Von Ivanka Trump über Ted Cruz bis Tucker Carlson reicht das Spektrum | The European

Trump ist Vergangenheit: Das sind die 10 Republikaner-Kandidaten für 2024

Ansgar Graw8.11.2020Außenpolitik

Der Präsident will den Sieg von Joe Biden nicht anerkennen. Doch die Grand Old Party blickt bereits in die Zukunft: Ted Cruz? Nikki Haley? Ivanka Trump? Mitt Romney? Mike Pompeo? Hier sind die aussichtsreichsten Präsidentschaftsbewerber für den nächsten Wahlkampf. Wer hat die größten Chancen gegen Kamala Harris?

Inside Washington

Pressekonferenz im Weißen Haus: Ansgar Graw befragt Donald Trump während eines Besuchs von Angela Merkel (März 2017)

Der Präsident gibt sich nicht geschlagen  – aber in seinem Umfeld erwartet kaum jemand, dass Donald Trump über den 20. Januar hinaus im Weißen Haus sitzen wird. Er muss das Oval Office räumen für den Wahlsieger Joe Biden und die künftige Vizepräsidentin Kamala Harris.

Darum beginnt jetzt für die republikanische Partei, die 2016 mit allen Mitteln versucht hatte, eine Kandidatur Trumps auf ihrem Ticket zu verhindern und dann aber in den vier Jahren seiner Präsidentschaft jeden Widerstand aufgegeben hat, die Phase der Neuorientierung auf das Jahr 2024. Und das Bewerberrennen hat bereits begonnen. Wer darf in vier Jahren für die „Grand Old Party“ ins Rennen gehen? Wer erfüllt die Kriterien? Glaubhaft konservativ, aber seriöser als der Präsident. Nicht zu dicht an ihm dran, aber auch kein Feind  von Trump, gegen den der dann ehemalige Präsident von außen schießen würde – womit er seine Anhänger gegen die GOP aufbringen würde. Wir gehen die zehn Favoriten durch.

1) Donald Trump

Da der Noch-Präsident nur eine Legislaturperiode im Amt verbrachte, kann er theoretisch in vier Jahren erneut kandidieren. Der Vorteil: er brächte eine starke Fanbasis mit von rund 40 Prozent der US-Wählerschaft. Das legt sein Zustimmungswert von 44,7 Prozent (approval) nahe, die die Plattform FiveThirtyEight aktuell für Trump ermittelte. Der Nachteil: Mit 52,2 Prozent ist der Anteil der Wähler, die ihn ablehnen, noch größer. Obwohl Trump viele ihm ergebene Republikaner in wichtige Positionen in Partei und Staat bugsiert hat, mögen ihn die führenden Republikaner weiterhin nicht. Er hat die Partei gewissermaßen gekidnappt, nicht aber von sich überzeugt. Und noch ein Punkt: Der Präsident wäre im nächsten Wahlkampf 78. Das ist kein definitiver Ausschlussgrund, wie der ebenfalls 78-jährige Biden gerade gezeigt hat. Doch erhöhen wird das fortgeschrittene Alter seine Chancen nicht. Prognose: Donald Trump kommt 2024 nicht als Kandidat in Frage.

2) Ted Cruz

Im innerparteilichen Nominierungswahlkampf 2016 war der texanische Senator einer der hartnäckigsten Gegner von Trump. Der spätere Präsident beschimpfte ihn als „lyin‘ Ted“ (verlogener Ted) und lancierte gar die völlig aus der Luft gegriffene Behauptung, dessen aus Kuba in die USA geflohener Vater sei in das Attentat auf John F. Kennedy involviert gewesen. Trotzdem arbeiteten der Präsident und der konservative Senator in den vergangenen Jahren eng zusammen. Doch zu Trumps ständiger Behauptung, nur dank „Wahlbetrug“ liege Biden vor ihm, blieb der 49-jährige Cruz verhalten. Er forderte lediglich eine „Neuauszählung aller legal abgegebenen Stimmen“. Dass er Briefwahlstimmen als illegal ansieht, wie es Trump tut, sagte er damit nicht. In der Obama-Zeit machte sich der hochintelligente Texaner innerparteiliche Feinde, weil er kompromissbereite republikanische Senatoren als den „Arbeitskreis Kapitulation“ beschimpfte. Aber die Partei wird beim nächsten Mal einen schneidigen Angreifer brauchen. Cruz, der 2012 in den Senat gewählt und 2018 bestätigt wurde, müsste 2024 erneut seinen Senatssitz verteidigen – oder er kandidiert dann für das Weiße Haus. Prognose: Cruz hat sehr gute Chancen auf eine Nominierung.

