Das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Ansgar Heveling

Gedemütigt, erniedrigt, geschlagen

Sieben Jahre in Kinderheimen, Jugendwerkhöfen und Jugendhaftanstalten der DDR. “Als die Mauer gebaut wurde, kam ich nicht rüber, und als sie dann endlich weg war, war ich zu alt, um all das nachzuholen, was ich verpasst hatte.“ Für Peter Kurjahn ist die DDR auch heute noch präsent.

Manchmal, wenn Peter Kurjahn nicht schlafen kann, denkt er darüber nach, was gewesen wäre, wenn er im anderen Teil Deutschlands zur Welt gekommen wäre. Nicht in Oderberg, einem 2800-Einwohner-Nest kurz vor der polnischen Grenze, sondern in einer Kleinstadt am Rhein oder am Neckar. Achtzehn Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ist die DDR für Peter Kurjahn noch immer so präsent, als ob sie nie zu existieren aufgehört hätte.

Mehr als sieben Jahre seines Lebens hat Kurjahn in Kinderheimen für Schwererziehbare, Jugendwerkhöfen und Jugendhaftanstalten verbracht. Eine intakte Familie hat er nie kennengelernt. Als er sieben ist, wird er mit seiner kleinen Schwester in das Kinderheim A. S. Makarenko in Berlin-Königsheide eingewiesen. 1954 stirbt die Mutter, Kurjahn kommt ins Kinderheim Caputh. Drei Jahre später heiratet sein Vater zum zweiten Mal. Er holt den Sohn zu sich nach Berlin-Pankow, aber der 13-jährige kann und will sich nicht in die neue Familie einfügen. “Ich war nicht bereit, mich unterzuordnen“, sagt Kurjahn und meint damit nicht nur das strenge Regime seines Vaters. Für den Sozialismus kann er sich schon damals nicht begeistern. Ein Widerstandskämpfer im klassischen Sinne ist er nicht. Peter Kurjahn will keine freien Wahlen oder Gewaltenteilung, er will über den Kudamm schlendern, Nietenhosen kaufen und in Ruhe gelassen werden.

Die schlimmste Zeit des Lebens

Doch damit ist es am 5. Mai 1960 vorbei. Die verstohlenen Blicke am Frühstückstisch, das nervöse Schweigen der Stiefmutter, das unvermittelte Schrillen der Türklingel. “Mach‘ dich fertig. Du kommst weg. Dahin, wo du das Arbeiten lernst.“ Die Worte seines Vaters hat er noch heute im Ohr.

Kurjahn landet im Durchgangsheim in der Magazinstraße. Was folgt, sind zwei Wochen Ungewissheit und die Angst, ins Gefängnis zu kommen. Dass er in den Jugendwerkhof Groß Leuthen überstellt werden soll, erfährt der 15-Jährige erst auf dem Weg in das kleine Dorf am Rande des Spreewalds. Für Kurjahn beginnt die schlimmste Zeit seines Lebens. “Groß Leuthen war die Vorstufe zum Knast.“

Um fünf Uhr morgens müssen sich die rund 100 Jugendlichen, die Anfang der sechziger Jahre in dem muffigen, heruntergekommenen Renaissanceschloss aus dem 12. Jahrhundert untergebracht sind, aus ihren Betten quälen. Mit einem Bus wird Kurjahn tagein tagaus in das Kraftwerk nach Lübbenau gekarrt. Während die Mädchen in der Gärtnerei oder der Wäscherei schuften, ackern die Jungs im Gleisbau. Peter Kurjahn schleppt in Teer getünchte Eichenschwellen und wuchtet zentnerschwere Löschkalksäcke vom LKW – harte körperliche Arbeit, die den 15-Jährigen an den Rand der Erschöpfung bringt. Über die 40 Ostmark, die er jeden Monat für die Plackerei im Kraftwerk bekommt, darf er nicht frei verfügen. “Da hatte die Möbius ihre Hand drauf“, sagt Kurjahn.

