Deutschland ist nicht Stalingrad, die CSU ist nicht die Wehrmacht, und die Einwanderer sind nicht die Rote Armee. Dieter Janecek

Verhandeln statt bomben

Mit Raus aus Afghanistan! ist es nicht getan: 2014 will die NATO die Verantwortung in Afghanistan an die einheimischen Sicherheitskräfte übergeben. Wie es danach weitergeht, ist unklar.

Zehn Jahre nach dem Beginn der „Operation Enduring Freedom“ ist kein Ende des Afghanistankrieges in Sicht. Politische Beobachterinnen und Beobachter sind sich uneinig, welches Szenario nach 2014 eintreten wird, wenn die NATO-geführte International Security Assistance Force (ISAF) die Verantwortung an die afghanische Seite übertragen haben will.

Wenn es denn so ist, dass sich die „Verteidigung Deutschlands am Hindukusch“ dem Ende zuneigt, sollte die NATO wenigstens dafür Sorge tragen, ihre afghanischen Gastgeber nicht dem Risiko auszusetzen, erneut in einem blutigen Bürgerkrieg zu versinken. Wer nämlich denkt, mit „NATO raus aus Afghanistan“ sei es getan, der irrt: Der NATO-Abzug mag eine notwendige Bedingung für den Frieden in Afghanistan sein, aber keine hinreichende. Wie also könnte ein Weg aussehen, der Afghanistan ein Zurück in die 90er-Jahre erspart?

Der Krieg ist von keiner Seite zu gewinnen

Zuerst müssten die US-geführte Koalition auf der einen Seite und die Taliban auf der anderen Seite anerkennen, dass sie den Krieg nicht gewinnen können: Die Hoffnungen der US-Militärs, die Taliban praktisch an den Verhandlungstisch zu bomben, sind unrealistisch. Ebenso sind Hoffnungen der Taliban unbegründet, die internationalen Truppen militärisch besiegen zu können und 2014 einfach da weitermachen zu können, wo sie 2001 aufgehört haben.

Vielmehr bedeutet jeder Tag Krieg mehr Schaden als Nutzen für beide Konfliktparteien: das blutige Patt führt zu hohen menschlichen und materiellen Kosten. Hauptleidtragende sind die normalen Afghaninnen und Afghanen, sie sehnen sich nach einem Ende von Krieg und Gewalt.

Die Bereitschaft zu Friedensverhandlungen offiziell erklären

Einen solchen veränderten Blick auf die Situation vorausgesetzt, sollten sich USA und NATO dazu durchringen, offiziell die Bereitschaft zu Friedensverhandlungen zu erklären. Die Taliban als Verhandlungspartner anzuerkennen, bedeutet nicht, ihre Ziele zu teilen oder ihre Methoden gutzuheißen. Es bedeutet lediglich, sie nicht länger als illegitime Akteure zu behandeln und von der Macht auszuschließen (wie seit dem Petersberger Abkommen geschehen).

Außerdem könnten USA und NATO die Bereitschaft signalisieren, über die Modalitäten des internationalen Truppenabzugs und weitere Zugeständnisse zu reden – wenn die Taliban im Gegenzug bereit sind, die Waffen niederzulegen, und sich ebenfalls verhandlungsbereit zeigen. Dies könnte die Grundlage für einen umfangreichen Mediationsprozess darstellen, der neben diesen beiden zentralen Konfliktparteien auch die weiteren Beteiligten einbinden müsste.

Deutschland sollte seinen Einfluss vor der Afghanistankonferenz im Dezember dazu nutzen, die Chancen für einen solchen Weg der Deeskalation auszuloten. Der Afghanistankonflikt wird militärisch nicht zu lösen sein – diese Tatsache ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Nun müssen auch endlich die Waffen schweigen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Boris Palmer, Winfried Nachtwei, Paul Schäfer.

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