Der klassische Anzug hat an Glaubwürdigkeit verloren. Joachim Schirrmacher

Sie impften Gift

Im Frühjahr jähren sich zum 50. Mal die Niederschlagungen der Freiheitsbewegungen gegen die kommunistischen Diktaturen. In Polen wurden seinerzeit viele Juden gezwungen, das Land zu verlassen. Einer der großen Schriftsteller Polens und selber Jude blickt zurück

Der Sechstagekrieg (ein Auszug)

Plötzlich wurde klar, was hinter all dem steckte.

Eigentlich hätte ich es schneller kapieren müssen, denn die Sache war nicht neu. Alles schleppte sich seit gut sechs oder sieben Wochen dahin, seit der ersten Junihälfte. Doch in dieser Zeit war ich so auf mich selbst konzentriert gewesen – auf die Aufnahmeprüfungen und die Studienzulassung, danach auf die Ferien und die Lektüre von Kosmos –, dass es mich kaum interessierte, was um mich herum vorging, sowohl in der Welt als auch in Polen. Dabei gingen große Dinge vor, mit mannigfaltigen Folgen. Nur verstand man es nicht sofort. Um sich dessen bewusst zu werden, was eigentlich geschehen war und welche Konsequenzen das haben konnte, war einige Zeit vonnöten. Als ich Ende Juli von der Ostsee zurückkehrte, war das Bewusstsein für die Bedeutung sich abspielenden geschichtlichen Ereignisse vollständig wach.

Selbstverständlich geht es darum, was im Nahen Osten geschehen war. Um den Sechstagekrieg, infolge dessen Israel die Sinai-Halbinsel, das Westjordanland mit Ostjerusalem und einen Teil Syriens erobert und damit sein Gebiet vervielfacht hatte. Als Antwort auf die extrem aggressive Politik Ägyptens und anderer arabischer Staaten, die von Moskau unterstützt wurden, rief diese Militäraktion in der Welt mannigfaltige Reaktionen und einander widersprechende Kommentare hervor. Diese Kontroversen konnten kaum verwundern, wurden doch die Grenzen völlig überraschend verschoben, und das Kräfteverhältnis in dieser strategisch wichtigen Region veränderte sich. Für die Weltmächte bedeutete das eine enorme Herausforderung. Die einen waren dabei, ihren Einfluss und erhebliche Vorteile zu verlieren, die anderen mussten sich, um die ihren zu behalten und dieses Spiel mit dem erklärten Willen zum Dialog und zum Kompromiss, sowie insbesondere mit internationalen Verträgen, in Einklang zu bringen, große Mühe mit dem Begründen ihrer Auffassungen geben und geschickt lavieren. Denn die deklarierten Ideale verboten es, beim Lösen von Konflikten Gewalt anzuwenden, und forderten zur Einhaltung von Beschlüssen der UNO-Kommission auf. In dem konkreten Fall waren sie indessen ignoriert worden. Israel hatte die Ordnung auf militärischem Wege und durch vollendete Tatsachen verändert und wollte nicht ohne Gegenleistung weichen.
Natürlich hatte Israel recht. In jeder Hinsicht lag das Recht auf seiner Seite. Für den Westen als seinen formellen Verbündeten stellte die ganze Operation aber auch ein gewisses Problem dar und weckte inneren Widerstand. Denn strategisch musste sich der Westen auf die Seite Israels stellen – sich so zu positionieren stand jedoch im Widerspruch sowohl zum Standpunkt der UNO als auch zu den Grundsätzen der sogenannten Friedenskämpfer, die in solchen Fällen immer Alarm schlugen. Wie sollte man ihnen die Notwendigkeit einer bewaffneten Aktion und gar einer Annexion erklären? Die erstere konnte am Ende immer als Selbstverteidigung hingestellt werden. Es gab in der Geschichte andere Beispiele von Ländern, die sich – durch aggressive Nachbarn bedrängt – mittels einer schnellen Gegenoffensive verteidigten. Nachdem sie gelungen und der Feind zurückgedrängt war, setzte man sich aber immer an den Tisch und verhandelte über einen Waffenstillstand sowie Friedensbedingungen, wonach die Truppen das fremde Territorium verließen. Jetzt war es anders. Die Mediation und die Verhandlungen hatten zu keinem Erfolg geführt. Ostjerusalem und die Golan-Höhen blieben in der Hand des Siegers. Die Regierung Israels behauptete völlig zu Recht, dass dies für sie die einzige Sicherheitsgarantie sei.

