Ein Weggefährte porträtiert Alfred Dregger

Ansgar Lange21.12.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Die Überschrift wird vielleicht manchen Leser überraschen. Zu Lebzeiten wurde gern ein Zerrbild des CDU-Politikers Alfred Dregger gezeichnet.

Er galt als Angehöriger der „Stahlhelm-Fraktion“ und wurde wegen seines Eintretens für Sicherheit, Recht und Ordnung als „Django“ tituliert. Am Ende von Dieter Weirichs flüssig geschriebenem Buch erfahren wir, dass der in Westfalen geborene Dregger ein Freund des Schönen war. Sein Haus in Fulda mit einer gotischen Madonna glich einem Museum. Es war ihm ein besonderes Anliegen, Bundestagskollegen mit sakraler Kunst vertraut zu machen. „Dregger war ein Feingeist“, schreibt der gelernte Journalist Weirich, der Dregger von 1969 bis 1971 als Persönlicher Referent diente. In seiner Zeit als Oberbürgermeister von Fulda habe sein besonderes Interesse dem humanen Städtebau gegolten.

Besonders interessant lesen sich die Passagen über Dreggers Wirken in Fulda und Hessen. Als hessischer Landesvorsitzender und viermaliger Spitzenkandidat seiner Partei führte Dregger die CDU aus depressiven Tälern hin zu Höhenflügen, auch wenn es ihm selbst nie vergönnt war, eine Regierungsmehrheit zu erzielen. Dass die Hessen-CDU ein besonders schlagkräftiger, geschlossener und auch konservativer Landesverband wurde, lag aber vor allem an der Führung des sehr gut aussehenden, redegewandten und charismatischen Politikers an ihrer Spitze.

Wertebewusster Westfale

Es mag bisweilen schwer sein, sich den Politiker Alfred Dregger in der heutigen Zeit vorzustellen. Er besaß Ecken und Kante, hatte viele Gegner, aber keine Feinde und wusste sich überzeitlichen Werten wie der menschlichen Größe, Weisheit, Tapferkeit und Schönheit verpflichtet. Seine Anfänge lagen in der Kommunalpolitik. Der Porträtierte war ein leidenschaftlicher Anhänger der kommunalen Selbstverwaltung und amtierte zweimal als Präsident des Deutschen Städtetages. Bereits 1956 war er als jüngster Oberbürgermeister in Deutschland in das Präsidium des Städtetages eingerückt. „Das Oberbürgermeisteramt in Frankfurt war für Dregger immer die zweitwichtigste Machtposition in Hessen, nach der des Ministerpräsidenten.“ Mit diesen Worten beschreibt Weirich das auch stark kommunal geprägte Denken des wertebewussten Westfalen. An Fulda begeisterte den konservativen Feingeist vor allem der kulturelle Reichtum der Stadt. Der dynamische Rathauschef führte die Stadt wie ein moderner Manager.

Weirich, der Dregger auch als Pressesprecher diente, schreibt, dass die Zusammenarbeit auch deshalb so angenehm gewesen sei, weil er über sich selbst lachen konnte. Eine Gabe, die nicht nur bei Politikern nicht sehr häufig zu finden ist. Auch Mitarbeiter durften ihm widersprechen, vorausgesetzt, dass sie gute Gegenargumente parat hatten.

„Ein Strauß mit weißer Weste“

Dregger formte die CDU zu einer schlagkräftigen Oppositionspartei, professionalisierte den Parteiapparat und hatte in Persönlichkeiten wie Christian Schwarz-Schilling, Walter Wallmann, Manfred Kanther und anderen hochkarätige, ehrgeizige und sehr begabte Mitstreiter. Mit seinem Eintreten für Recht und Ordnung und ein freies Schulwesen setzte Dregger auf einen klaren Unterschied zur linken hessischen Sozialdemokratie. Dass die Sozialdemokraten ihn fürchteten, wird in dem Ausspruch eines SPD-Parteimanagers deutlich: „Ein Strauß mit weißer Weste. Das hat uns gerade noch gefehlt.“ In den Hochzeiten des RAF-Terrorismus trug Dregger immer einen Revolver zur Selbstverteidigung bei sich und galt bei regelmäßigen Schießtrainings als guter Schütze.

Etwas schwächer als die Kapitel über die hessischen Jahre fallen die Schilderungen von Dreggers Zeit als Mitglied des Deutschen Bundestags aus. Bis Anfang der 1990er Jahre war er Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Hierzu sagte er: „Ein Fraktionschef braucht die Geduld eines Lamas, die Fingerfertigkeit eines Strippenziehers, die Hingabe eines Missionars und die Selbstlosigkeit einer Mutter der Kompanie.“ Man merkt, dass Weirich in diesen späteren Jahren nicht mehr so „nah dran“ war am Objekt seiner Biographie.

Leider wurden die letzten Lebensjahre des Grandseigneurs der Politik von einer heimtückischen und bösartigen Krankheit verschattet. Dieter Weirich schildert das Leben und das politische Wirken Dreggers mit viel Sympathie, aber nicht unkritisch. Das Buch ist geeignet, viele Vorurteile über den oft als „rechts“ oder deutschnational abgetanen Politiker zu hinterfragen. Wenn sich einiger Vertreter der heutigen Führungsriege der Union ein wenig mit Dregger beschäftigen würden, so könnte dies mit Sicherheit auch nicht schaden.

Dieter Weirich: Alfred Dregger: Haltung und Herz – Eine Biographie. Societäts-Verlag: Frankfurt am Main 2019. 336 Seiten. 20 Euro.

 

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