Merkels Corona-Rede: Mit der Kanzlerin im Schützengraben

Ansgar Graw19.03.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Wenn es eines Beweises der Ausnahmesituation bedurfte, in der die Corona-Pandemie uns brachte, hat ihn Angela Merkel am Mittwochabend erbracht: Erstmals in den 15 langen Jahren ihrer Kanzlerschaft hat sie sich mit einer Fernsehansprache an die Nation gewandt. Und die Kanzlerin hat in ihrer Rede keine Beruhigungspillen verteilt, sondern die harten Realitäten beim Namen benannt.

Sie tat es in der gewohnten ruhigen Art, mit auf dem Tisch gefalteten Händen, die Raute nach oben gerichtet und mitunter ­– das äußerste Zeichen ihrer Anspannung – leicht geöffnet. Aber die Worte der sonst so gelassenen, vermeintlich emotionslosen Kanzlerin hämmerten diesmal in die deutschen Wohnzimmer.

MERKEL: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst. Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“

Die Richtschnur unseres Handelns

Die Naturwissenschaftlerin Merkel taugt, anders als der französische Präsident Emanuel Macron, nicht zum Pathos, und die Kanzlerin beherrscht auch nicht die dramatische Rhetorik ihres Amtsvorgängers Gerhard Schröder. Doch gerade die Paarung ihrer Gelassenheit mit den an Deutlichkeit nicht zu überbietenden Worten macht deutlich, dass es um die Weltwirtschaft und damit um die Stabilität der Staaten ernster steht als in der Finanzkrise 2008ff. und ernster als nach dem 11. September 2001. Es geht diesmal um viel mehr, wenn nicht um alles. Doch hoffnungslos ist die Situation nicht.

MERKEL: „Es wird weltweit unter Hochdruck geforscht, aber noch gibt es weder eine Therapie gegen das Coronavirus noch einen Impfstoff. Solange das so ist, gibt es nur eines, und das ist die Richtschnur all unseres Handelns: die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, sie über die Monate zu strecken und so Zeit zu gewinnen. Zeit, damit die Forschung ein Medikament und einen Impfstoff entwickeln kann. Aber vor allem auch Zeit, damit diejenigen, die erkranken, bestmöglich versorgt werden können.“

Ärzte und Pfleger in vorderster Reihe

Fast 12.000 Infektionen und 28 Tote vermeldete die Johns Hopkins University zum Zeitpunkt der Rede für Deutschland. Weltweit waren es 213.000 Infizierte und 8727 Tote – die Zahlen steigen weiter rasch. In zwei bis drei Wochen gebe es in Deutschland möglicherweise bis zu zehn Millionen Infizierte, warnt das Robert-Koch-Institut. Merkel erinnerte an die Ärzte und Pfleger, die „in diesem Kampf in der vordersten Reihe“ stehen. Und sie ging auf die Opfer ein, die für die meisten von uns namenlos sind und doch, jeder für sich, konkrete und bedrückende Schicksale personifizieren.

MERKEL: „Das sind nicht einfach abstrakte Zahlen in einer Statistik, sondern dass ist ein Vater oder Großvater, eine Mutter oder Großmutter, eine Partnerin oder Partner, es sind Menschen. Und wir sind eine Gemeinschaft, in der jedes Leben und jeder Mensch zählt.“

Vor diesem Hintergrund schaltet Merkel in den Verteidigungsmodus. Die Kanzlerin im Schützengaben – und sie zieht die Bevölkerung mit hinter die Sandsäcke. Die Verantwortung für eine erfolgreiche Abwehrschlacht gegen Covid-19, so die Botschaft Merkels, liegt bei jedem einzelnen.

MERKEL: „Das gehört zu einer offenen Demokratie: dass wir die politischen Entscheidungen auch transparent machen und erläutern. Dass wir unser Handeln möglichst gut begründen und kommunizieren, damit es nachvollziehbar wird. Ich glaube fest daran, dass wir diese Aufgabe bestehen, wenn wirklich alle Bürgerinnen und Bürger sie als IHRE Aufgabe begreifen.“

Hoffen auf eine geeinte Gesellschaft

Gemeinsam gegen Corona. Das ist eine hohe Erwartung an eine Gesellschaft, die gerade in den letzten Jahren massiv auseinandergedriftet ist – nicht zuletzt, weil sich viele Menschen nicht mitgenommen sahen von der Kanzlerin in der Phase der faktisch offenen Grenzen 2015. Finden die Menschen in dieser Situation wieder zusammen? Die Kanzlerin fordert es ein, im Sinne des Ganzen.

