Demokratie ist mehr als ein Betriebssystem. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Deutschlands Identität versinkt

Die Deutschen sind sich selbst in den letzten Jahren verloren gegangen. Schon die Frage „Sind Sie deutsch?“ wäre nicht als Kompliment, sondern als Bedrohung empfunden worden. Das Dritte Reich hatte durch seinen dramatisch verlorenen Krieg und vor allem durch die unvorstellbaren Verbrechen, jedes Ansehen verloren. Es wurde zu einem Zeitraum, an den sich niemand erinnern mochte.

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Insofern erholte sich die Nation, indem sie sich auf die Zeit nach 1945 konzentrierte. Hilfreich war insofern, dass es kein Reich mehr gab, nur noch seine Bruchstücke. Der freie Teil duckte sich, versuchte so harmlos zu sein wie nur möglich, gab sich farblos, ohne eigene Persönlichkeit. Da es zudem jahrzehntelang geteilt war, der Westteil als Bundesrepublik einen unverfänglichen Namen bekommen hatte, reduzierte sich die Erinnerung an Deutschland auf die Verbrechen und die Entschlossenheit, nie wieder solchen Abgründen Vorschub zu leisten.

Auch die Wiedervereinigung der beiden geteilten Fundstücke des alten Reiches führte nicht zu einer Besinnung des Landes, was es denn eigentlich ausmache, zusammmenhalten. Alle Deutschen waren sich einig, dass die Grundrechte, ja die Verfassung von 1949 als gemeinsame Grundlage, als Sinngebung ausreiche.

Wer ist Deutscher?

Doch dann kam der Flüchtlingsstrom, das wahrscheinlich nach Millionen zählende Wachstum unserer Bevölkerung. Da die Zuwanderer tendenziell als Deutsche betrachtet werden, ist völlig unklar, was denn heutzutage und in Zukunft ein Deutscher sein soll.

Nach meinem Verständnis wäre es selbstverständlich, dass die Zuwanderer mit ihrer Integration sich nicht nur unsere Sprache, sondern auch die Gesamtheit unserer traditionellen und aktuellen Lebensgewohnheiten zu eigen machen. Nur dann werden sie sich im Laufe der Zeit als Deutsche, als Landsleute empfinden können.

Davon kann jedoch keine Rede sein. Niemand verlangt in unserem Land, dass die Zuwanderer sich als Teil Deutschlands empfinden lernen und sprachlich wie sozial verbindlich unsere Geschichte neben ihrer eigenen Herkunft zu eigen machen.
Damit bleibt rätselhaft, was eigentlich heute und vor allem morgen als deutsch gewertet werden muss. Die Deutschen genießen das Ansehen, zu einer führenden europäischen Macht zu gehören, aber das ist genauso unklar wie die Frage nach der Verbindlichkeit Europas, was sie eigentlich heißt. Wir haben ja lange so getan, als ob die europäische Einigung eine selbstverständliche und auch realistische Interpretation unserer Lage sei. Erst die Flüchtlingsströme, die nur in Deutschland und in Schweden eine vorbildliche Reaktion zur Folge gehabt haben, brachten die ganze Künstlichkeit und Unverbindlichkeit ans Tageslicht. Was Deutschland sein muss, bleibt bisher ebenso offen wie die Antwort auf die Frage, was zu einem geeinten Europa gehören würde.

Bei diesen Unklarheiten darf es auf keinen Fall bleiben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ingo Friedrich, Volker Kronenberg, Ercan Karakoyun.

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