Whistleblower soll Geld den US-Behörden überweisen | The European

Neue Dokumente: Edward Snowden kassierte für Vorträge Millionen – auch von deutschen Firmen

Ansgar Graw19.08.2020Politik

Präsident Trump denkt über eine Begnadigung des Whistleblowers nach – doch die amerikanischen Behörden möchten dem einstigen NSA-Mitarbeiter zumindest seine Honorare und Lizenzen streitig machen

Edward Snowden, zugeschaltet zu einer Konferenz in Lissabon im November 2019, Foto: Picture Alliance

Edward Snowden, zugeschaltet zu einer Konferenz in Lissabon im November 2019, Foto: Picture Alliance

Sollte der Whistleblower und Ex-Geheimdienstler Edward Snowden wirklich begnadigt werden, wie es US-Präsident Donald Trump überraschend ins Gespräch gebracht hat, müsste er für eine Rückkehr in die Vereinigten Staaten wohl einen Millionen-Betrag als Eintrittsgeld mitbringen. Neue Gerichtsdokumente weisen aus, dass der 2013 über Hongkong nach Russland geflohene Snowden für Vorträge unter anderem vor deutschen Firmen hohe Honorare erhielt. Diese Verdienste wollen die US-Behörde gerichtlich von dem heute 37-Jährigen einfordern, weil er sie für Reden über widerrechtlich angeeignete Staatsgeheimnisse erhalten habe.

Vor seiner Flucht hatte Snowden Tausende streng geheime Abhör- und Überwachungsprogramme der NSA und anderer US-Geheimdienste kopiert und verschiedenen Medien zugespielt. Das hatte zu weltweiter Empörung auch bei engen Verbündeten der USA geführt. Kanzlerin Angela Merkel rief empört Präsident Barack Obama an, nachdem sie aus der Presse erfahren musste, dass die NSA ihr Handy abgehört hatte. Die Geheimdienste der USA kamen durch die Enthüllungen unter großen Druck.

Auch deutsche Unternehmen zahlten

Snowdens Dokumente stießen im In- wie Ausland auf großes Interesse – und bescherten dem bis heute im Moskauer Exil lebenden Snowden offenkundig viele Einladungen zu Vorträgen, die in der Regel per Video durchgeführt wurden. Allein zwischen dem 16. September 2015 und dem 19. Mai 2020 kassierte Snowden nach den Unterlagen mindestens 1,2 Millionen Dollar (1.005.786 Euro). Das betrifft 67 Vorträge, die in dieser Zeit von der in Massachusetts ansässigen Agentur American Programm Bureau (APB) für Snowden vermittelt wurden. Dass der heute 37-Jährige sämtliche Aufritte von APB vermitteln ließ, ist zweifelhaft. Wahrscheinlicher ist, dass Snowden außerhalb dieses Zeitrahmens und mit anderen Vermittlern weitere bezahlte Auftritte absolvierte, beispielsweise für eine Videoschaltung im März 2014 zur Internetkonferenz South by Southwest Interactive (SXSW) im texanischen Austin. Außerdem veröffentlichte Snowden im vorigen Jahr seinen in etlichen Sprachen, darunter deutsch, erschienenen internationalen Bestseller „Permanent Record“. Die möglicherweise siebenstelligen Einnahmen daraus beanspruchen die US-Behörden ebenfalls.

Für die 67 von APB vermittelten Vorträgen kassierte Snowden, einst Mitarbeiter der CIA und später der NSA, Honorare in ausgesprochen unterschiedlichen Höhen. Von der in Hongkong ansässigen Investmentfirma CLSA bekam er im September 2015 beeindruckende 50.000 Dollar. Nicht einmal zwei Wochen später ließ er die University of Iowa überschaubare 3000 Dollar zahlen. Die genannten Beträge sind die Nettobeträge, die an den Whistleblower gingen; die Vermittlungsgebühr für APB ist davon in allen Fällen schon abgezogen.

Videoschaltung zur CeBit in Hannover

Die Nürnberger Messe zahlte Snowden im Oktober 2015 immerhin 25.000 Dollar. Andere deutsche Kunden waren die in Berlin ansässige Tech-Investment-Firma BlueYard Capital Management GmbH (24.000 Dollar im Juni 2016) und die Deutsche Messe, die Snowden für eine Videoschaltung zur CeBit im März 2017 22.000 Dollar zahlte.

Das London Speaker Bureau in Hamburg musste im März 2017 dem Ex-Geheimdienstler 20.000 Dollar zahlen. Den gleichen Betrag erhielt Snowden von der auf Datensicherheit spezialisierten Firma Blockstack im März 2018 und im August 2019 von Web3 Technologies Foundation, beide mit Sitz in Berlin.

Den Schlusspunkt der Liste setzte im Mai 2020 die Deutsche Telekom mit einer Konferenz in Köln, die Snowden für einen Auftritt dort 10.000 Euro zukommen ließ.

Snowden ist nach US-Recht ein Verräter, wird aber von vielen Menschen weltweit und auch von etlichen jungen Amerikanern als Held angesehen, der geheimdienstliche Attacken auf die Privatsphäre unzähliger Menschen transparent gemacht habe. Trump hatte im April 2014 auf Twitter erklärt, Snowden sei ein „Spion, der den USA großen Schaden zugefügt hat“. Und weiter: „In den alten Tagen, als unser Land respektiert und stark war, wurde ein Spion hingerichtet“.

Darum war es eine große Überraschung, dass Trump am Samstag im Pressegespräch sagte, er denke über Snowdens Begnadigung nach. Es gebe „eine Menge Leute, die denken, er wurde nicht fair behandelt“. Darum werde er sich die Angelegenheit anschauen.

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