Seit den Ende des Zweiten Weltkrieges war das eigentlich ein präzedenzloser Fall. Andere bewaffnete Konflikte, die seitdem aufgetreten waren – in Korea, Vietnam, auf Kuba –, hatten das politische System zum Gegenstand und einen internen Charakter. Im Grunde genommen waren dies – in der Regel durch Moskau ausgelöste – künstliche Bürgerkriege gewesen. Dagegen bedeutete den Angriff Israels auf Ägypten, Jordanien und Syrien einen authentischen Zusammenprall von Nationen, Religionen und Kulturen. Und vor allem: Er hatte recht radikal die Landkarte dieser Region verändert.

Gerade daraus erklärt sich der Aufschrei in der Welt, als das Zerschlagen der arabischen Koalition und die konsequente Haltung der Anführer Israels bekannt wurden. Selbst die schärfsten Kritiker Israels (die meisten kamen von links) mussten sich aber bremsen und auf ihre Worte achten, weil sie merkten, dass es sich um eine Angelegenheit handelte, die aus vielen Gründen Ausnahmecharakter besaß.

Zum einen war der siegreiche Staat das Vaterland einer Nation, die wie keine andere in der Geschichte der Neuzeit durch Verfolgungen und Massenpogrome gelitten hatte. Das größte Verbrechen – die systematische Ermordung von sechs Millionen Menschen durch die Deutschen unter Hitlers Führung – lag zudem erst 25 Jahre zurück; die abendländische Zivilisation erinnerte sich daran und hatte deshalb ein schlechtes Gewissen – das betraf sowohl die Täter als auch diejenigen, die das Verbrechen nicht hatten verhindern können.

Zum anderen stellte Israel als Staat die Erfüllung der Träume und (wie es hätte scheinen können) der unrealistischen Hoffnungen Dutzender von Generationen dar, die zweitausend Jahre lang in der Diaspora gelebt hatten – ein historisches Phänomen. Mit anderen Worten: Es war ein präzedenzloser Fall. Welche andere Nation, die aus ihrem Land vertrieben worden war und Hunderte von Jahren in der Welt verstreut lebte – auf Wanderschaft, geschlagen und von Feinden dezimiert –, hatte es geschafft, an ihren Ursprung zurückzukehren und das Vaterland ihrer Väter auferstehen zu lassen? Oder vielmehr neu zu erschaffen – in der Wüste – von Grund auf.

Und schließlich bedeutete dieser Staat – unabhängig davon, was man von der Gerechtigkeit der Geschichte und der Wiedergutmachung des Unrechts halten mochte – auch das einzige Gegenmittel für den Fall einer Wiederkehr der sogenannten jüdischen Frage dar, welche die Welt trotz aller Bemühungen und pathetischen Deklarationen nicht lösen konnte und die ihr ständig zu schaffen machte. Es war also auch für jene Kräfte wichtig, denen es lediglich um das Vorbeugen, d.h. um das Verhindern von potentiellen Konflikten – insbesondere von unerwarteten antisemitischen Ausschreitungen – zu tun war. Kurz und gut: Auch solche zynischen Milieus vertraten die Meinung, dass es besser war, wenn es Israel gab und man es akzeptierte, als wenn es bekämpft würde – und vor allem: als wenn es nicht existierte.
Aus ebendiesen Gründen holte man verschiedenartige Einwände, die in der Politischen Debatte der Atlantischen Gemeinschaft auftauchten, nicht ans Licht. Ihr Kurs stützte die Juden. Trotz allem für Demokratien typischen Zögerns ergriff der Westen Partei für Israel und gewährte ihm seine Unterstützung.

