Maßnahmen zum Schutz vor der Flut | The European

Wenn der Pegel steigt

Arnold Vaatz27.06.2013Gesellschaft & Kultur, Politik

Dresdens Altstadt wird in den kommenden Jahren sicherlich nicht auf einen Hügel umgepflanzt. Dennoch müssen Maßnahmen eingeleitet werden, die in Relation zum Wert des Schutzgutes stehen. Passiert dies nicht, können wir von Solidaritätsmissbrauch sprechen.

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Die Frage, ob und aus welchen Gründen Extremwetterereignisse in unserer Weltregion häufiger werden, ist gewiss der Erforschung wert. Nur: Beim Warten auf die Antwort lieber abzutauchen, anstatt seine Gedanken auf technischen Hochwasserschutz zu lenken, oder gar im Überschwemmungsgebiet zu bauen, Deiche abzulehnen und bei Wassereinbruch die Menschheit wegen mangelndem Umweltschutz zu geißeln, mag manchem vielleicht das Hochgefühl des Öko-Märtyrers verschaffen, es ist jedoch schlicht verantwortungslos gegenüber der Allgemeinheit und ein Missbrauch von Solidarität.

Auch wenn in Deutschland der ökologische Paradieszustand erreicht wäre: Es bliebe doch bei den topografischen Gegebenheiten, die wir vorfinden. Die Einzugsgebiete unserer Flusssysteme sind definiert durch ihre Wasserscheiden – in Deutschland denen zwischen Rhein, Donau, Weser, Ems, Elbe und Oder samt ihrer jeweiligen Nebenflüsse. Kein Meteorologe kann auch bei ökologischen Idealbedingungen garantieren, dass damit großflächige Starkregen innerhalb eines dieser Flusssysteme ausgeschlossen wären.

„Deichen oder weichen“

Beispiel Elbe: Deren Wasser kommt bis zur Mündung der Mulde bei Dessau zu über 95 Prozent aus dem riesigen böhmischen Becken. Natürlich müssen die Rückhaltemöglichkeiten auf tschechischer Seite und deutscher Seite optimiert werden. Es ist aber naiv, zu glauben, dass hierzu am besten der Abriss aller menschengemachten Aufbauten geeignet sei. Den Fluten seit dem 16. Jahrhundert waren die Menschen weit hilfloser bei weit kürzeren Vorwarnzeiten ausgeliefert als heute und das ist auch ein Ertrag der Abflussregulierungen durch Talsperren. Die Rückhaltekapazität des tschechischen Talsperrensystems und deren exzellentes Betriebsregime haben das Flutplateau der diesjährigen Flut auf mehr als eine Woche verteilt. Sonst wären unsere Schäden um ein Vielfaches höher gewesen.

Der Einfluss der Landschaftsversiegelung auf die Hochwasserintensität wird meist übertrieben. Bei Starkregen dauert es nur wenige Stunden, bis das Wasser auch die Grundwasserspiegel der Erde unter den Versiegelungen durchdrungen hat und zurückhält, was die Sättigungsdifferenz der Grundwasserführungen hergibt. Für den vorbeugenden Hochwasserschutz dürfte es von größter Bedeutung sein, die Abfließgeschwindigkeit aus den Quellregionen der Zuflüsse durch Bewuchs – aber nötigenfalls auch durch Rückhalteeinrichtungen – zu verzögern, was auch in den vergangenen Jahren besonders auf sächsischer Seite stark forciert wurde.

Sind diese vorbeugenden Maßnahmen ausgereizt, so ändert das nichts an der Tatsache, dass die dann verbleibenden enormen Wassermassen nun die Städte Pirna, Dresden, Meißen, Riesa, Torgau, Wittenberg, Dessau, Magdeburg, Tangermünde, Havelberg, Wittenberge, Hitzacker und Lauenburg passieren, bis sie sich nach dem Wehr von Geesthacht in den Tidenhub einschwingen. Nichts lässt sich an dieser Topografie ändern. Die historischen Altstädte von Bad Schandau, Dresden oder Meißen wird niemand abreißen und auf dem Berg neu errichten wollen. Will man dies aber nicht tun, so muss man die besiedelten Gebiete durch bauliche Vorkehrungen schützen. Hierfür gilt es abzuwägen, welche Siedlungsgebiete baulich so zu gestalten sind, dass die Überflutung der Keller- und Parterregeschosse keine bleibenden Schäden hinterlässt und welche Gebiete durch Eindeichungen bzw. mobile Flutschutzwände geschützt werden können. Die aufgewendeten Mittel müssen hierbei in einer sinnvollen Relation zum Wert des Schutzgutes stehen. Absiedlungen und staatliche Hilfen hierzu – beispielsweise bei Flächenerwerb und -verkauf – sollten nicht länger tabuisiert werden und langfristig, gegebenenfalls generationenübergreifend angegangen werden. Bebauungspläne der Kommunen müssen kritisch überprüft und nötigenfalls geändert werden. Eine weitere Bebauung von ungeschützter Überflutungsfläche darf nicht mehr hingenommen werden. Der alte niederdeutsche Spruch „deichen oder weichen“ hat seine Bedeutung.

Flut statt Ernte

Die Bereitstellung von Überflutungsflächen ist im oberen Elbtal weitgehend ausgereizt. Bis auf die Höhe von Riesa lässt sich keine zusätzliche Polderfläche erschließen. Weiter stromabwärts kollidiert dies mit dem Flächennutzungsinteresse der Landwirtschaft. Hier ist es zweckmäßig, Landwirtschaftsflächen im großen Stil in die Überflutungszonen einzubeziehen. Dabei ist die landwirtschaftliche Nutzung der Auegebiete – so weit vereinbar mit dem Schutzzweck – in unverminderter Weise zu gestatten. Es gibt hier über die Grünlandnutzung hinaus eine breite Palette von Möglichkeiten. Der ideologisch motivierte Einwand, durch Intensivlandwirtschaft werde der Boden in unvertretbarer Weise verdichtet, ist für den Flutschutz ohne Belang. Ernteverluste könnten versicherungsmathematisch nach den Fluthäufigkeiten behandelt und im Bedarfsfall reguliert werden.

Alle unsere baulichen Schutzmaßnahmen wurden in der Vergangenheit verzögert durch exzessive Beteiligungsverfahren und extrem lange Planungszeiten. Dies ist – nicht nur im Fall des Flutschutzes – für die Zukunft inakzeptabel. Die Landesregierungen Sachsens und Bayerns haben daher einen gemeinsamen Gesetzentwurf vorgelegt, mit dem die strengen Durchgriffsprinzipien des Küstenschutzes auch auf Binnengewässer ausgedehnt werden sollen. Dies ist nicht nur in Anbetracht des aktuellen extremen Hochwassers zwingend erforderlich und überfällig.

Sollten wir über der Diskussion um die Vermeidung von Fluten erneut wichtige Maßnahmen zum Schutz vor der Flut versäumen, so missbrauchen wir die bewegende Bereitschaft unserer Gesellschaft zur Solidarität.

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