Gekommen, um zu scheitern

von Armin Nassehi5.05.2014Gesellschaft & Kultur

Zwar waren die Voraussetzungen für ein Comeback des Kommunismus nie besser. Jedoch wird der Kapitalismus verhindern, dass es so weit kommt.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion ist nun ein Vierteljahrhundert her, und mit ihr ist auch die Utopie des „Kommunismus“ begraben worden. Doch wenn es einen historischen Kairos für die Renaissance dieser Utopie geben könnte, dann jetzt, denn der Sieg des Kapitalismus vor 25 Jahren entpuppt sich als Pyrrhussieg. Zumindest verweisen Finanz- und Staatsschuldenkrisen darauf, dass die Selbstgefährdung des Kapitalismus real ist.

Der Kommunismus ist eine revolutionäre Idee. Der wichtigste Gedanke des „Manifests der kommunistischen Partei“ (1847/48) von Karl Marx und Friedrich Engels lautet: Die Bourgeoisie „produziert vor allem ihren eigenen Totengräber“, und zwar geradezu notwendigerweise. Der Erfolg des Kapitalismus schaffe die Bedingungen, die sein Scheitern geradezu notwendig beinhalten.

Das Revolutionäre dieses Gedankens ist eben, dass es nicht historisch beliebige Entscheidungen sind, die das Scheitern hervorbringen, sondern dem System inhärente Widersprüche. Historisch offen ist dann nur, wie das revolutionäre Subjekt sich organisiert und seine Lage erkennt. Dafür müssen Manifeste geschrieben werden.

Selbst Slavoj Žižek hat keine Antworten

Die Arbeiterklasse war offensichtlich nicht das revolutionäre Subjekt. Wer ist es dann?

Slavoj Žižek, der wohl prominenteste Vertreter eines „Neokommunismus“, hofft auf einen „apokalyptischen Nullpunkt“ durch die ökologische Katastrophe, die biogenetische Zurichtung und die informationstechnische Gefährdung des Menschen. Womit geradezu eine Proletarisierung der gesamten Gesellschaft einhergehen soll. Das Revolutionäre ist hier also auch die Selbstwidersprüchlichkeit eines Systems, das an seinen Erfolgen zugrunde geht.

Doch dies krankt daran, dass das System immer wieder zu Selbstkontrollen fähig ist, die die Anreize für ein revolutionäres Potenzial korrumpieren: weiland Wohlstandsgewinne für das Proletariat, danach, wie von Horkheimer und Adorno beschrieben, die Kulturindustrie. Und heute zusätzlich der realistische Fatalismus einer Jugend, die sich an das Muddling-Through, das Sich-Durchwursteln, gewöhnt hat. Auch Jugendarbeitslosigkeitsraten von fast 50 Prozent führen da eher zu individuellen Optimierungsstrategien als zu kollektiven revolutionären Lösungen.

Am Ende bleibt Žižek gefangen in der alten linken Utopie vom kollektiven Handeln, was eine rührend naive Sicht auf eine in sich komplexe, pluralistische und differenzierte Gesellschaft ist.

Verelendungsfolgen des Kapitalismus

Klüger, wenigstens ironischer und dabei empirisch gesättigter, ist ein ganz anderes Manifest, nämlich das „Manifesto for an Accelerationist Politics“ von Alex Williams und Nick Srnicek aus dem Mai 2013. Das ist subversives Denken, weil es die Kritik des Kapitalismus nicht mehr politisch organisiert, sondern ökonomisch. Die Grundidee besteht darin, dass man den Kapitalismus nur loswird, wenn man ganz aufhört, ihn zu regulieren, damit das System sich durch seine eigene Beschleunigung von innen zerstört.

Das Konzept wird ebenso scheitern wie die alte marxistische Parusieverzögerung der Verelendungsfolgen des Kapitalismus. Und es wird aus denselben Gründen versagen. Aber es ist die derzeit vielleicht klügste Stellungnahme zur Wirtschaftskrise, weil sie sich derer eigenen Mittel bedient.

Genau besehen scheint diese Strategie ja längst im Gange zu sein, wenn man sich etwa die Bankenregulierung des Basel-III-Pakets ansieht. Dessen Hauptziel besteht darin, dass Banken ihre Eigenkapitalquote erhöhen, um volatilen Finanzmärkten besser begegnen zu können – nur für Staatsanleihen müssen die Banken keine Rücklagen bilden. Die Bankenaufsicht (und die Banken selbst) scheinen tatsächlich die letzten Sozialisten zu sein, wenn das bedeutet, an die immerwährende Zahlungsfähigkeit der Staaten zu glauben.

Kein Sieg, aber ein Gewinn

Vielleicht lässt sich damit auch ein revolutionäres Subjekt ausmachen, das kein wirkliches revolutionäres Subjekt ist, sich aber wohl gerne so sieht. Es ähnelt in seiner Struktur jenen Vulgärmarxisten, die vor einer Generation zwar wohlbehütet unter dem Schutz des demokratischen Rechtsstaates Revolutionsspiele veranstalten konnten, dabei aber jeglichen demokratischen Komment verlassen haben. Ich meine jene junge Generation insbesondere aus der Finanzwirtschaft, die gestählt durch vulgärökonomistische Modelle einer Ethik des individuellen Nutzenmaximierers voller Verachtung auf politische Regulierung und kaufmännische Routinen blicken.

Ähnlich wie die marxistischen Kaderschmieden damaliger Universitäten sind es heute die MBA -Kaderschmieden, die als extremer ideologischer Ausdruck einer neuen Heilslehre angesehen werden können. Ganz ähnlich wie die Überpolitisierung linksextremen Denkens eine merkwürdige revolutionäre Atmosphäre geschaffen hatte, herrscht eine solche heute an den Börsen. Zumindest bei einer bestimmten Trägergruppe, die in der Monetarisierung und in finanzwirtschaftlichen Instrumenten die Lösung aller Probleme sieht – hier wie dort übrigens vor allem junge Männer. Diese Trägergruppe darf nun nicht als Treiber oder gar Urheber ökonomischer Optionssteigerungen angesehen werden, sondern als ein Resultat dieser Entwicklung.

Deren revolutionäre Potenz haben Alex Williams und Nick Srnicek wohl im Visier mit ihrer ironischen Revolutionstheorie, die im übrigen die Differenz zwischen Revolution und Konterrevolution einzieht.

Am Ende kann man nur sagen: Behütet uns vor revolutionären Subjekten und lernt das Muddling-Through schätzen! Es erzeugt Evolutionsmöglichkeiten durch Vernetzungen, Selbstkorrekturen und Fehlerfreundlichkeit. Der Kapitalismus hatte vor 25 Jahren gar nicht gesiegt, wir haben nur die Illusion verloren, dass sich Gesellschaften durch revolutionäre Subjekte in toto steuern lassen.

Das mag vielleicht kein Sieg sein, weil die Grundprobleme der Selbstgefährdung der Moderne durch ihre eigenen Erfolge bestehen bleiben. Aber es ist in jedem Falle ein Gewinn.

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