3) Nikki Haley

Die frühere Gouverneurin von South Carolina und spätere US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen hat gleich mehrere Argumente auf ihrer Seite: Sie ist klug und verfügt über innen- wie außenpolitische Erfahrungen. Sie ist eine Frau, und das könnte ein Argument sein, falls 2024 für die Demokraten die künftige Vizepräsidentin Kamala Harris antritt. Und sie verfügt als Tochter indischer Einwanderer ebenfalls über einen Migrationshintergrund. Derlei Quotierungskategorien sind bei den Republikanern nicht so wichtig wie bei den Demokraten – aber sie dürften gleichwohl die Chancen erhöhen. Prognose: Die Chancen für die 48-jährige Unternehmerin stehen ebenfalls ausgesprochen gut.

4) Marco Rubio

2016 scheiterte auch der konservative Senator aus Florida an Trump – der ihn zudem als den „schwitzenden Marco“ wegen seiner heftigen Transpiration während einer innerparteilichen Kandidatendebatte im ganzen Land lächerlich machte. Doch der 49-jährige Sohn kubanischer Einwanderer wurde bald zu Trumps „Fanboy“ (Washington Post) und umgekehrt hoffierte der Präsident den dynamischen Senator. Der Grund: Trump wollte unbedingt seinen 2016-er Wahlsieg in Florida wiederholen und dafür eine enge Bindung zu den dortigen Hispanics aufrechterhalten, vor allem zu jenen aus Kuba. Das Kalkül ging am 3. November auf. Inzwischen beginnt sich Rubio vom Präsidenten abzusetzen. Dieser Tage betonte er, das Auszählen rechtzeitig eingesandter Briefwahlstimmen sei „kein Wahlbetrug“. Nachteil: Vor wenigen Tagen sagte Rubio auf eine entsprechende Frage, er könne sich eine Kandidatur 2024 vorstellen. Das aber war zu früh, damit klang er überambitioniert. Prognose: Rubio hat mittlere Aussichten auf eine Kandidatur.

5) Mitt Romney

Der Senator aus Utah ist ein glaubhafter Vertreter der „alten Grand Old Party“. Denn einerseits trug er Trumps Sachentscheidungen mit. Dazu gehörten die Steuerkürzung oder die Berufung der konservativen Richterin Amy Coney Barrett unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl in den Supreme Court. Aber andererseits ging er (nach anfänglichen Gesprächen mit dem Präsidenten, als Außenminister in das Kabinett einzusteigen) auf weiten Abstand zu dem Menschen Trump. Der Mormone befürwortete als einziger republikanischer Senator 2019 ein von den Demokraten angestrebtes Amtsenthebungsverfahren gegen Trump, und als am 7. November nach dem Stand der Auszählungen Joe Biden zum President-elect ausgerufen wurde, gratulierte Romney ihm öffentlich. Romney ist ein konservativer Politiker, der aber andererseits als ehemaliger Gouverneur von Massachusetts dort ein Gesundheitssystem eingeführt hat, das Barack Obama zum Vorbild wurde – Romneycare prägte Obamacare. Gegenargumente: 2012 scheiterte Romney als GOP-Kandidat an Obama. Und er wird 2024 77 Jahre alt sein, damit stünde er nicht für Aufbruch und Jugend. Vielleicht wird er aber ab Januar in Bidens „Aussöhnungs-Administration“ einen Posten übernehmen, eventuell gar als Außenminister? Prognose: Auch Trump würde gegen die Nominierung seines internen Feindes schießen. Schon darum hat Romney 2024 keine Chance auf das republikanische Ticket.

