Wie Sie auf News verzichten und die Informationsflut meistern

Ansgar Lange26.09.2019Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Schweizer Unternehmer Rolf Dobelli ist ein anregender Autor. In seinem jüngsten Werk „Die Kunst des digitalen Lebens“ plädiert er für einen radikalen Verzicht auf den Konsum von Nachrichten.

Der Konsum von News via Fernsehen, Internet oder Tageszeitung sei sinnlos, schädlich und mache unglücklich: „Durch die Digitalisierung haben sich News von einem harmlosen Unterhaltungsmedium in eine Massenvernichtungswaffe gegen den gesunden Menschenverstand verwandelt.“

Dobelli hing einst selbst an der Nadel und konsumierte Kurznachrichten wie im Rausch. Doch haben die immer gleichen Nachrichten, die uns die Klebers und Zamperonis mit bedeutungsschwerer Stimme verkünden, irgendeine Relevanz für unser persönliches Leben? Der Schweizer verneint diese Frage ganz eindeutig. Warum sollte man sich also mehrere Stunden am Tag mit etwas beschäftigen, was für das eigene Leben und das eigene private Glück völlig irrelevant ist?

News sind für das eigene Leben ohne Bedeutung

Dobelli berichtet, wie er vom News-Junkie zum Abstinenzler wurde. Er will diese Lebensphilosophie seinen Lesern nahebringen. Und er nennt auch gleich das Gegenprogramm zu den Kurznachrichten: Lange Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Essays, Features, Reportagen, Dokumentarsendungen und Bücher.

Der Autor dieser Zeilen hört(e) seit einigen Jahren notgedrungen mehrmals täglich Nachrichten im Autoradio. Inzwischen wechselt er meist den Sender oder schiebt eine CD rein, wenn ihm der WDR diktieren will, was angeblich Relevantes in der Welt geschehen sei. Genauso verzichtet er seit längerem schon auf Tagesschau, Tagesthemen und Heute Journal. Manche werden es nicht glauben. Das geht. Und man vermisst absolut nichts.

Damit soll nicht gesagt werden, dass WDR, ARD, ZDF und Co. absolut nichts Vernünftiges im Angebot hätten. Aber bei einem solchen Übermaß an Schrott lohnt es einfach nicht, sich mit dem täglichen Klatsch über Prominente und Staatsmänner oder irgendwelche Katastrophen berieseln zu lassen. Die tägliche Lektüre der Neuen Zürcher Zeitung – vor allem das Lesen der langen Artikel – reicht vollkommen aus, damit man gut informiert ist.

Anders als Dobelli, der für einen Radikalverzicht eintritt, könnte man sagen: Die Dosis macht das Gift. Doch in einem hat der Autor absolut recht: Das ständige Starren auf unser Smartphone, das eitle Geplapper mancher sich wichtiger dünkender Journalisten in Radio und Fernsehen und die Lohnschreiberei mancher Printjournalisten, die keine Zeit mehr haben für Recherche, sondern nur noch abschreiben, lässt unser Hirn verkümmern. Wir verlieren so die Gabe, lange Texte zu lesen.

Daher ist Dobellis Streitschrift auch ein Plädoyer dafür, mehr und bewusster zu lesen. Internet, Fernsehen, Radio, lokales Käseblatt: das ist allzu oft nur Weißbrot und schädlich für den Organismus. Lange Artikel in NZZ, FAZ und in Fachzeitschriften und „gute“ Bücher sind das Schwarzbrot, das uns gesund erhält.

Um es mit Dobelli zu formulieren: „In Bezug auf News sind wir heute an dem Punkt, wo wir in Bezug auf Zucker und Fast Food vor zwanzig Jahren standen, denn: News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist. News sind appetitlich, leicht verdaulich und gleichzeitig höchst schädlich.“

Dobelli ist Stoiker. Wer Wert auf einen gesunden Blutdruck, Seelenfrieden und Gleichmut legt, sollte sich vom hektischen News-Konsum verabschieden. Nehmen wir das Beispiel Terrorismus: Hier weist der Autor eindeutig nach, dass dieses relativ neuartige Phänomen nur so „erfolgreich“ sein kann, weil viele Terroristen absolute Medien- und PR-Profis sind. Ein Journalismus, der immer mehr auf Effekthascherei setzt, damit er wahrgenommen wird, sorgt dafür, dass sich die Greueltaten verbohrter Geister überall auf der Welt in Windeseile verbreiten. Die ständigen „schlechten“ Nachrichten und Katastrophenmeldungen machen uns neurotischer und hysterischer.

Hat der Journalismus also überhaupt keine Zukunft? Der derzeitige Krawalljournalismus oder auch der hochmütige Haltungs- und moralische Journalismus sind das Geld nicht wert, das wir täglich in ihn investieren. Einem investigativen und erklärenden Journalismus, der komplex und teuer ist, gehört laut Dobelli die Zukunft.

Machen Sie doch mal das Experiment und schauen Sie, wie oft Sie bei der Lektüre dieses gut geschriebenen schmalen Buches auf Ihr Smartphone, den PC oder auf den Fernseher schauen.  Wenn Ihnen eine möglichst ablenkungsfreie Lektüre gelingt, dann sind Sie noch nicht news-verseucht. Alle anderen sollten vielleicht ihren Fernseher verkaufen und lieber ein Buch statt der Bild lesen.

Rolf Dobelli: Die Kunst des digitalen Lebens. Piper Verlag: München 2019. 256 Seiten. 20 Euro.

 

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