Die Konservativen sind die Pausenzeichen der Geschichte. Norman Mailer

Mehr als reine Mathematik

Die Finanzwirtschaft muss umdenken. Zu lange hat sie sich auf rein ökonomische Kennzahlen konzentriert und hat deshalb Probleme, in politisch unsicheren Zeiten zu agieren.

Seit 2008 ist die Krise das entscheidende Merkmal des Finanzsektors, der Wirtschaft und auch des politischen Systems in Europa. Sie ist kaum greifbar und hat doch unsere Wirklichkeit verändert und die Menschen verängstigt. Nun hören wir erstmals, dass Staaten die Eurozone möglicherweise wirklich verlassen werden. Und das, während Rumänien und Bulgarien noch immer auf ihre Aufnahme in den Schengen-Raum warten und Frankreich das Recht fordert, zumindest zeitweise wieder seine Südgrenzen zu kontrollieren, weil es sich unter zu großem Migrationsdruck sieht.

Vor diesem Hintergrund erlebt Rumänien derzeit eine politische Krise, die die gesamte Gesellschaft erfasst hat. Dabei ist der Protest gegen das politische System und die Ablehnung der aktuellen Zustände das einzige, was die Mitglieder dieser äußert fragmentierten Gesellschaft zusammenhält. Glaubt man der medialen Darstellung im Lande, dann ist das Ende Rumäniens nahe. Steht es wirklich so schlimm?

Und doch gibt es Hoffnung

Auch ein Blick aus weiterer Entfernung beantwortet diese Frage nicht. Die internationale Presse verfällt in den gleichen dramatischen Ton, wie die Stimmen im Land selbst. Wer die aktuelle Krise wirklich verstehen will, der muss den Zusammenhang herstellen zwischen der geringen Glaubwürdigkeit des Staates, der damit einhergehenden ständigen Unsicherheit und den davon abgeschreckten ausländischen Investoren.

Anfang August sagte einer der international bekanntesten Hedgefonds-Manager, Louis M. Bacon, in einem Interview mit der „New York Times“, dass die Politik zu sehr in die Märkte involviert sei. Er bezog sich speziell auf Europa und fügte hinzu: „Es ist erstaunlich, wie wichtig die Entscheidungen einer Person, Angela Merkel, für die Weltmärkte wurden.” Im selben Atemzug gab er bekannt, dass zwei Milliarden Dollar (25 Prozent des Hauptfonds, den er bei Moore Capital Management verwaltet) an die Investoren zurückgezahlt würden – man könne sie schlichtweg nicht sinnvoll investieren, weil politisches Entscheidungen und das damit verbundene Risiko nicht vorherzusehen seien.

Wer das liest, sieht die Tragödie Rumäniens: Wenn es aufgrund der wirtschaftlichen Krise schon in anderen EU-Staaten unmöglich ist, Investments zu verwalten und Risiken abzuschätzen, wie sollte sich dann das Risiko in Bukarest abschätzen lassen, wo die politische Krise noch hinzu kommt?

Und doch gibt es Hoffnung – und die liegt in der Betrachtung des Risikos. Wie George Friedman in seiner Kolumne „Financial markets, Politics and the New Realtiy“ kürzlich erklärte, interessierte selbst Adam Smith und David Ricardo keinesweg nur die reine Ökonomie, in der Entscheidungen ausschließlich aufgrund von Berechnungen getroffen werden. Friedman meint, dass für die Ökonomie maßgebliche politische Entscheidungen, tatsächlich vorhersehbar sind: „Merkel trifft weniger Entscheidungen als sie vielmehr die sachlichen Zwänge darstellt, die sie treiben. Mit dem Verständnis dieser sachlichen Zwänge ist es möglich, sowohl das politische Verhalten als auch das Marktverhalten vorherzusagen.“

Seine Analyse bestätigt die Tatsache, dass Broker wie der weiter oben genannte Bacon noch immer den Investmentgesetzen der Wachstumsperiode 1991-2008 folgen. Friedman zeigt jedoch geopolitische Faktoren auf, die nicht nur die politischen Entscheidungen in Berlin (oder sonst wo in der EU) beeinflussen, sondern auch eine neue Investment-Realität schaffen, in der die Nationalstaaten die Hauptakteure sind. Daher bleibt das politische Risiko ein zentraler Faktor in der Berechnung des Risikos, das mit einem Investment verbunden ist.

Unsicherheit endet dort, wo Beschränkungen verstanden werden

Aber reine Mathematik darf dabei nur eine zweitrangige Rolle spielen. Die quantitativen Methoden, die sich für Broker vor 2008 als so nützlich erwiesen, sind heute unzureichend. Der britische Ökonom John Kay schrieb in dieser Woche in der „Financial Times“ darüber, dass der Prozess der Entscheidungsfindung neben der Wahrscheinlichkeitsrechnung um eine narrative Komponente ergänzt werden muss. Eine durch Erzählung subjektiv formulierte Wirklichkeit ist ein notwendiger Ausgleich zur quantitativen Analyse, die nur auf Wahrscheinlichkeiten (die auch nicht frei von Subjektivität sind) baut. Kay beschreibt das Dilemma mit der reinen Mathematik sehr gut: „Wir legen uns von Vornherein auf Beweise fest, die uns nur in unserem Glauben bestätigen”.

Politisches Drama verängstigt und interessiert die Finanzmärkte gleichermaßen. Die Gesetze von vor 2008 sind zwar gewiss andere, aber das menschliche Wesen, der Kern jedes Systems, ist noch immer das gleiche. Der Mensch selbst bestimmt im Wesentlichen die Politik und die sozio-ökonomischen Begebenheiten. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind es in aller Regel, die den „richtigen Weg” und die sozialen Regeln finden. Unsicherheit endet dort, wo Beschränkungen verstanden und akzeptiert werden. Die sachlichen Zwänge, die unseren Entscheidungsfindungsprozess bestimmen, zu erkennen und zu verstehen, ist schwer – speziell in Zeiten vieler maßgeblicher politischer Ereignisse. Verstehen ist ein menschlicher Prozess und daher nicht frei vom Schwindel der Subjektivität. Und allein das bedeutet mehr als reines Schwarz-Weiß. Und es bedeutet auch, dass Rumänien längst nicht verloren ist.

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