Da die Sowjets mit dem Westen im Konflikt lagen, stellten sie sich natürlich auf die Seite der arabischen Welt – und zwar nicht nur ohne Zögern und ohne jegliche Vorbehalte, sondern unerhört vehement. Sie nahmen sofort eine außerordentlich aggressive gegen Israel gerichtete Propagandakampagne auf, dessen erfolgreicher Angriff gerne mit Hitlers „Blitzkrieg“ verglichen wurde. Ehe die Militäroperation abgeschlossen war, riefen sie in Moskau eine Versammlung kommunistischer Anführer zusammen, während der Israels „Aggression“ verurteilt und von allen Satellitenstaaten gefordert wurde, die diplomatischen Beziehungen zu diesem Staat abzubrechen. Das war einmalig. In der Nachkriegsgeschichte hatte der Kreml in einer solchen Angelegenheit noch nie seinen Willen anderen derart aufgezwungen.

Besonders heikel war diese Direktive für Polen. Zum einen stand sie konträr zu der israelfreundlichen Politik, die sich Warszawa bereits in den 1940-er Jahren zu eigen gemacht hatte, als es in einer Versammlung der UNO dafür stimmte, der jüdischen Seite ihr Territorium als unbedingtes Eigentum zu überlassen, und als sie danach, 1948, nachdem Israel als freier Staat ausgerufen worden war, es sofort anerkannte und rasch diplomatische Beziehungen anknüpfte. Zum anderen beeinträchtigte sie indirekt, jedoch unausweichlich, die polnisch-jüdischen Relationen, die nach dem Holocaust auch so schon angespannt waren – voller Vorwürfe, Traumata, Misstrauen und Leid. Die zwischenstaatlichen Beziehungen abzubrechen bedeutete einen Akt der Feindseligkeit und wurde von vielen mit einer Kriegserklärung gleichgesetzt.

Manche wunderten sich daher, dass der an der Spitze von Partei und Staat stehende Gomułka diesmal so klein beigag – ein Politiker, dem all die verhängnisvollen Folgen bewusst waren, und zugleich einer, der in der Vergangenheit den Sowjets durchaus die Stirn bieten konnte. Zumal er nicht allein dagestanden hätte, wenn er dem Druck nicht nachgegeben hätte, denn das ungehorsame Rumänien, das aufgrund nationaler Interessen ein Sondervotum anmeldete und den Forderungen nicht nachkam, wäre sein Verbündeter gewesen.

Für diejenigen aber, die sich keine Illusionen über das Wesen und die Handlungsweise einer Volksdemokratie machten und die Art und Weise kannten, auf welche der Kreml seine Kontrolle ausübte, lag darin nichts Überraschendes. Solche Menschen wussten sehr gut, wie Eigenmächtigkeiten ausgingen, insbesondere wenn diese im Ungehorsam gegenüber der Führung des „Bruderstaates“, und dann noch in Schlüsselfragen, bestanden. Am Ende stand eine „spontane Reaktion gesunder Kräfte“ der eigenen Partei, die „um das Wohl und die Sicherheit der Nation“ besorgt die Fehler des Ersten Sekretärs anprangerten und ihn entmachteten. Weshalb also hätte Gomułka seinen Sturz riskieren sollen?
Aber hätte er denn wirklich so viel riskiert? War seine Position in der Partei nicht stark genug, um für den Fall des Falles eine künstlich angestiftete Rebellion im Keime zu ersticken? Und vor allem: Gab es überhaupt entsprechende Kräfte (jenen stets „gesunden Kern“), die ihn bei voller und offener Unterstützung Moskaus hätten stürzen können?
Ja, es gab sie – und mehr noch: Seit über drei Jahren drängten sie darauf, die Macht zu übernehmen. Es war die inoffiziell plebejische Partisanenfraktion genannte Gruppierung, die ich erwähnte, als ich den politischen Hintergrund für den wackeligen Stand des Werkes von Gombrowicz skizzierte. Sie versammelte Anhänger angeblich nationaler Werte und der Kriegsveteranenmoral, und verbreitete, dass sie sich die Wiedererlangung einer größeren Unabhängigkeit für Polen zum Ziel gesetzt habe – natürlich in den Grenzen dessen, was das herrschende Regime und die Kontrolle Moskaus zuließen. Es sollte dies aber eine völlig neue Qualität sein, „echt“ polnisch, „heimatlich“.
Derartige Bestrebungen oder wenigstens Losungen fanden in der gedemütigten, degradierten Gesellschaft einen guten Nährboden. Nur war die Botschaft nicht viel wert. Sie war nichts als Köder. Das einzige wahre Ziel lag in der Machtübernahme und den damit verbundenen Profiten.

