Deutschland ebnet Weg für "Social Audit"-Reform

Aruna Kashyap5.10.2018Wirtschaft

In der Textilindustrie führen Arbeiterinnen und Arbeiter einen weltweiten Kampf gegen völlig unzureichende Sicherheitsprüfungen in ihren Fabriken. Was kann man dagegen tun, fragt Aruna Kashyap.

Vor kurzem reichten Arbeitervertreter aus Pakistan sowie europäische Menschenrechtsgruppen Klage bei den italienischen Behörden ein. Sie richtete sich gegen den Wirtschaftsprüfer RINA, der einer Fabrik von Ali Enterprises ein Zertifikat über Arbeits- und Sozialstandards ausgestellt hatte. Kurze Zeit später brannte die Fabrik ab. Dabei starben mehr als 250 Arbeiter.

Wie kann eine Fabrik abbrennen, die eben überprüft wurde? Sind die Zertifikate der Wirtschaftsprüfer wertlos?

Vor einigen Monaten saßen Andrew S. und ich in einem Straßenrestaurant der riesigen Bekleidungszentren Asiens. Ein Vorspeisenteller, ein Topf Reis, Eiskaffee: Drei Stunden gingen vorbei wie im Flug. Andrew berichtete von seinen Erfahrungen bei der Überprüfung von Textilfabriken, über Arbeitsbedingungen und den Umgang mit Arbeitern und Arbeiterinnen. Dieser Prozess wird als “Social Audit” bezeichnet und ist mittlerweile ein riesiges Geschäft.

Andrew hatte mehr als 15 Jahre lang solche Audits in fünf Ländern durchgeführt, zuerst als Angestellter eines Bekleidungsunternehmens und später als freiberuflicher Auditor. Bekleidungsunternehmen oder fabriken beauftragen Prüfungsgesellschaften oder freiberufliche Auditoren, um die Sozial- und Arbeitsbedingungen zu überprüfen und über Probleme zu berichten.

Viele Verbraucher sorgen sich inzwischen um die Arbeitsbedingungen in Bekleidungsfabriken. Doch meist müssen sie sich auf Stellungnahmen verlassen, dass Unternehmen die Fabriken, die für sie produzieren, durch glaubwürdige und seriöse Social Audits überwachen. Doch sie haben ein Recht auf Informationen darüber, ob dieser Auditprozess tatsächlich funktioniert.

Deshalb ist ein aktueller Fall, der von den deutschen Behörden untersucht wurde, so wichtig, denn er zeigt, dass diese Audits mit einer Vielzahl von Problemen behaftet sind. Die Untersuchungsergebnisse der deutschen Behörden, die im Juni veröffentlicht wurden, waren das Resultat eines zweijährigen Prozesses als Reaktion auf Beschwerden über ein Social Audit, das vom TÜV Indien und seiner Muttergesellschaft, dem TÜV Rheinland, in einer Fabrik in Bangladesch durchgeführt wurde.

Es brachte mich zurück zu meinem Gespräch mit Andrew. Ich hätte erwartet, dass er den Prozess der Social Audits verteidigt. Aber das offene Gespräch, das ich mit ihm geführt habe, gab mir einen tiefen Einblick, wie gravierend die Probleme sind und wie dringend Veränderungen notwendig sind.

Im Jahr 2016 reichten Überlebende der Rana Plaza-Katastrophe zusammen mit Menschenrechtsgruppen bei der deutschen Nationalen Kontaktstelle der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Beschwerde gegen die betroffenen Unternehmen ein. Nationale Kontaktstellen für OECD-Mitglieder hören Streitigkeiten an über die Anwendung der OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen, einer Reihe von Standards, die die Einhaltung von Rechten im Geschäftsgebaren definieren.

Die Beschwerdeführer stellten die Methoden und die Ergebnisse des Social Audits des TÜV Indien für Phantom Apparel Ltd. in Frage und gaben an, dass das Social Audit illegale Kinderarbeit und die Verletzung der Vereinigungsfreiheit nicht aufgedeckt habe.

Phantom Apparel Ltd. war für eine der fünf Fabriken im achtstöckigen Rana Plaza-Gebäude in Bangladesch verantwortlich. Das Gebäude stürzte 2013 ein. 1.135 Arbeiter und Arbeiterinnen kamen ums Leben und mehr als 2.000 wurden verletzt. Unter anderem sagte der TÜV nach der Katastrophe, dass er zwar Audit-Tools und Verfahren der Business and Social Compliance Initiative, einem führenden Wirtschaftsverband, einsetze, das Auditsystem aber nicht die Prüfung der Brand- und Gebäudesicherheit abdecke.

In den letzten Monaten habe ich mit vielen Leuten aus der Auditbranche und mit anderen Branchenexperten gesprochen. Die heftigste Kritik über die “Social Audit”-Branche stammt von erfahrenen Auditoren selbst. Andrew nahm kein Blatt vor den Mund. Er hatte wiederholt gesehen, wie das System Arbeiter und Arbeiterinnen im Stich ließ.

Die deutschen Behörden haben zahlreiche Punkte an der Auditbranche kritisiert. Dazu gehören die technische Expertise der Auditoren, die Methodik der Prüfungen und die Art und Weise, wie die Audits finanziert werden. Die Behörden äußerten zudem Bedenken darüber, ob die Fabriken die Probleme tatsächlich beheben und was die Unternehmen tun, um den Prozess zu überwachen. Ein weiteres Problem ist, inwieweit die Betroffenen Mittel und Wege haben, Beschwerden vorzubringen, nachdem die Auditoren das Gelände verlassen haben. Der Bericht der deutschen Behörden nennt viele der Herausforderungen, die Auditoren wie Andrew mir gegenüber angesprochen haben.

Social Compliance Auditing ist eine Multi-Milliarden-Dollar-Branche. An einem Ende des Spektrums stehen riesige Konzerngiganten, darunter der TÜV Rheinland, der TÜV Nord, der TÜV SÜD, SGS, UL, BV und Intertek. Diese Unternehmen bieten eine Reihe von Dienstleistungen an, darunter Produkt- und Qualitätsprüfungen sowie Social Audits. Am anderen Ende des Spektrums stehen kleinere Firmen, von denen viele spezialisierte Dienstleistungen anbieten. Social Audits werden in verschiedenen Branchen und nicht nur in der Bekleidungsindustrie durchgeführt.

Deutschland ist mit seinem Bündnis für nachhaltige Textilien gut aufgestellt, um einen Dialog zu führen, der das Geschäft mit Social Audits grundlegend verändern könnte. Zu dem Bündnis gehören Bekleidungsunternehmen und Nichtregierungsorganisationen und es verfolgt das Ziel, die Politik der Bekleidungsindustrie und die Rechenschaftspflicht für die Fabriken, aus denen die Kleidungsstücke stammen, zu verbessern. Auch die italienischen Behörden sollen sich für eine Überprüfung des Systems einsetzen. Schließlich müssen sich die Verbraucher darauf verlassen können, dass die Arbeiter und Arbeiterinnen, die ihre Kleidung herstellen, unter sicheren Bedingungen arbeiten und mit Anstand und Respekt behandelt werden.

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