chance, angstfrei einen wichtigen Schritt in Richtung Globalisierung zu gehen. Nicht wenige fühlen sich diesbezüglich ausgebremst.

Was geschieht nun mit den behördlichen Instanzen auf dem Kontinent, denen offenbar ein Zacken aus der Krone gefallen ist? Sie verlieren Handlungspotential und die Hoffnung, je ein Ganzes schaffen zu können. Sie erleiden einen Prestigeverlust enormer Grössenordnung. Doch das ist nicht wichtig. Der Brexit zeigt mit Deutlichkeit, dass der Kontakt zu vielen Menschen verloren ging, die ihre Identität woanders sehen. Geht es so weiter, wird den politischen Gremien schlicht die Befähigung abgesprochen, jene Repräsentanten Europas zu sein, für die sie sich halten, denn aus wahrer Identität ist zur Lebzeiten gar kein Exit möglich. Wer verbinden will, muss Menschennähe suchen und auf Inhalte Bezug nehmen.

Brexit verlangt einen Moment des Innehaltens

Vor allem in Brüssel ist die Europäische Flagge allgegenwärtig. Doch wer erkennt in ihren 12 Sternen noch die Relikte spätmittelalterlicher Symbolik? Wer brächte sie auf Anhieb mit dem Sternenkranz Mariens in Verbindung, mit den zwölf Aposteln, mit dem Zifferblatt der Uhr, den zwölf Stunden des Tages und der Nacht oder mit den jeweils zwölf Tonarten in Dur und in Moll, die ihrerseits mit den zwölf Toren des Himmlischen Jerusalem kongruieren? Der azurblaue Hintergrund repräsentiert den Himmel des Tages, die Sterne den Himmel der Nacht. Ihn überhaupt wahrnehmen zu können, setzt den Blick nach oben voraus. Das war einmal europäische Identität. Sie hatte einen hohen Preis, weil die Welt auf andere Weise zu betrachten nicht erlaubt war. Heute ist es erlaubt. Es ist erlaubt, in einem Europa des Konsums hinreichend an sich selbst zu denken. So hält der Brexit auch dem Wähler einen Spiegel vor.

Europa wird sich ändern. Doch nur Idealisten vermögen das Anfangsstadium einer Verpuppung zu erkennen, einer grundlegenden Transformation, die auf ein Weltbürgertum hinausläuft, das weder Nationalstaaten noch Staatenbünde nötig hat, denn zumindest in theoretischer Betrachtung hebt der Begriff Globalisierung alle Gegenseitigkeit auf, lässt strategisches Denken als veraltet erscheinen und fordert den bedingungslosen Ersatz durch synergetisches Handeln. Dafür ist der Brexit nun allerdings nicht das geeignete Beispiel, höchstens dafür, wie schwer es ist, derartigen Anforderungen gerecht zu werden.

Die Arenen in Brüssel und Straßburg hätten durchaus Gelegenheit geboten, globale Erfordernisse im Kleinen zu trainieren und belastbare Strukturen zu schaffen. Dabei darf auch mal etwas schiefgehen. Nun wird man anderweitig unter Beweis zu stellen haben, dass europäische Identität nicht schon in sich ein Gegensatzpaar bildet.

„So even though we face the difficulties of today and tomorrow, I still have a dream.“, könnte Dr. Martin Luther King als inzwischen 88jähriger vielleicht heute noch sagen, sofern man ihn am Leben gelassen hätte. Unvergessen ist seine Rede vom 28. August 1963 gegen Intoleranz und Rassismus und für Verständigung unter den Menschen aus der Erkenntnis: „We cannot walk alone.“ Sollte dieser Satz der Wahrheit entsprechen, muss man es nicht trotzdem versuchen. Demokratie ist nicht nur ein nötiger Konsens. Sie ist Europas größte Errungenschaft, mit der zu identifizieren sich lohnt. Allein deshalb ist sie jedoch nicht unfehlbar.

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