Utopolis

von Anthony Townsend31.12.2013Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Die größte Herausforderung der Menschheit ist die Planung neuer Städte. Damit der große Wurf „smarte Stadt“ gelingt, müssen wir im Kleinen experimentieren.

Wir leben in einer Welt mit immer mehr Städten und digitaler Technologie. Während neue Technik zur Lösung einer Reihe urbaner Probleme beitragen wird, erscheint am Horizont ein besonders drängendes Problem: Wie schaffen wir einen Raum, in dem wir Innovationen ertüfteln, testen und perfektionieren?

2008 passierte die Menschheit drei historische Meilensteine: Zum ersten Mal in der Geschichte lebten mehr von uns in Städten als auf dem Land. Wir wurden zu einer urbanen Spezies. Und ­obwohl wir nun so nah beieinander lebten, befreiten wir uns mithilfe moderner Funktechnologien endlich von lästigen Kabeln. 2008 war außerdem das Jahr, in dem es erstmals mehr Handy- als Festnetznutzer auf der Welt gab. Und obwohl wir mittlerweile sogar unseren Körper mit dem Internet verbinden, wurden wir im Netz zur Minderheit. Denn seit 2008 sind mehr Dinge als Menschen aus Fleisch und Blut mit dem Netz verknüpft. Die Zukunft des Webs liegt also nicht mehr in der ­Erschaffung geografisch ungebundener virtueller Räume, in denen Menschen kommunizieren, sondern in der Verknüpfung von Gebäuden, Autos und anderen Alltagsgegenständen miteinander.

Smarte Städte sind ein lohnendes Geschäft

Keiner dieser Trends wird sich zu unseren Lebzeiten wieder umkehren. Dass sie zusammenfallen, verändert das Schicksal menschlicher ­Zivilisation für immer. Gleichzeitig entsteht aber auch ein enormer Markt für Innovationen. Und da sich die Zahl der Stadtbewohner in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln wird, wird die Neuerfindung der Städte des 20. Jahrhunderts zum neuen Wettlauf ins All. Ökologisch, sozial und ökonomisch: Smarte Städte würden unter diesen Voraussetzungen zu Plätzen, an denen neue digitale Technologien genutzt werden, um zeitlose Probleme von Metropolen endlich anzugehen.

Smarte Städte ermöglichen auch gute Geschäfte. Rund 290 Milliarden Euro jährlich werden sich ab 2020 mit smarter Technologie weltweit verdienen lassen, schätzt eine Studie des britischen Department for Business, Innovation and Skills. Das ist zwar nur ein kleiner Bruchteil der globalen Ausgaben für Infrastruktur, die sich auf Zig-Billionen Euro belaufen, dennoch werden es Drähte, Chips, Funktechnik und Software sein, die einen gigantischen Wertzuwachs erschaffen.

Woher werden diese technischen Lösungen stammen? In den letzen fünf Jahren wuchs der Strom von Innovationen stetig an. Mit Hunderten Millionen Euro für Marketing und kostenloser ­Beratung haben es IT-Giganten wie IBM oder Cisco Systems geschafft, ursprünglich für die Verwaltung multinationaler Unternehmen gedachte Systeme auch für Kommunalverwaltungen attraktiv­ zu machen.

Gleichzeitig ist eine immer stärker werdende ­Bewegung ziviler Hacker entstanden. Ingenieure, die frei verfügbare Technik und staatliche Datenbanken miteinander verschmolzen haben, um der Gesellschaft etwas Gutes zu tun. Ohne einander zu bemerken, arbeiteten die Entwickler großer ­Unternehmen und ihre Guerilla-Kollegen gleichzeitig daran, die Vorteile smarter Technologie für alle sichtbar zu ­machen – und Städte somit effizienter, demokratischer, sichererer und sozialer zu gestalten.