Die Anhänger Moczars – denn er war es, der an der Spitze jener „nationalen“ Fraktion stand – hatten keinerlei Ideale und wenig Bildung, gierten dafür sehr nach allen möglichen Vorteilen. Entgegen dem, was sie zu betonen pflegten, stammten sie nicht aus dem Proletariat und dem Bauerntum im engeren Sinne, sondern aus niedrigsten Schichten – dem Lumpenproletariat. Jener „gesunde Kern“ der Partei, den die Propaganda in allen Krisenzeiten anzupreisen bestrebt war, setzte sich im Grunde genommen aus gemeinem Pöbel zusammen.

In die Reihen der „Fortschrittsavantgarde“ war er alles andere als zufällig oder durch ein Versehen geraten – nein, das geschah völlig legal, als Vorreiter des Sozialismus, d.h. die ersten Kader der neuen Machthaber im Staat, angeworben wurden. Diese Kaste nämlich, Fachleute für die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte, den Klassenkampf und den dialektischen Materialismus, setzten ihre erhabenen Wahnideen um und wollten die Parteimassen rasch vermehrt sehen, vor allem um die Richtigkeit der Doktrin selbst zu beweisen, aber auch um ein Heer Abhängiger entstehen zu lassen. Aus wem sonst als aus Lumpen hätte man es rekrutieren können, aus Knechten und Menschen am Rande der Gesellschaft? Alle anderen waren irgendwie verwurzelt – auf dem Lande, in der Stadt, im Eigentum, in der religiösen Tradition – und zu so etwas nicht bereit. Umgekehrt, sie wollten es nicht und lehnten es ängstlich ab. Als die Basis schon entstanden und gefestigt war, setzte mit der Zeit eine negative Selektion ein. Schließlich spürte die „junge Garde“ unterer Parteifunktionäre, die eine schmutzige, undankbare Arbeit verrichteten, ihre Kraft und begriff, wie die „schöne neue Welt“ – insbesondere in Bezug auf Teilung und Verteilung von Gütern – funktionierte.

Und sie begann diese immer heftiger zu fordern, sich immer radikaler zu widersetzen und mit Sabotage zu drohen.
Vor ebendieser dunklen Kraft, die man ja mit voller Absicht hatte aufsteigen lassen und dann verhätschelte, hatte Gomułka jetzt Angst. Und zwar nicht allein deswegen, weil er der Generation älterer Funktionäre, die in der Minderheit waren, angehörte, sondern auch – oder eher hauptsächlich –, weil er zahlreiche Juden … d.h. „Genossen mit jüdischen Wurzeln“ um sich hatte. Auf seine Widersacher wirkten diese wie ein rotes Tuch und stellten ein bevorzugtes Angriffsziel dar.

