Die Menschen, die das Unternehmen formen, sind der wichtigste Erfolgsfaktor. Richard Branson

Ich habe einen Albtraum

Afrika trennt nur wenige Kilometer vom Westen. Wenn ihr endlich euren eigenen Werten gerecht werdet, bekommen wir unsere verdiente Chance.

Auch im Westen sind die Straßen nicht mit Gold gepflastert – selbst wenn viele Afrikaner das immer noch glauben. Es ist aber der Ort, an dem der menschliche Geist seine höchste zivilisatorische Form erlangt hat: Wir haben dem Westen die Aufklärung zu verdanken, hier hat die Demokratie ihre Heimat.

Und von diesem Westen können wir Afrikaner viel lernen. Wir können und müssen aber nicht den selben Pfad in die Moderne beschreiten. In vielen afrikanischen Ländern blüht gerade die zarte Pflanze einer wirtschaftlichen, politischen und geistigen Renaissance. Die Jugend entdeckt ihre während der Kolonialzeit verschütteten Wurzeln und Traditionen neu. Sie fragen: Wer waren wir, bevor die Araber und später die Europäer kamen? Was können wir von unseren Ahnen lernen? Und es wird klar: Nicht alles, was aus West oder Ost zu uns kommt, ist die richtige Medizin gegen afrikanische Leiden wie Korruption, Katastrophen und Kriege.

Der afrikanische Weg

Wenn es einen afrikanischen Weg geben sollte, dann verläuft er wohl irgendwo zwischen dem heute kriselnden Manchester-Kapitalismus und der gefährlichen, aber lange herbeigesehnten Diktatur des Proletariats. Es ist vielmehr die Soziale Marktwirtschaft – damals wie heute Deutschlands größtes Geschenk an die Menschheit. Und dieser dritte Weg führt nicht in die Dritte Welt – wie die britische Premierministerin Margaret Thatcher zur Hochzeit des Kalten Kriegs einmal behauptet hatte, sondern ist heute vielmehr eine riesige Chance für Afrika.

Auf dem afrikanischen Kontinent leben eine Milliarde Menschen. 80 Prozent von ihnen sind jünger als 25 Jahre. Wenn wir die Jugend nicht mit Arbeit und Brot versorgen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Extremisten leichtes Spiel haben. Haben sich die Muslimbrüder in Ägypten nicht durch milde Gaben und soziale Einrichtungen den Wahlsieg gekauft? Entstand der Arabische Frühling nicht erst, als sich ein Gemüsehändler aus wirtschaftlicher Verzweiflung selbst anzündete? Hier wird der Westen als Geburtsort der Menschenrechte seiner Verantwortung nicht immer gerecht.

Im Gegensatz zu Martin Luther King habe ich einen Albtraum: Eines Morgens wachen wir auf, hören im Radio, dass sieben Millionen afrikanische Flüchtlinge auf die Küste Gibraltars zusteuern und dabei sagen: Werft doch Bomben auf uns, denn wenn wir umkehren, müssen wir verhungern. Statt also weiterhin immer höhere Mauern zu bauen, müssen wir uns fragen, wie es überhaupt erst zu solcher Massenmigration kommt. Auf diese Frage höchster Dringlichkeit gibt es zwei Antworten, aus der sich wiederum zwei Anforderungen an den Westen ergeben.

Der Westen darf seine eigenen Werte nicht verraten

Zunächst muss der Westen aufhören, ständig seine eigenen Werte zu verraten. Es sind die viel zu oft hofierten Gewaltherrscher und Gauner, die ihren Brüdern und Schwestern jeden politischen und gesellschaftlichen Einfluss verweigern. Diktatoren, denen europäische Staatschefs vor laufenden Kameras die Hand küssen. Diktatoren, neben denen Diplomaten beim Foto zum Gipfelabschluss möglichst dicht stehen wollen.

Der Westen muss endlich verstehen, dass Realpolitik in Afrika nichts zu suchen hat. Denn die Botschaft Europas an afrikanische Despoten ist viel zu häufig: Wir müssen mit unseren wohlklingenden Reden die Presse im eigenen Land besänftigen, aber hinter den Kulissen können wir gerne zusammenarbeiten.
Hört auf, uns als ach so arme Afrikaner zu betrachten. Es kann doch niemand wollen, dass Afrika wie damals Europa viele Jahrhunderte braucht, um die Demokratie für sich zu entdecken. Wollen Sie uns all die Kriege und Katastrophen auf dem Weg dorthin auch zumuten? Wir leben in einer schnelllebigen Welt, in der Ereignisse in Sekunden um die Welt gehen, und nirgendwo wächst die Anbindung ans Internet schneller als in Afrika. Da kann doch niemand mehr von uns verlangen, noch so lange zu warten, bis auch wir die Früchte der Demokratie genießen dürfen. Und wenn der Westen endlich mal seine Werte mit vollem Herzen und vollem Glauben vertreten würde, dann würden sich die afrikanischen Staatschefs dem auch beugen.

Der zweite Punkt betrifft die westliche Wirtschaftspolitik. Während auf der einen Seite zwar viele Milliarden US-Dollar an Entwicklungsgeldern in den Kontinent fließen, verlieren afrikanische Länder ein Vielfaches dieser Summe durch europäische, amerikanische und japanische Handelsbarrieren. Wir Afrikaner exportieren vor allem Grundnahrungsmittel, aber wenn wir keine Möglichkeit haben, diese auf den westlichen Märkten anzubieten, haben wir nichts, wovon wir leben können. Und hier schließt sich der Kreis zur Migration: Wer hier nicht leben kann, versucht sein Glück eben dort. Die Menschenrechte mögen im Westen erfunden worden sein, sie müssen aber universell gelten – und dazu gehört das Recht auf ein Leben in Würde.

Europäisches Einigungsmodell für Afrika

Europäer und Afrikaner müssen verstehen, dass die Schicksale beider Kontinente eng verknüpft sind. Es ist nur ein wenig Wasser, das uns voneinander trennt. Was den Westen ausmacht und Teil seiner Erfolgsgeschichte ist, allen voran die Aufklärung und die Menschenrechte, muss sich auch in der Afrikapolitik niederschlagen.

Ich träume also davon, dass die Erfolgsgeschichte der europäischen Einigung endlich auch in Afrika verstanden wird. Die Überwindung des Tribalismus zugunsten regionaler wirtschaftlicher und politischer Integration hat das Potential, ein neues Afrika zu schaffen. Der Traum von Haile Selassie, Kwame Nkrumah und anderer Freiheitshelden könnte so am Ende doch noch wahr werden. Ein Föderalismus nach deutscher oder amerikanischer Lesart könnte endlich die in London und Paris gezogenen Kunstgrenzen afrikanischer Länder überwinden.

Einheit in Verschiedenheit und Verschiedenheit in Einheit. Wenn doch nur dieses Motto zum westlichen Exportschlager würde. Es wäre viel gewonnen: für Afrika und den Westen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Soledad Loaeza, Deepa Narayan.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

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