Beide Herangehensweisen sind aber an die Grenzen dessen gelangt, was mit heute verfügbarem Material und Wissen möglich ist. Ohne einen neuen wissenschaftlichen Versuch, städtische Wachstumsdynamik zu verstehen, bleiben uns bloß Lösungen von der Stange.

Universitäten reagieren auf diese Herausforderung mit einem in der menschlichen Geschichte beispiellosen Investment in Städteforschung. Von Boston bis Bombay entsteht eine neue Lehre von der Stadt. Die wahre Herausforderung beim Bau smarter Städte liegt darin, auf Basis dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse technologische Antworten zu finden, die dann möglichst schnell auf den Markt müssen.

Drei Hürden gilt es zu meistern

Und wie bauen wir daraus nun Städte, die in der Lage sind, ihre Probleme selbstständig zu lösen? Während des Kalten Krieges wurden Wissenschaftler­ und Ingenieure dazu verdonnert, in abgeschiedenen Forschungslaboren in den Vororten zu arbeiten – heute würden sie ein Labor in der Innenstadt verlangen. Wie kann es also gelingen, eine smarte Stadt innerhalb einer bestehenden Stadt zu gründen? Und wie bekommen wir das möglichst schnell hin? Drei Hürden gilt es zu meistern.

Erstens benötigt jedes Innovationszentrum einen guten Standort. Die Geschichte solcher Wissenschafts­parks ist übersät mit Versuchen, die scheiterten, weil sie versäumten, gutes Design und Lifestyle-Annehmlichkeiten zu bedenken, die junge Talente zunehmend verlangen.

Eine smarte Stadt reagiert auf sich wandelnde Umstände. Ein neuer Campus oder Stadtteil, der sich smarten Innovationen verschreibt, benötigt deshalb eine große Auswahl flexibler Arbeits- und Wohnräume unterschiedlicher Größe, die rasch umgebaut werden können. Er braucht eine ­offene Computer- und Kommunikationsinfrastruktur, die sich an neue Daten, Programme und Erweiterungen ­anpassen kann. Ein umfangreiches Angebot zur Schaffung einer „Macher-Kultur“ ist ebenfalls nötig.

Zweitens braucht es ein Regelwerk, das darauf angelegt ist, Investitionen anzuziehen. 1977 schlug der Geograf Peter Hall einen radikalen Weg zur Beendigung des britischen Wirtschaftsverfalls vor: Schluss mit Keynesianismus und zurück zu den Produktionsbedingungen der Dritten Welt – nur in den Städten der entwickelten Länder.­ Diese „städtische Wirtschaftszone“, wie Hall sie nannte, sollte auf hohe Steuern und lästige Arbeitsbestimmungen verzichten, die er wie viele Briten für die schwächelnde Wirtschaft verantwortlich machte. Heute müsste ein Regelwerk für smarte Städte die Bestimmungen zum geistigen Eigentum abbauen und Stadtplanung und -design neu denken, um die Menschen mit der Technik ­experimentieren zu lassen.

Drittens braucht die smarte Stadt eine neue Form der Universität. In New York hat der ehemalige Bürgermeister Michael Bloomberg drei neue Akademien auf den Weg gebracht, die sich auf angewandte Wissenschaft spezialisieren. Diese Unis haben sich zwar den traditionellen Zielen höherer­ ­Bildung verschrieben – Lehre und Forschung – aber eben auch der praktischen Anwendbarkeit und dem wirtschaftlichen Nutzen durch Technologietransfer zu den Märkten und der öffentlichen Hand. In einer Welt der Städte dürfen Universitäten keine Elfenbeintürme mehr sein. Vielmehr sind sie unsere wichtigsten und bestmöglich ­finanzierten sozialen Unternehmen.

Die Formel zum Erfolg ist also die folgende: Eine smarte Stadt, die Kreativität und Hackermentalität fördert; neue Gesetze, die Kreativität ­belohnen; sowie die wissenschaftliche Infrastruktur und der Talentepool einer Start-up-Universität.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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