Moczars „Hunde des Krieges“, aber nicht nur sie (diese Haltung war in der Partei weit verbreitet), hegten eine Abneigung gegen die Juden aus zumindest dreierlei Gründen. Sie lag erstens in der Natur der Sache, also in der ihnen eigenen Voreingenommenheit und Abscheu gegen alles Fremde, Andere, Unbekannte. Zweitens handelte es sich um vergangene Lasten, d.h. um das Schuldgefühl gegenüber den Opfern Hitlers, deren Ausrottung man gleichgültig oder sogar gerne zugeschaut hatte, ganz zu schweigen von denjenigen, die aus Angst, Profitgier oder auch ohne jeden Grund mitgemacht hatten. Drittens sind Neid und Demütigungen zu nennen, die sie allem während der Anfangszeit des sozialistischen Aufbaus erfahren hatten, als sich „Genossen mit jüdischer Abstammung“ besonderen Respekts und Ansehens erfreuten, hohe Parteiposten besetzten (meist höhere als die anderen) und die Spielregeln bestimmten.

Diese Position verdankten sie scheinbar dem reiferen gesellschaftlichen Bewusstsein, dem tieferen Verständnis dialektischer Gesetze, der Theorie des Klassenkampfes und des geschichtlichen Mechanismus (also ihrer ideologischen Gewandtheit) und gewiss auch der größeren Hingabe an die Sache des „Fortschrittes“, d.h. an die Revolution und ihr erlösendes Ziel. Darin konnte es ihnen in der Tat niemand gleichtun. Doch nicht das machte sie zu heiligen Kühen. Über ihren besonderen Status entschied die Zentrale im Kreml, sicherlich Stalin selbst, der zum einen wusste, dass es in Polen an Personal mit entsprechendem Background, also mit Kenntnissen des Marxismus-Leninismus, fehlte, und zum anderen verstand, dass man Juden, nachdem sie ihre geschichtliche Rolle zu Ende gespielt haben würden, leichter als andere würde beseitigen können.

Es fällt wahrhaftig schwer zu begreifen, wieso die „Schriftgelehrten“, so gescheit und so aufgeweckt, denen es leicht fiel, die kompliziertesten Antinomien und die Verworrenheit des „dialektischen Materialismus“ zu lösen, die in der Geschichte der Arbeiterbewegung, vor allem der WKP, so beschlagen und in vielerlei Fragen so weitsichtig waren, in diesem einen kleinen Punkt so gar nicht mit dem Revolutionsführer mithalten konnten – mit seinem genial einfachen Gedankengang. So dass sie bei der Nachricht von den Erfolgen der israelischen Truppen, welche die Araber in deren eigenem Land weit zurückdrängten, unverhüllt ihre Freude zeigten und aus diesem Anlass gar ausgelassene Trinkgelage veranstalteten. Denn so war es. Und zwar nicht irgendwo, sondern beim Militär und in anderen Machtressorts.

Gomułka bekam es ordentlich mit der Angst zu tun. Das sah schließlich wie offene Sabotage aus. Hier Moskau, das die „beispiellose Aggression“ verurteilt und auf einen sofortigen Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem israelischen „Falken“ drängt, dort Genossen „jüdischer Provenienz“, obendrein „im Bereich der Verteidigung und Sicherheit“, welche sich auf provozierende Weise freuen und den Sieg feiern! Welche die Strategie loben und Dajan bewundern! Wenn das keine „Wühlarbeit“ ist! So verhält sich die „Fünfte Kolonne“!

Dieser sich eines üblen Rufes erfreuende Begriff, den Gomułka in einer Rede vor Gewerkschaftsabgeordneten verwendete, verbreitete sich blitzartig und rief Unruhe hervor. Umso mehr, als außer ihm noch andere Wörter, Ausdrücke und Sätze fielen, die noch unheilverheißender waren, wie „jüdische Kreise“ oder auch einfach „Juden“ (und nicht mehr „Genossen mit jüdischen Wurzeln“), wie „zionistische Bewegung“, wie schließlich die Aussage, dass jeder polnische Staatsangehörige „nur ein Vaterland habe“ – nämlich die Volksrepublik Polen.