An die Heimleiterin denkt er mit Abscheu zurück. “Die hat uns dauernd spüren lassen, dass wir nichts wert sind.“ Die Leiterin des Jugendwerkhofs will die Jugendlichen zu “allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten“ erziehen. Nach der Arbeit lesen die Erzieher den Jugendlichen aus dem “Neuen Deutschland“ vor. Wer sich anpasst, die Arbeitsnorm schafft oder gar übererfüllt, kommt in den Genuss von Vergünstigungen oder bekommt Ausgang. Wer beim Rauchen oder mit einer Flasche Bier erwischt wird, wird bestraft – mit Beleidigungen, Demütigungen oder mit Essensentzug. “Wenn man nicht gespurt hat, wurde man auch schon mal über Nacht im Keller eingesperrt“, sagt Kurjahn. Einige Erzieher werden handgreiflich, wenn die Jugendlichen es wagen, sich ihren Anordnungen zu widersetzen. “Es gab ein Zwei-Klassen-System. Die Erzieher haben sich gezielt Jugendliche ausgesucht, die sie auf die anderen angesetzt haben“, sagt Kurjahn.

Fluchtversuche

Im Juni 1961 wird er aus dem Jugendwerkhof entlassen. Kurjahn will sich nicht damit abfinden, dass er den Rest seines Lebens hinter Stacheldraht und Selbstschussanlagen verbringen soll. Die Idee, die DDR zu verlassen, hat er nie wirklich begraben. Am 13. Februar 1962 wagt er mit seinem Cousin den Grenzdurchbruch. Eine Schnapsidee – im wahrsten Sinne des Wortes. Die beiden jungen Männer hatten bei einer Geburtstagsfeier zu tief ins Glas geschaut. Mit mehreren Promille Alkohol im Blut und ohne einen konkreten Plan versuchten die Jugendlichen, den Zaun zu überwinden. “Irgendjemand brüllte ‚Halt, stehen bleiben‘ und dann flogen uns schon die ersten Kugeln um den Kopf“, erinnert sich Kurjahn.

Am 12. Mai 1962 verurteilt die Jugendstrafkammer 613 des Stadtbezirksgerichtes Pankow den 17-Jährigen zu zehn Monaten Freiheitsentzug. Kurjahn hadert mit seinem Schicksal. “Ich hatte niemanden beklaut oder umgebracht. Alles, was ich wollte, war das Land zu verlassen.“

Wieder draußen, versucht er sich mit der DDR zu arrangieren. Soviel Anpassung, wie nötig, um seinen Kindern die Zukunft nicht zu verbauen; soviel Distanz wie möglich, um noch in den Spiegel schauen zu können. So wurschtelt sich Kurjahn durch die siebziger und achtziger Jahre.

Als die Mauer fällt, liegt Kurjahn mit eingegipstem Bein auf der Couch. Im Fernsehen sieht er wie Menschenmassen auf das verhasste Bauwerk klettern, sich in den Armen liegen und Sektflaschen schwenken. Doch Peter Kurjahn kann sich nicht freuen. Er fühlt sich zum zweiten Mal betrogen. “Als die Mauer gebaut wurde, kam ich nicht rüber, und als sie dann endlich weg war, war ich zu alt, um all das nachzuholen, was ich verpasst hatte.“

250 Euro SED-Opferrente für verpfuschte Jugend

Um die Feierlichkeiten zum 20. Jubiläum des Mauerfalls macht Kurjahn einen großen Bogen. Dass Politiker, die damals in der SED waren und zu den Profiteuren der zweiten deutschen Diktatur gehörten, heute so tun, als ob sie eigentlich schon immer Demokraten gewesen sein, findet er unerträglich. “Die lassen sich selbst hochleben, während die, die in den Knast gegangen sind, mit Almosen abgespeist werden.“ 250 Euro SED-Opferrente im Monat gewährt ihm der Staat für seine verpfuschte Jugend. “Verglichen mit den vier Milliarden Zusatzrente, die die SED-Bonzen pro Jahr kassieren, ist das doch ein Witz“, schimpft Kurjahn.

An Gerechtigkeit glaubt Peter Kurjahn schon lange nicht mehr. Seinen Enkeln versucht der 65-Jährige zu erklären, wie es war, in einem Land leben zu müssen, dessen Regierung eine Mauer bauen musste, um das eigene Volk am Weglaufen zu hindern. Ob sie auch nur annähernd nachvollziehen können, was er durchmachen musste, ist für Kurjahn zweitrangig. “Die Hauptsache ist, dass sie verstehen, dass ihr Opa nie ein Duckmäuser war.“

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