Das Ruhrgebiet ist am Ende

„Das Ruhrgebiet hatte viele Möglichkeiten, die meisten hat es nicht genutzt. Und verantwortlich dafür war niemand anderes als die Menschen der Region, die all das mitgetragen haben.“

Schon im Vorwort seines schmalen Büchleins „Versemmelt. Das Ruhrgebiet ist am Ende“ geht der Autor Stefan Laurin in die Vollen. Laurin ist gebürtiger Gelsenkirchener, wuchs teilweise in Gladbeck auf und wohnt heute in Bochum. Dort betreibt er unter anderem das Blog „Ruhrbarone“. Auf nicht einmal 100 Seiten beschreibt er kenntnisreich, lakonisch und streckenweise mit bissigem Humor den Niedergang seiner Heimat. Und nur, wer die eigene Heimat liebt, kann ihr mit so viel Kritik und Enttäuschung begegnen, wie Laurin dies tut.

Seit 1996 beschäftigt sich der Journalist, der auch für „Die Welt“, die „Jüdische Allgemeine“ und „Jungle World“ schreibt, mit seinem Gegenstand. Damals begann er, als Redakteur für das Ruhrgebietsmagazin „Marabo“ zu arbeiten. Heute vermisst er echte Begeisterung für die Region. Woran krankt das Ruhrgebiet? An zu viel Kleinstaaterei. „Eine Ruhrstadt, ein starkes Ruhrgebiet gibt es nicht, weil die Kommunalpolitiker es nicht wollen“, schreibt Laurin. Auch der verklärte Landesvater und frühere Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) sei ein Gegner eines einigen Ruhrgebiets gewesen.

Viele sprechen von der Metropole Ruhr. Der Autor hält dies für einen dummen Begriff. Denn das Ruhrgebiet ist zwar einer der größten Ballungsräume Europas, aber eine Metropole ist es nicht: „Es gibt im Ruhrgebiet kaum Behörden von überörtlicher Bedeutung, keine Börse, keinen wichtigen Flughafen.“ Beim Stichwort Metropole denkt man an New York , Tokio, London, Paris und Berlin und nicht an Marl, Bochum oder Witten.

Die meisten Politiker des Ruhrgebiets haben sich daran gewöhnt, nicht nach Investoren, sondern nach Fördertöpfen Ausschau zu halten. Verantwortlich macht Laurin dafür die Grünen, die SPD und die CDU. („Dass die Grünen – einst angetreten, den Filz zu lüften – längst dazugehören, hat sich noch nicht überall herumgesprochen.“) Dabei braucht die Region nichts so dringend wie ein starkes Wirtschaftswachstum. Doch in Bochum, Herne oder Dortmund träumt man lieber vom leistungslosen Einkommen.

Einen der Hauptgründe für den Stillstand sieht Laurin in der Verzahnung von Politik und Stadtwirtschaft. In den kommunalen Unternehmen würden verdiente Parteifreunde oder –genossen bestens untergebracht. Um die 130.000 Euro erhalte der Oberbürgermeister einer Großstadt im Ruhrgebiet pro Jahr – brutto. Zwischen 300.000 und 450.000 Euro liege das Jahreseinkommen der Stadtwerke-Chefs im Pott. Noch lohnender sei es, Vorstandsvorsitzender einer Sparkasse zu sein. Da verdiene man dann 448.000 Euro im Jahr in Dortmund oder sogar 474.000 Euro in Bochum. Kein Wunder, dass es für alle Parteien immer schwieriger wird, gutes Personal für frei werdende Dezernenten, Bürgermeister- oder OB-Stellen zu bekommen.

Das Interesse aller Parteien, irgendetwas zu ändern – die Zahl der Aufsichtsräte zu verringern oder sie mit Fachleuten, also Nicht-Politikern zu besetzen – ist gleich null, weil alle Parteien durch die Abgaben der Mandatsträger an die eigenen Parteikassen ein ordentliches Zubrot verdienen. Die gegenseitige Abhängigkeit führt nicht gerade dazu, dass die Politiker im Ruhrgebiet dynamischer, fortschrittlicher oder wirtschaftlicher denken.

Laurin zufolge verkümmert so das Verständnis von Wirtschaft. Nicht nur die Genossen der SPD setzen auf den Staat und nicht auf die freie Wirtschaft: „Das Bild des ‚Stadtkonzerns‘ ist in den Köpfen vieler Politiker an die Stelle der Großkonzerne getreten, die früher die Arbeitswelt des Ruhrgebiets bestimmten.“

Die zahlreichen Kommunalunternehmen könnten in den nächsten Jahren zum größten Problem für die Menschen im Ruhrgebiet werden, schreibt der Autor – wenn sich die Verwerfungen auf den Energiemärkten ausweiten. Doch Umdenken ist nicht angesagt: „Die engen Verbindungen mit den Städten und ihren zahlreichen Unternehmen sind eine Machtbasis für die SPD, aber zunehmend auch für CDU und Grüne. Jede enge Kooperation, gar die Schaffung einer Ruhrstadt, würde sie gefährden.“

Laurins Buch ist eine ziemlich düstere Bilanz. Das Ruhrgebiet hat es versemmelt. Besserung ist nicht in Sicht, auch deshalb nicht, weil eine kritische Öffentlichkeit fehlt. In einer Region mit über fünf Millionen Einwohnern berichtet kein einziges Medium über die gesamte Region.

Stefan Laurin: Versemmelt. Das Ruhrgebiet ist am Ende. Verlag Henselowsky Boschmann: Bottrop 2019. ISBN 978-3-942094-98-6. 96 Seiten, 9,90 Euro.