Überall statt nur im Auto

von Antje Bongers24.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Noch ist das Auto Mobilitätsgarant Nummer eins, aber es verliert seine Bedeutung als Statussymbol. Zwar weiß noch keiner, welche Rolle Elektroautos spielen werden. Aber klar ist: Die Großstädte werden versuchen, den Verkehr aus den Citys fernzuhalten. Wenn aber auch Arbeit nicht mehr an einen Ort gebunden ist, wird der Einzelne mobiler – und soziale Bindungen fragmentierter.

Im Jahr 2020 werden unsere Autobahnen voll sein. Übervoll. Es wird zwar in jedem Auto Navigationsgeräte mit genausten Stauprognosen geben, aber keine Strecke, auf die man ausweichen könnte. Diese dramatische Situation zeichnet eine Studie des Instituts für Mobilitätsforschung (ifmo).

Dieser Blick in die Zukunft bestätigt auch andere Trends, die ebenfalls heute schon spürbar sind. Zwar ist das Auto immer noch der Mobilitätsgarant Nummer eins, aber es verliert zunehmend seine Bedeutung als Statussymbol. Schon an der Abwrackprämie ließ sich erkennen, welche Wagen nachgefragt werden: sparsame, kleine Autos – keine Luxus-Karossen. Und diese pragmatische Einstellung zum ehemals “liebsten Kind der Deutschen” wird sich laut der Mobilitätsforscher weiter durchsetzen.

In einer Arbeitswelt, die von flexiblen Job-Verhältnissen gekennzeichnet ist, bietet das Auto zwar subjektiv den Anschein höchster Mobilität – tatsächlich aber haben öffentliche Verkehrsmittel in den Ballungszentren den PKW hinsichtlich Zeitersparnis und Kosten längst überholt. Carsharing wird künftig eine wichtigere Rolle spielen, glaubt man den Autoren der Studie. Dieser Trend ist heute schon in Japan zu beobachten: Die Nutzung von Carsharing hat sich dort in den vergangenen Jahren verdreifacht. “Kuruma Banare” heißt die sinkende Bedeutung des Fahrzeugbesitzes auf Japanisch. Auch der steigende Benzinpreis dürfte der ifmo-Studie zufolge in den kommenden Jahren diese Entwicklung verstärken, was auch die Nachfrage nach sparsamen Modellen weiter steigen lässt.

Mit Elektrizität lautlos in die Zukunft?

Ungeklärt ist dagegen die Frage, welche Rolle Elektroautos in der Mobilität der Zukunft spielen werden. Im Dunstkreis der diesjährigen IAA ist eine Debatte um diese Technologie entbrannt; die einen halten Elektroautos für die Revolution im Automobilgeschäft, andere dagegen sprechen den fast lautlosen Fahrzeugen jegliche Marktchancen ab. Die kritischen Punkte der Elektroautos sind sicher hohe Anschaffungskosten und schwache Batterielaufzeiten, für beides hat die Industrie derzeit noch keine Lösung gefunden. Fraglich ist auch, inwiefern die Politik – ähnlich wie bei der Solarenergie – hier einer ganzen Branche auf die Sprünge helfen kann. Experten erwarten, dass sich das Elektroauto zunächst nur in den Innenstädten verbreiten wird; bei kurzen Fahrten mit wenig Ladung. Hier könnten die Wagen schnell wieder aufgeladen werden und müssen nicht zwangsläufig den gleichen Komfort bieten wie auf langen Reisen.

Gerade an den Innenstädten wird sich künftig die Veränderung unserer Mobilität ablesen lassen. Immer mehr Metropolen werden versuchen, den Verkehr aus den Citys fernzuhalten. Die Zentren der Städte werden wiederbelebt, auch zum Wohnen. Umweltzonen sind heute erst der Anfang, auch über teure Parkgebühren wird man künftig den Zugang der Autos zur Innenstadt beschränken. Für viele wird der Weg zur Arbeit ohnehin nicht mehr wie selbstverständlich in das Zentrum einer Stadt führen.

Das Verdienst der Blackberrys und iPhones dieser Welt ist es, dass Arbeit längst nicht mehr an einen Ort gebunden ist. Ständige Mobilität und ein wechselnder Arbeitsplatz sind nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Auch unser Verhältnis zum Reisen und Unterwegssein wird sich ändern. Die früher als “verlorene Zeit” empfundenen Stunden im Zug oder Flugzeug werden vermehrt produktiv genutzt – WLAN befindet sich heute schon in vielen ICE und Flugzeugen.

Was diese Veränderungen für Beziehungen und Freundeskreise bedeuten, lässt sich bereits jetzt erahnen. Je mobiler der Einzelne, desto fragmentierter werden soziale Bindungen. Es wird künftig selbstverständlich, Freundeskreise in anderen Städten oder Ländern zu pflegen und Wochenendbeziehungen zu führen. Hier ist die zunehmende Individualisierung zugleich Lösung und Ursache eines Trends, der unsere Gesellschaft verändern wird. Die Möglichkeit, sich schnell und flexibel zu bewegen, kann tatsächliche Nähe nicht ersetzen. Sie lässt aber mehr Menschen Distanz-Bindungen eingehen, da via Internet und Handy das Gefühl entsteht, vor Ort zu sein und teilzunehmen. Das Tempo unseres Lebens wird steigen – dass diese These zutrifft, zeigt nicht zuletzt, dass es bereits eine Gegenbewegung gibt; die der Entschleunigung.

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