Zeiglers furchtbare Welt ohne Fußball

von Arnd Zeigler24.05.2013Gesellschaft & Kultur

Backgammon mit Martin Walser, Makramee und Modelleisenbahnen: So eine Welt möchte man sich doch nicht mal im Traum ausmalen.

Über die Bedeutung des Volkssportes Fußball ist schon viel geschrieben worden. Viel Banales, viel Unsinn, viel Geistreiches. Das Banale und der Unsinn – das war ich. Das Geistreiche enthielt in nahezu jedem Fall den korrekten Hinweis, der Fußball sei „ein Spiegelbild unserer Gesellschaft“. Ist er tatsächlich. Und deswegen ist „Es ist doch nur ein Spiel!“ einer der törichtsten Sätze, die man zu diesem Thema fallen lassen kann.

Es hat etwas gedauert, den Fußball als das sehen zu können, was er ist oder wenigstens in tollen Momenten sein kann. Aber nun dürfte Konsens herrschen: Fußball ist gut! Noch vor 25 Jahren mussten sich schlaue Menschen schämen, wenn sie dem Fußball verfallen waren. Schriftsteller, Geisteswissenschaftler und Kulturschaffende gingen heimlich ins Stadion. Mit hochgeschlagenem Kragen. Montags im Kreise ihrer nicht-fußballaffinen Mitstreiter behaupteten sie, sie seien im Theater gewesen oder hätten endlich mal wieder mit Martin Walser Backgammon gespielt.

Gestanden sie offen ihre Passion für das runde Leder, so wurde nicht selten anschließend hinter dem Rücken getuschelt: „Verstehe ich bei ihm nicht, dieses Fußballding. Er ist doch so ein gebildeter Mann!“ Heute zitieren gebildete Menschen als Rechtfertigung elegant und aus der Hüfte den französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus: „Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.“

Ein stinknormales Universum

Ohne Fußball also wäre Albert Camus nicht derselbe Albert Camus gewesen, und immer nur Backgammon mit Walser ist ja auch irgendwann öde. Wie überhaupt alles, aber auch wirklich alles aus dem Gleichgewicht geraten würde, wenn es Fußball plötzlich nicht mehr gäbe. Wenn ein Paralleluniversum dem anderen Paralleluniversum verloren ginge, bekäme das übrig gebliebene Paralleluniversum ja zwingend Schlagseite und würde zudem zu einem stinknormalen Universum degradiert, weil es ja dieses andere Universum nicht mehr gäbe. Und, wie wir nebenbei aus dem letzten Satz lernen: Plötzlich gäbe es an jeder Ecke hässliche Konjunktive.

Fußball ist neben der puren Freizeitbeschäftigung längst so viel mehr: für viele ein Lebensinhalt, eine Industrie, eine Ersatzreligion, ein Platzhalter für mangelndes Glücklichsein im privaten Bereich. Es ist doch so: Man kann sich risikolos das Wappen des Lieblingsvereins auf den Oberarm tätowieren lassen und hätte damit im Leben signifikant weniger Scherereien als mit dem eintätowierten Vornamen der ersten großen Liebe.

Ein Leben ohne Fußball ist somit für viele schwer vorstellbar. Ich selbst müsste mir im Fernsehen ein anderes Betätigungsfeld suchen und hoffen, dass sich möglicherweise eine interessierte Zuschauerschar auch für eine Sendung wie „Zeiglers wunderbare Welt der Wellensittiche“ finden würde. Das nämlich war mein letztes Hobby, bevor mich im Alter von sechs Jahren der Fußball packte. Meine überaus tiefe Zuneigung zu meinem Wellensittich „Peterle“ ging damals rasch und schmerzlos über in eine noch viel tiefere Zuneigung zu Horst-Dieter Höttges (Werder Bremen). Ohne Fußball müsste ich mich nun wieder komplett umstellen. Aber das ginge ja nicht nur mir so.

Worüber mit Kollegen streiten?

Die brandgefährlichen, sogenannten „Ultra-Fans“ aus den Fanblocks des Landes müssten sich schweren Herzens ein neues Steckenpferd suchen. Sie würden innerhalb der aktiven Fanszene abstimmen, und die Vorschläge gingen von nahe liegenden Ersatzhobbys wie Hallenhandball oder Turnierreiten bis zu Sportfernem wie „an Autos herumschrauben“ oder „Makramee“. Am Ende entscheidet sich die deutsche Fanszene mit deutlicher Mehrheit für das Ersatzhobby „Modelleisenbahnen“. Rasch sind neue Schlachtrufe kreiert, wie zum Beispiel „Gegen die moderne Lokomotive!“ oder „Schrankenwärter sind keine Verbrecher!“.

Was wird aus den Fußballstars, so ganz ohne Fußball? Uli Hoeneß hätte immer noch sein zweites Standbein, die Würstchenfabrik. Aus alter Gewohnheit würde er fortan den Konkurrenzfirmen die besten Würstchen vor der Nase wegschnappen, oftmals grotesk überteuert. Nicht, um sie selbst zu essen, sondern nur, damit sie niemand anders futtern kann.

Lothar Matthäus könnte vielleicht in seinen erlernten Beruf als Raumausstatter zurückgehen, wo er doch als aktiver Fußballer so begabt im Strafraumausstatten war. Anfangs würde ihm die neue Aufgabe kurz Spaß und Erfüllung bescheren. Spätestens jedoch in dem Moment, wo er realisiert, dass der Markt der Raumausstatterfrauen sich erheblich von dem der Spielerfrauen unterscheidet, wäre dann Schluss mit lustig und Matthäus ein gebrochener Mann, der sich mehr schlecht als recht mit immer seltener werdenden Talkshoweinladungen über Wasser hielte. Es gibt halt wirklich selten Talkshowthemen für Streitgespräche zwischen streitbaren Raumausstattern.

Und wir Fußballfans selbst? Was passiert mit uns, so ganz ohne Fußball? An Wochenenden könnte man sich mit Spaziergängen und guten Gesprächen mit den Lieben daheim noch ein wenig ablenken. Aber andererseits: Immer nur reden … ? Montags auf der Arbeit, worüber würden wir uns mit den Kollegen streiten? Und vor allem: Was würden wir tun, wenn uns auf der Straße plötzlich eine leere Getränkedose vor die Füße käme? Bücken und aufheben? Wie deprimierend.

„Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag“, sagte einst der legendäre Fußballtrainer Ernst Happel. Das ist natürlich Unsinn. Es ist viel mehr so, wie es der wunderbare Kollege Ben Redelings formulierte: „Fußball ist nicht das wichtigste im Leben – es ist das einzige.“

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