Scheinbar handelte es sich dabei bloß um Parteirhetorik, die das gereizte Moskau beruhigen und zugleich den sich zum Angriff anschickenden, verwegenen Moczar in die Schranken weisen sollte, tatsächlich aber hatte diese Rhetorik den Charakter einer Tat und führte zu gegenteiligen Folgen. Sie eröffnete die Möglichkeit, das Spiel immer weiter zu verschärfen. Indem Gomułka die „Bürger jüdischer Nationalität“ öffentlich für ihren eklatanten Mangel an Loyalität gegenüber Partei und Staat tadelte, warf er sie nicht nur den „Partisanen“ zum Fraße vor, sondern auch den eigenen Leuten, die im Gefühl, dass ihnen die Macht entglitt, für sich die Rettung in einem raschen Austausch der Führungsposten sahen. Und tatsächlich, bald schon begannen die ersten Säuberungen: anfangs in der Partei und der Armee, dann mit der Zeit im Sicherheitsapparat und in der Presse.

All das war grässlich. Allerdings in noch größerem Maße schädlich. Vor allem für einen Staat, der zwar seit vielen Jahren nicht mehr souverän war, jedoch formal als unabhängig galt, wodurch sein einigermaßen neutraler Ruf auf internationaler Ebene litt; aber auch für die Gesellschaft, die auf diese Weise in eine antisemitische Hetzjagd hereingezogen wurde, obwohl sie anfangs – als spontane Reaktion – eindeutig für Israel Stellung bezogen hatte. Und das nicht nur deswegen, weil die Muslime vom verhassten Kreml unterstützt wurden, sondern auch aus dem Grund – vielleicht sogar in erster Linie –, dass man im siegreichen Feldzug ein polnisches Element, einen polnischen Akzent wahrnahm, und zwar aufgrund des Herkunftslandes Dutzender oder sogar Hunderter israelischer Soldaten, insbesondere einiger Kommandeure. In den Augen der Warschauer Straße, die seit einem Vierteljahrhundert im erstickenden Gefühl der von den Sowjets zugefügten Niederlage lebte, hatten es ihnen zumindest die „polnischen Juden“ einmal gezeigt, indem sie deren Vasallen vernichtend schlugen.

Diese Genugtuung und Freude war in der Tat aufrichtig. Und zeigten dabei, dass die in der unglücklichen
Gesellschaft eindeutig vorhandene Ablehnung gegenüber den Juden doch zu großen Teilen politisch bedingt war, nicht jedoch religiös, sozial oder gar ökonomisch, und mit dem Verhältnis zur polnischen Staatsräson zusammenhing – zu dem Anspruch des Volkes, endlich das Joch der sowjetischen Besatzung abzulegen und Freiheit wie Unabhängigkeit wiederzugewinnen. Wenn dieses Verhältnis auf die eine oder andere Weise mit den allgemein verbreiteten Sehnsüchten der Polen zusammenfiel, gab es keinen Antagonismus, ja sogar Solidarität, wie in jenem Fall eines mittelbaren Konflikts mit Russland im Nahen Osten. Wut kam dann zum Wort, wenn dieses Verhältnis und die polnischen Sehnsüchte einander zuwiderliefen, wie bei der Zusammenarbeit mit ebendiesem Russland in Polen.
Das Handeln der Kommunisten war daher ebenso schändlich wie perfide: schändlich, da sie für ihre eigenen Zwecke – für einen Fraktionskampf – ganz bewusst den Antisemitismus anheizten; perfide aus dem Grunde, dass sie diese Aktion in einem Moment unternahmen, als es nicht nur keine feindliche Stimmung gab, sondern eine ganz entgegengesetzte. Sie impften der Gesellschaft daher diesen grässlichen Erreger gerade zu einem Zeitpunkt ein, als diese – zumindest vorübergehend – von dem Gift frei war.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Michael Klonovsky , Vera Lengsfeld, Fatih Cicek.

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