Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen. Kurt Tucholsky

Heiße Köpfe im Abklingbecken

Der Atomausstieg bis 2022 ist zwar beschlossen, doch seine Geschwindigkeit verärgert viele Fachleute. Dabei gibt es nicht nur viel zu tun, sondern es wurde auch kaum realistisch über die Umsetzung diskutiert.

Wir erleben dieser Tage in Deutschland tief greifende politische Verwerfungen, für die sich Bilder von Naturkatastrophen geradezu aufdrängen – würde sich dies nicht aufgrund der ursprünglichen Auslöser Erdbeben und Tsunami verbieten. Während weltweit besonnen und rational über Ursachen des Unglücks in Japan und Lehren für den sicheren Betrieb der über 400 Kernkraftwerke diskutiert wird, findet in Deutschland eine beispiellose Nabelschau statt.

Längst hat man das eigentliche Ereignis aus den Augen verloren und Überzeugungen und Vernunft über Bord geworfen. Den meisten Protagonisten geht es wohl nur vordergründig um Sicherheit. Die Rettung der eigenen bröckelnden Macht und die Schaffung neuer Koalitionsoptionen schimmern als wahre Beweggründe immer stärker durch.

Panik ist ein schlechter Berater

Natürlich ist es nicht ehrenrührig, sich eines Besseren belehren zu lassen und dazuzulernen. Im Gegenteil: Es stünde schlecht um unsere Gesellschaft und politische Kultur, wenn nur noch unverrückbare Positionen alternativlos miteinander konkurrieren würden. Genauso schädlich ist es jedoch, wenn die Politik in Panik gerät, Glaubwürdigkeit verspielt und die Zukunftsfähigkeit unseres Landes gefährdet.

Obwohl die Reaktorsicherheitskommission der Bundesregierung auch nach den Erfahrungen in Japan die Robustheit aller deutschen Anlagen bestätigt, schafft zeitgleich die sogenannte Ethikkommission vollendete Tatsachen. Für die Entscheidungsfindung wird die wirkliche Volksvertretung schlichtweg umgangen – mal wieder.

Der jetzt festgelegte Ausstiegsfahrplan ist rein willkürlich gewählt: Er soll offensichtlich entschlossener wirken als das ursprüngliche rot-grüne Szenario, dieses aber auch nicht zu deutlich übertreffen, um einen möglichst breiten Konsens vorzugaukeln.

Physik bleibt Physik

Technische Realitäten und Machbarkeiten werden dabei ebenso ignoriert wie die Warnungen renommierter Institute und Fachleute. Es wird nicht erklärt, wie in nur zehn Jahren das gute Fünftel der Kernenergie an der Stromversorgung ersetzt werden kann, ohne die noch vor Kurzem allem übergeordneten Klimaziele zu verletzen.

Gaskraftwerke könnten zwar die Leistung liefern, aber sie stoßen erheblich mehr CO2 aus und steigern die Abhängigkeit von Importen – außerdem finden sich wohl gar keine Investoren für diese nur erratisch laufenden Anlagen.

Ebenso wenig belastbar sind Gedankenspiele, wie der „erneuerbar“ produzierte Strom in ausreichendem Maße transportiert und gespeichert werden könnte. Die Gesetze der Physik lassen sich auch von einer Physikerin nicht aushebeln. Weder lassen sich die Netze in Deutschland so schnell ausbauen, noch haben unsere Nachbarn darauf gewartet, unseren energiepolitischen Alleingang mit dem Bau von landschaftsfressenden Pumpspeicherkraftwerken zu unterstützen.
Derweil verweigert sich Deutschland seiner Verantwortung als größte Wirtschafts- und Energienation in Europa: Unsere Netze und Kapazitäten spielen eine wichtige Rolle für die Netzstabilität und sichere Versorgung Europas – noch.

Die Folgen sind bereits ablesbar: Deutschland ist zum regelmäßigen Importeur von Atomstrom geworden. Einziger Unterschied? Wir haben keinen Einfluss auf die Sicherheit der für uns in nächster Nachbarschaft arbeitenden Kraftwerke. Verantwortung? Fehlanzeige.
Noch immer ist es nicht zu spät, ehrlich und ideologiefrei über realistische Szenarien zum Abschied von der Kernenergie zu debattieren. Ohne populistische Hauruck-Entscheidungen und Terminkosmetik. Eine Vielzahl von Faktoren und deren Folgen müssen besonnen und verantwortungsvoll abgewogen werden: „respice finem!“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Renate Künast, Christoph Bautz, Wolfgang Gründinger.

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