Das Schöne ist, ich bin ja nur im Ausland zur Diplomatie verpflichtet. Guido Westerwelle

Keiner kommt an Konrad Adenauer ran

Ob AKK, Merz oder Spahn – Keiner der drei katholischen Politiker aus dem Westen reicht an den Kanzler aus Rhöndorf heran.

Jahrelang hatte sich die Führung der CDU in der Kunst der asymmetrischen Demobilisierung geübt. Das Ergebnis dieses Kurses fiel zwiespältig aus. Zum einen gelang es der Union, mit Angela Merkel als Kanzlerin dauerhaft und stabil zu regieren. Zum anderen wurden die Mitglieder und Wähler aber dermaßen ins Koma demobilisiert, dass kaum noch Leben in der stolzen Christdemokratie zu sein schien.

Der Wettkampf um den Vorsitz der erfolgreichsten Volkspartei der Bundesrepublik Deutschland hat der organisierten Christdemokratie (zunächst) neues Leben eingehaucht. Endlich gab es wieder Überraschungsmomente, endlich wurden wieder Emotionen geweckt. Da manche Kritiker von der CDU spöttisch als „Kanzlerwahlverein“ sprechen – hier mag auch eine Prise Neid durchschimmern – stellt sich nun automatisch die Frage: Kann AKK auch Kanzlerin?

Denn es ist zu einer Art Naturgesetz geworden, dass die Parteivorsitzenden der Union zugleich auch nach der Kanzlerschaft greifen. In diesem Fall muss das aber nicht so sein. Die Partei wirkt zurzeit noch gespalten. Ein demokratischer Wettbewerb hat eben seinen Preis. Fünfzig Prozent konnten sich über den Wahlerfolg von Annegret Kramp-Karrenbauer freuen, fünfzig Prozent sind enttäuscht vom Ergebnis. Sollte sich Angela Merkel doch noch einen Ruck geben und Friedrich Merz zum Minister – beispielsweise für Wirtschaft – machen, dann könnte der scharfzüngige Sauerländer durchaus zu einer Gefahr für Kramp-Karrenbauers Ambitionen werden.

Manche sehen ja auch den karrierebewussten und provokativen Jens Spahn als heimlichen Sieger des Wettstreits. Sollten die neue Parteivorsitzende und ihr neuer, vermeintlich konservativer, aber vor allem relativ unerfahrener Generalsekretär bei den anstehenden Wahlen scheitern, dann könnte auch ein Minister Spahn zur Sehnsuchtsfigur der Liberal-Konservativen in der Partei werden und erneut angreifen.

Ohne die drei genannten Personen herabzuwürdigen wird man konstatieren müssen: An das Format des „Gründungskanzlers“ Konrad Adenauer kommen sie alle nicht heran. Der Jahreswechsel bietet vielleicht manchem die Gelegenheit, sich noch einmal lesend in Leben und Werk sowie die Gedankenwelt des Kanzlers aus Rhöndorf zu vertiefen. So fremd sind ihm AKK, Merz und Spahn ja auch wiederum nicht: Alle drei kommen aus dem Westen und sind katholisch.

Noch ein Buch über Adenauer? Manche werden sagen, das Leben des „Gründungskanzlers“ der Bundesrepublik Deutschland sei auserzählt. Doch der vorliegende Band ist ein ganz besonderes Buch. Der Bonner Historiker Jürgen Peter Schmied, Autor der Standardbiographie über den Publizisten Sebastian Haffner und Mitarbeiter der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, wirft in leicht verständlicher Sprache einen Blick auch auf das private Leben des ersten Bundeskanzlers.

Schmied hat die Dauerausstellung „Konrad Adenauer 1876-1967. Rheinländer, Deutscher, Europäer“ kuratiert. Auf rund 190 Seiten schildern Schmied und die Geschäftsführerin der Stiftung, Corinna Franz, die wichtigsten politischen Stationen im Leben Adenauers: beginnend mit seiner Jugend im Kaiserreich und endend mit Adenauers Arbeit an seinen Lebenserinnerungen im stilvollen Pavillon im Garten seines Hauses in Rhöndorf. Zwei weitere Kapitel beschreiben das Wohnhaus und den Garten sowie die Arbeit der Stiftung. Der Text lässt sich mühelos an einem Leseabend konsumieren. Sehr schöne Bildaufnahmen aus Adenauers privatem und beruflichem Leben machen den Band auch zu einem wahren Augenschmaus, der zu längerem Verweilen einlädt.

Selbst diejenigen, die vielleicht die monumentale doppelbändige Biographie aus der Feder des verstorbenen Zeitgeschichtlers Hans-Peter Schwarz studiert haben, werden Neues entdecken. Und all jene, die keinen wissenschaftlichen Blick auf den Mann werfen möchten, der den moralischen Wiederaufstieg und die wirtschaftliche Genesung Westdeutschlands nach 1945 erst wieder möglich gemacht hat, werden sich erfreuen am privaten Adenauer: dem Gartenfreund und Bocciaspieler, dem rheinischen Familienpatriarchen und katholischen Christen, dem Krimileser mit einer Vorbliebe für Agatha Christie und Edgar Wallace.

Wer dann auf den Geschmack gekommen ist, sollte einmal nach Rhöndorf nahe Bonn fahren und das Haus aufsuchen, in dem Adenauer die letzten 30 Jahre seines langen Lebens verbracht hat. Es ist nahezu unverändert erhalten.

Stiftung Bundeskanzlers-Adenauer-Haus (Hg.): Konrad Adenauer. Der Kanzler aus Rhöndorf. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2018. 192 Seiten. ISBN 978-3-8062-3788-7. 19,90 Euro an der Museumskasse.

Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, Bad Honnef-Rhöndorf. Ausstellung: Di-So 10 bis 16.30 Uhr. Führungen durch Wohnhaus und Garten für Einzelbesucher von 10 bis 16 Uhr zu jeder vollen Stunde.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Werte Union, Michael Backhaus, Hans-Olaf Henkel.

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