6) Tucker Carlson

Der Fox-News-Moderator fährt mit einer nach ihm benannten Talkshow die einschaltstärkste Sendung aller Kabelsender. Der 51-jährige Kalifornier wurde darin zum wichtigsten Trommler für Donald Trump, den er oft zu Wort kommen ließ und nie kritisierte. Seine große Popularität an der Parteibasis und sein hoher Bekanntheitsgrad würden Carlson zu einem aussichtsreichen Bewerber für die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten machen. Der TV-Star selbst sagt, das strebe er nicht an und er wäre „verrückt“, wenn er es täte. Andererseits wurde auch Trump durch seine TV-Popularität als Präsentator der Show „The Apprentice“ zum Kandidaten. Gegenargument: Carlson verdient bei Fox News pro Jahr rund sechs Millionen Dollar. Als Präsident bekäme er „nur“ 400.000 Dollar. Außerdem haben die Republikaner gerade schlechte Erfahrungen gemacht mit Quereinsteigern ohne jeden Stallgeruch, die ihre persönliche Agenda stärker verfolgen als das Programm der Partei. Prognose: Wenn er wollte, hätte er Chancen.

7) Ivanka Trump

Während ihre Brüder Don Junior und Eric gemeinsam mit dem Vater Donald künftig als „Loser“ und potenzielle Angeklagte in Korruptionsprozessen von der GOP-Führung gemieden werden dürften und ebenso Mike Pence, der Vizepräsident, hätte Ivanka Trump (39), bisher Sonderberaterin im Weißen Haus, bessere Chancen. Das Lieblingskind des Präsidenten ist cleverer als die Brüder, belesener als der Vater und außerdem warmherziger: mehrfach sorgte sie dafür, dass der Präsident seine Politik mäßigte, etwa im Umgang mit Kindern von Migranten, die nach einem illegalen Grenzübertritt von ihren Eltern getrennt wurden. Nachteil: Ivanka Trump, einst Executive Vice President im Familienkonzern, ist so dicht am Daddy dran, dass mit ihrer Nominierung Donald Trump sofort wieder mit ihm Spiel wäre. Von ihm aber haben die republikanischen Entscheider wirklich genug. Prognose: Ivanka hat sehr geringe Chancen – es sei denn, der Dad wird mit einem TV-Sender, den er jetzt mutmaßlich gründen wird, Dauer-PR für die Tochter machen.

8) Ron DeSantis

Der frühere Kongressabgeordnete (Washington-Kenntnisse!) ist seit 2019 Gouverneur von Florida (wichtiger Bundesstaat!) und hat im Zusammenhang mit Corona einen guten Job gemacht: Er verzichtete trotz Corona weitgehend auf einen wirtschaftlichen Lockdown und obwohl die Bevölkerung seines Bundesstaates größer ist als die von New York, verzeichnete der Sunshine State weniger Covid-19-Opfer. Der 42-jährige Historiker und Jurist, der in Yale und Harvard studierte, ist ein passionierter Baseball-Spieler, er schreibt Bücher und diente mit der Elite-Truppe der Navy SEALs im Irak – ein Mann diverser Begabungen also. DeSantis wird sicher eines der prägenden Gesichter der Nach-Trump-Republikaner. Sein Nachteil für 2024: Außerhalb von Florida ist er unbekannt. Prognose: Darum wird er sich um die Präsidentschaftskandidatur bewerben, dabei aber scheitern und trotzdem sich in Stellung bringen – für 2028.

9) John Kasich

2016 bewarb sich der vormalige Gouverneur von Ohio um das republikanische Präsidentschaftsticket und landete auf Platz 3 – hinter Ted Cruz und dem Sieger Donald Trump. Letzterer versuchte den Konservativen mit dem Angebot einzufangen, als running mate in den Wahlkampf zu gehen und der mächtigste Vizepräsident aller Zeiten zu werden, zuständig für sämtliche in- wie ausländischen Politikfelder. Kasich schlug dieses von Don Junior übermittelte Angebot aus und wurde der glaubhafteste Never-Trump-Vertreter in der GOP. Dem in seinem Heimatstaat Ohio ausgetragenen Nominierungsparteitag für Trump blieb er 2016 fern, und im erneuten Nominierungsjahr 2020 trat er stattdessen beim Parteitag der Demokraten auf, um Joe Biden zu unterstützen. Prognose: Kasich war in seiner Ablehnung von Trump so konsequent, dass sich in seinen Augen auch viele Parteifreunde desavouierten. Und Trump würde mit massiver Polemik reagieren, wollte man ihn nominieren – das würde die Basis gegen die GOP aufbringen. Darum gibt es für Kasich kein zurück – der 68-Jährige verfügt über viel Glaubwürdigkeit in allen Flügeln der GOP, hat aber erkennbar keine Chance auf eine Kandidatur 2024.