MERKEL: „Alle staatlichen Maßnahmen gingen ins Leere, wenn wir nicht das wirksamste Mittel gegen die zu schnelle Ausbreitung des Virus einsetzen würden: Und das sind wir selbst. So wie unterschiedslos jeder von uns von dem Virus betroffen sein kann, so muss jetzt auch jede und jeder helfen… Wir sind nicht verdammt, die Ausbreitung des Virus passiv hinzunehmen. Wir haben ein Mittel dagegen: wir müssen aus Rücksicht voneinander Abstand halten.“

Dazu müsse man das öffentliche Leben weitgehend herunterfahren und „alles, was dem einzelnen oder der Gemeinschaft schaden könne, reduzieren“. Die Kanzlerin warb um Verständnis für die massiven Restriktionen im Kampf gegen Corona, für Reisebeschränkungen, für geschlossene Kindergärten und Schulen. Sie appellierte für besondere Verantwortung gerade gegenüber den älteren Mitbürgern: „Im Moment ist nur Abstand Fürsorge.“ Darum sollten Großeltern und Enkel jetzt nicht zusammenkommen: „So retten wir Leben.“

Dank an Verkäuferinnen im Supermarkt

Und sie wisse, versicherte die Kanzlerin, dass es „für die Wirtschaft, die großen Unternehmen genau wie die kleinen Betriebe, für Geschäfte, Restaurants, Freiberufler jetzt schon sehr schwer“ sei. Die Bundesregierung tue alles, um die wirtschaftlichen Auswirkungen abzufedern und „vor allem um Arbeitsplätze zu bewahren“. Merkel lobte Verkäuferinnen und Kassiererinnen in den Supermärkten, die „da sind für ihre Mitbürger und buchstäblich den Laden am Laufen halten“.

Entgegen manchen Gerüchten zuvor kündigte Merkel keine weiteren Verschärfungen an wie etwa Ausgangssperren (die immerhin das fränkische Städtchen Mitterteich am Mittwoch verfügt hat). Aber sie schloss sie auch nicht aus, denn „die nächsten Wochen werden noch schwerer“. Sehr deutlich ließ sie die Möglichkeit durchscheinen, weitere Maßnahmen zu verfügen, wenn die Entwicklung dies erfordere.

MERKEL: „Dies ist eine dynamische Situation, und wir werden in ihr lernfähig bleiben, um jederzeit umdenken und mit anderen Instrumenten reagieren zu können. Auch das werden wir dann erklären.“

Appell an eine Schicksalsgemeinschaft

Noch nie in ihrer politischen Laufbahn hat Merkel, die immer distanziert wirkte, sich so eindringlich an das Gemeinwesen gewandt wie in dieser Situation. Es gehe um eine „historische Aufgabe, und die ist nur gemeinsam zu bewältigen“. Sie negierte nicht die Toten, die es geben wird, die Verluste, die diese Nation (nein, das Wort nahm sie dann doch nicht in den Mund, aber sie zeigte sich dem Gedanken einer Schicksalsgemeinschaft so nahe wie nie zuvor) erleiden werde. Die Schäden ließen sich mindern, wenn alle verantwortlich handelten.

MERKEL: „Wir müssen, auch wenn wir so etwas noch nie erlebt haben, zeigen, dass wir herzlich und vernünftig handeln und so Leben retten. Es kommt ohne Ausnahme auf jeden Einzelnen und damit auf uns alle an. Passen Sie gut auf sich und auf Ihre Liebsten auf. Ich danke Ihnen.“

Die Kanzlerin war bislang eine schlechte Kommunikatorin. In der Migrationskrise beließ sie es bei der Behauptung, „Wir schaffen das“, ohne zu erklären, wie das gelingen solle und was der Beitrag der Politik dazu sein werde. Merkel, die mitunter schon wirkte, als habe sie sich innerlich längst aus dem Amt verabschiedet, hat erkennbar begriffen. Die Bevölkerung muss mobilisiert werden, wenn der Kampf gegen Corona gewonnen werden soll. Merkel nimmt diesen Kampf ernst. Jetzt kommt es darauf an, ob die Bürger diese Dringlichkeit begreifen und in ihren Alltag übernehmen. Auch dann, wenn es demnächst tatsächlich zu weiteren Zumutungen kommen sollte. Und seien es Ausgangssperren.

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