Revolution ist nicht für jedermann

Antonia Rados28.09.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

Rauschende Nacht oder Straßenschlacht: Während Jugendliche aus der Mittelschicht den Aufstand gegen Ahmadinedschad proben, geben die Ausgeschlossenen die Handlanger des Regimes. In den gehobenen Kreisen hält man sich fein raus: Let‘s party ist hier oberstes Gebot. Ein Streifzug durch die junge Welt des Iran.

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Schnappschuss aus Teheran: Böser Regimewächter kontrolliert hübschen Teenager mit schlecht sitzendem Seidenkopftuch und perfektem Make-up. Nachdem die Schönheit nicht ihren Ausweis in der Gucci-Tasche findet, stößt sie einen Protestschrei aus. Regimescherge starrt auf seine Stiefel, Mädchen wird forscher, bis der Ahmadinedschad-Treue die Kontrolle abbricht, um sich in Richtung anderer Sünderinnen zu begeben. Inzwischen streckt die Entkommene das operierte Stupsnäschen in die Höhe und verschwindet im silberfarbenen Landcruiser Richtung Nord-Teheran. Sündhaft teure Wohninsel der Super-Reichen, deren Töchter und Söhne selten in einer Polizeizelle landen. Und wenn: Anruf daheim genügt. Papa wird es schon richten! Hat die Familie gute Beziehungen in die Paläste der Macht, erübrigt sich die übliche Bestechung der Sicherheitskräfte – ob sie Moralwächter, Basidsch, Revolutionswächter, Pasdaran oder Geheimpolizei heißen. Stammt einer aus Nord-Teheran, gehört er automatisch zu Irans Jugend Nummer eins: äußere Kennzeichen siehe oben! Ich kenne die Tochter eines wohlhabenden Geschäftsmannes, nennen wir sie Azar. Bei Partys trinkt sie. Geraucht werden nicht nur Marlboro light. Blasiert, gelangweilt, tanzen Party-Girls wie meine Bekannte bis in die Morgenstunden in den Kitsch-Villen Nord-Teherans, stöhnen in den Musik-Pausen über Unterdrückung, Kopftuch, Mullahs, Radikale, alles Wahnsinn! Während der Proteste im Juni geht Jugend Nummer eins in vorgezogene Ferien: Reisen nach Los Angeles oder Toronto sind kein Problem. Die meisten besitzen einen amerikanischen oder kanadischen Zweitpass. Rund eine Million Exil-Iraner flüchteten nach dem Fall des Schahs vor 30 Jahren in die USA oder nach Kanada, bis die meisten unter Präsident Rafsanjani in den 80er-Jahren zurückdurften in ihre Heimat. Seither verdienen sich einige im Iran mit Staatsaufträgen eine goldene Nase. Bei deren Kindern, ob sie Azar heißen oder anders, feiere ich in Teheran oft mit, wohlwissend, dass deren Väter mit dem Regime gute Geschäftsbeziehungen pflegen: “Nirgendwo sonst kann man so viel Geld machen”, verkündet ein junger Lobbyist in angeheiterter Stimmung.