10) Mike Pompeo

Manche Beobachter argwöhnen, Donald Trumps Außenminister habe längst seinen Profilierungswahlkampf für 2024 begonnen – unter anderem durch eine Rede bei Trumps Nominierungsparteitag 2020 in Charlotte, was für einen „Secretary of State“ einen Bruch mit Konventionen darstellt. Im Außenministerium veranstaltet der 56-jährige Hausherr sogenannte „Madison dinners“, die nach Einschätzungen aus seinem Umfeld ebenfalls seiner Profilierung als künftiger Kandidat dienen sollen. Der einstige Kongressabgeordnete und CIA-Direktor, geboren in Kalifornien und ausgebildet an der Militäranstalt West Point, gilt als Vordenker von Trumps Anti-China-Politik. Für Peking wäre sein Aufstieg zum Präsidentschaftskandidaten darum ein Albtraum. Nachteil: In der Partei hat Pompeo zu wenig Hausmacht. Prognose: Pompeo ist an der Kandidatur interessiert, wird aber 2024 nicht zum Zuge kommen.

Fazit: Nikki Haley, Ted Cruz, Tucker Carlson – insbesondere diese drei sollten Sie im Blick behalten, wenn es um die Neuaufstellung der Republikaner für 2024 geht.


Weitere Informationen zur künftigen USA-Politik nach Donald Trump finden Sie in dem soeben, im Oktober 2020, erschienenen Buch von Ansgar Graw: Trump verrückt(e) die Welt. Was nun? Verlag Langen Müller, München, 340 Seiten, 15 Euro, das Sie beispielsweise hier erwerben können

Alle Beiträge aus der Kolumne “Insight Washington” finden Sie hier

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Merz - die letzte Chance der CDU

Friedrich Merz hat einen langen Atem bewiesen, ist nach Niederlagen immer wieder aufgestanden. Er hat heute einen phantastischen Vertrauensvorschuss aus der Partei erhalten. Merz ist jetzt alles zuzutrauen. Der CDU-Politiker wurde auf dem Parteitag der Christdemokraten zum neuen Parteivorsitzenden g

Mehr als 1200 Astronomen weltweit fordern das Webb-Teleskop umzubenennen

Sein Name wird für Jahrzehnte mit jenen Informationen verbunden sein, die das nach ihm benannte James-Webb-Space-Telescope künftig zur Erde funkt. Doch James Webb ist ein umstrittener Mann, jedenfalls im Nachhinein: Die Schwulen-und-Lesben-Community macht gegen ihn Front. Sie will das Teleskop umb

Letzte Atomkraftwerke in Sicherheitsbereitschaft halten

Nach Auffassung der Akademie Bergstraße empfiehlt es sich, die letzten sechs Atomkraftwerke Ende diesen und Ende des nächsten Jahres nicht endgültig stillzulegen und abzureißen, sondern vielmehr in die Sicherheitsbereitschaft zu überführen und betriebsbereit zu halten. Die Bundesregierung soll

Friedrich Merz: Wir müssen aufpassen, damit sich unser Land nicht spaltet

Der CDU-Politiker Friedrich Merz kritisiert die Gewalt auf den Straßen und schreibt: "Unter den Demonstranten sind nicht nur notorische Gewalttäter, sondern immer mehr Bürger, die bisher ein ganz normales Leben geführt haben, und die sich von Verschwörungstheorien, Angstszenarien und zweifelhaf

Annalena Baerbock verkörpert einen neuen Stil in der Außenpolitik

Baerbocks rhetorische Fähigkeiten sind ausbaufähig. Doch es lohnt ein Ausblick über den Tellerrand der bloßen Stilkritik. Denn inhaltlich bringt Baerbock durchaus neue, erfrischende Akzente ins Haus. Das zeigt sich vor allem bei ihrer Antrittsrede im Auswärtigen Amt: So beginnt sie nicht mit Zi

Krieg oder Frieden?

Um nicht sehr viel weniger scheint es in diesen Tagen zu gehen. Berlin steht mit einem Mal im Mittelpunkt der diplomatischen Bemühungen eine Antwort auf den russischen Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine zu finden. Auf diesem verminten diplomatischen Parkett bewegt sich Annalena Baerbock ers

Mobile Sliding Menu