Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen. Kurt Tucholsky

Aus der Parallelwelt des Glaubens

Wenn Gott gut ist, woher kommt dann das Böse? Aus der Freiheit, die der Schöpfer seinen Geschöpfen lässt. Diese klassische Antwort der Theologen hat keinen Bestand mehr, da die Willensfreiheit des Menschen den Erkenntnissen der Neurowissenschaften und der Evolutionsbiologie zum Opfer gefallen ist.

Was wir das Böse zu nennen pflegen, hat unzählige unterschiedliche Gesichter. Wir Menschen neigen bekanntlich dazu, komplizierte Dinge zu vereinfachen. Damit mag auch zusammenhängen, dass wir das Böse – wie die Philosophen sagen – hypostasieren. Dabei verschmelzen diese vielen Gesichter zu einer mysteriösen Macht, zum “Bösen an sich”, das irgendwie über unseren Köpfen zu schweben und einige von uns in seinen unheilvollen Bann zu ziehen scheint. Diese Hypostasierung des Bösen erklärt so wenig wie sein eher volkstümliches Pendant – die Personifizierung in Gestalt des Teufels. Beides sind vielleicht verständliche, unterm Strich aber untaugliche Versuche, der Sprachlosigkeit zu entfliehen, die uns angesichts all der Monstrositäten befällt, zu denen Menschen imstande sind.

Dass die jüdisch-christliche Tradition es dennoch wagt, den Menschen als Ebenbild eines unübertrefflich guten Schöpfergottes zu verstehen, erweckt zwangsläufig den Verdacht, auf einer Wirklichkeitsverdrängung und -verkennung zu beruhen, die nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts fast schon wahnhafte Züge annimmt. Dieser Verdacht ist eine der vielen Versionen, in denen sich das Theodizeeproblem präsentiert. Es ist bekanntlich das Standardproblem, das Atheisten Glaubenden teils genüsslich teils verbittert unter die Nase reiben, um die intellektuelle Überlegenheit des Unglaubens unter Beweis zu stellen.

Hat das Böse einen Sinn?

Wenn wir das Ebenbild sein sollen, wie mag dann erst das Original aussehen? Was Glaubende auf das Theodizeeproblem zu erwidern haben, ist unterm Strich gelegentlich nicht viel mehr als beredtes Schweigen. Einige begründen dieses Schweigen damit, dass es etwas gibt, das noch schlimmer als das Problem ist, nämlich eine Lösung. Dahinter steht die Befürchtung, dass jede Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen letzten Endes darauf hinauslaufe, das Böse selbst zu rechtfertigen. Wenn das Böse keinen verborgenen Sinn hätte, warum sollte Gott es dann zulassen? Wenn es aber einen Sinn hat, dann muss es zu irgendetwas gut sein, und dann scheint es so übel gar nicht zu sein.

Die Gottebenbildlichkeit des Menschen entfaltet hier eine ganz eigenartige Logik: Soll das Geschöpf seinem Schöpfer ähnlich sein, muss auch das Umgekehrte gelten. Dann muss aber auch Gott irgendwie “böse” sein und eben nicht der süßlich kitschige “liebe Gott”, sondern eher einer zum Fürchten. Angesichts derartiger Theodizeelösungen lässt sich nachvollziehen, warum einige dem Schweigen den Vorzug geben. Es erscheint immer noch besser, vor dem Atheisten mit leeren Händen dazustehen, als ihm in die Karten zu spielen. Genau dies tut der Glaube an einen “bösen” Gott. Er läuft unweigerlich auf das Eingeständnis hinaus, dass es gar keinen Gott gibt. Denn Macht allein konstituiert noch nicht Göttlichkeit, es sei denn, man gibt sich damit zufrieden, vor bloßer Macht niederzuknien. Wer dergleichen tut, blamiert nicht nur sich selbst, sondern auch seinen “Gott”.

Freiheit des Menschen löst das Problem

Kann es eine Antwort auf das Theodizeeproblem geben, die jenseits der Sprachlosigkeit und diesseits einer Verstrickung Gottes in das Böse liegt? Die uralte Lösung der biblischen Tradition besagt, dass Gott ursprünglich eine paradiesische Welt erschaffen hat, in der weder Leid noch Übel vorgesehen waren. Erst durch die Sünde des Menschen kam beides in die Welt. Diese Lösung hat mehrere Schönheitsfehler, enthält aber auch geniale Einsichten. Zunächst will der Versuch, Gott zu entlasten, um stattdessen dem Menschen die ganze Schuld aufzubürden, nicht recht überzeugen. Der Schöpfer einer ursprünglich leidfreien Welt mag zwar selbst nicht böse sein, aber er hat mit dem Menschen etwas erschaffen, das zum Bösen fähig ist und das diese Fähigkeit auch tagtäglich unter Beweis stellt. Wie lässt sich angesichts einer solchen Konstellation Gott von dem Vorwurf der groben Fahrlässigkeit freisprechen?

Die geniale Lösung der traditionellen Theodizee besteht darin, gerade diese Fähigkeit des Menschen zum Bösen zum Meisterstück des Schöpfers zu erklären, die Inanspruchnahme der Fähigkeit aber dem Geschöpf anzulasten. Der Name für dieses Meisterwerk des Schöpfers lautet Freiheit. Mit ihr entlässt Gott seine Schöpfung in die Autonomie und zieht sich selbst ein Stück weit zurück. In diesem Freiraum kann sich – zumindest aus theologischer Sicht – auch das sogenannte Böse entfalten.

Ob diese traditionelle Idee sich auch noch angesichts der Einsichten der neueren Anthropologie behaupten kann, ist derzeit umstrittener denn je. Die Idee der Willensfreiheit steht unter Beschuss seitens der Neurowissenschaften. Die diversen Neigungen zum Bösen beziehungsweise zur Sünde werden von den Verhaltenswissenschaften evolutionsbiologisch demystifiziert, und um den verbleibenden unerklärlichen Restbestand an Monstrositäten kümmert sich die Psychopathologie.

Solchermaßen seziert, verliert das Böse zwar nicht seinen Schrecken, aber es wird bei Licht betrachtet zu einem mehr oder minder trivialen Teil der menschlichen Natur, die nun einmal so ist, wie sie ist. Die schwierige Aufgabe der Theologie besteht darin, die traditionellen Ideen von Gott, Schöpfung, Freiheit und Sünde in diesen Diskurs einzubringen. Es ist nicht damit getan, den traditionellen Diskurs als isolierte Parallelwelt am Leben zu erhalten.

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