Revolution ist nichts für Partylöwen

Noch ein Schnappschuss: Während der Protest-Tage im Juni 2009 stochern in einem vornehmen Restaurant auf dem Ghandi-Boulevard zwei Schönlinge im grünen Salat, immerhin gleichfarbene Bänder um die Handgelenke, Symbole des Oppositionellen Mussawi. Ich frage, ob sie demonstrieren würden. Die Antwort klingt nicht einmal nach “vielleicht”. Zu riskant. Vorteil der Salon-Revoluzzer: Sie antworten im lupenreinen Oxford-Englisch. Nützlich, wenn man wie ich des Persischen nicht mächtig ist und mit offiziellen Übersetzern arbeiten muss: Nach einigen Partys hege ich den Verdacht, Jugend Nummer eins ist in unseren Reportagen hoffnungslos überrepräsentiert. Weil sie englische Sprachlehrer hatte und Jugend Nummer zwei nicht. Jugend Nummer zwei findet man nicht bei rauschenden Festen, sondern in Mussawis Wahlquartier – solange das noch nicht von der heimischen Stasi geschlossen wurde. Um dort mit einer Studentin namens Fatima in den Tagen vor der Wahl zu plaudern, brauche ich einen Übersetzer: “Hai laaik Mussawi!” ist der einzige Satz, den sie stolz herausbringt. Sie ist 24 Jahre alt. Will Richterin werden, obwohl in der Islamischen Republik Frauen nur in Fragen des Familienrechts richten dürfen. Weiteres Paradox: Fatima steckt unter einem Vollkörper-Umhang, dem Tschador, meint aber, ihre religiöse Familie hätte nichts dagegen, dass sie nächtelang unterwegs ist. Plakate verteilt, Stimmen wirbt. Wie sie studieren heute mehr Mädchen als je zuvor. Beruhigt durch strenge Kleidervorschriften, geben konservative Väter ihren Töchtern lieber Ausgang als in der Schah-Zeit. Heißt nicht, Fatima wolle leben wie ihre Landsleute in Nord-Teheran oder gar im Sündenpfuhl Los Angeles, nein, dazu ist sie viel zu nationalstolz. Iranerin halt. In Fatimas Stammlokal, einem Künstlercafé, treffe ich einige Jungs von der Universität. Neugierig fragen sie: “Glauben Sie, dass es den Holocaust gegeben hat?” Sieht aus, als erwarten sie eine ernsthafte Diskussion darüber. 30 Jahre Mullah-Herrschaft haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Ein Zweitpass? Davon träumt Jugend Nummer zwei nicht einmal, höchstens von einem Job, der weniger schlecht bezahlt ist als der des Vaters oder Bruders. Darunter macht sie es heute nicht mehr.

Tausende Nedas warten auf Gelegenheit

Sobald sich in Teheran herumspricht, die Präsidentenwahl sei gefälscht worden, vergisst Jugend Nummer zwei die Wahlzettel und greift zu Pflastersteinen, seit Jahrzehnten aufgestaute Wut im Bauch. Verkäuferinnen, Lehrerinnen, Fatimas in jeder Kleidergröße stehen in der ersten Reihe der Proteste oder am Straßenrand wie die Musikstudentin Neda: Typisches Kind aus einem Mittelschichten-Vorort, getötet bei gewalttätigen Auseinandersetzungen auf dem Platz der Revolution Ende Juni, inzwischen Irans “Ikone”. Während die jungen Frauen aussehen wie Racheweiber und vermummt sind wie Autonome, setzten ihre Verlobten, Brüder und Freunde Mülltonnen in Brand. Man kann davon ausgehen, dass Tausende Nedas auf die nächste Gelegenheit zur Revolte warten, wenn sie nicht im Knast sitzen. Oft schickt sie in das berüchtigte Evin-Gefängnis nicht die Polizei, sondern Jugend Nummer drei. Revolutions- und Moralwächter zwischen 16 und 26, Taxifahrer, Bauernsöhne, Mechaniker ohne Schulabschluss. Arbeitslose, von denen es mehr als genug gibt. Hunderttausende kleine Ahmadinedschads. Treue Stützen des Regimes wie der 20-Jährige, den ich in einer Kleinstadt nördlich von Teheran treffe: Misstrauisch lauscht er meinen Fragen, als stünde der personifizierte dekadente Westen vor ihm. Nicht einmal bestätigen will er, dass er ein Basidsch ist, obwohl ihn sein Dreitagebart verrät. Wenn es darum geht, die unzufriedene Jugend Nummer zwei auf dem Valiasr-Boulevard niederzuprügeln, genügt es, Zehntausende Basidschi mit Sprüchen zu motivieren wie etwa: Revolten sind gesteuert von “ausländischen Feinden!” Fatima, eine zionistische Agentin? Jugend Nummer zwei liegt nichts ferner als das. Bevor Frauen wie Fatima ihren Umhang gegen einen Minirock eintauschen, vergeht noch viel Zeit. Und Irans Partylöwen, Jugend Nummer eins? Verschlafen inzwischen alle Demos – wegen Alkoholrausch.

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