In zwei Kategorien führt Trump weiterhin vor Biden | The European

Wenn sich Wähler die Nase zuhalten

Ansgar Graw18.10.2020Außenpolitik

Gut zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl führt Herausforderer Joe Biden in allen relevanten Umfragen. Aber auf zwei Feldern sieht es besser aus für den Präsidenten: Warum gibt es viel mehr Wahlwerbung in den Vorgärten für Donald Trump und ein viel größeres Interesse an seinen Auftritten?

Inside Washington

Pressekonferenz im Weißen Haus: Ansgar Graw befragt Donald Trump während eines Besuchs von Angela Merkel (März 2017)

In den USA nichts Neues? Alle wichtigen Umfragen sehen Joe Biden vor Donald Trump: Das gilt 16 Tage vor dem 3. November für die nationale Ebene, wo der demokratische Herausforderer nach dem von RealClearPolitics.com ermittelten Durchschnitt mit neun Prozentpunkten führt, wie für die sechs wichtigsten Battleground States, die Biden mit 4,5 Punkten vorne sehen.

Aber in zwei Disziplinen liegt der Präsident deutlich in Führung, und das macht Strategen der Demokraten nervös, wie sie im Hintergrund einräumen. Die erste Disziplin: Trumps Wahlkampfveranstaltungen ziehen seine Fans weiterhin in Massen an, und diese Kulisse nutzt der frühere TV-Entertainer regelmäßig, um darüber zu spotten, dass Biden regelmäßig vor einer Handvoll Unterstützer sprechen müsse. In der Tat finden sich oft nur wenige Dutzend Demokraten zu einem Auftritt ihres Kandidaten ein. Sind es so wenige, weil Biden in Zeiten von Corona keine großen Menschenmengen versammeln möchte? Oder versucht sich Biden, ein präziser, aber eher langweiliger Redner, gar nicht erst an großen Menschenmengen, in seinem Fall natürlich unter der Einforderung von Abstands- und Hygieneregeln, weil er sie nicht zusammen bekäme?

Der zweite Punkt: Bei den „front yard signs“, den typischen kleinen Transparenten mit Wahlwerbung für den Präsidentschaftskandidaten und seinen running mate, führen jenseits der Küstenmetropolen die „Trump-Pence“-Schilder haushoch vor der Werbung für „Biden-Harris“. Das berichten fast alle Korrespondenten, die man danach befragt. Aus dem Lager von Biden und seiner Vizepräsidentschaftsbewerberin Kamala Harris wird darauf geantwortet, Vorgarten-Werbung für die Demokraten würden immer wieder geklaut. In Pittsfield im Bundesstaat Massachusetts muss sich gerade ein 49-Jähriger vor Gericht verantworten, der am 10. Oktober riesige Heuballen angezündet haben soll, auf deren Kunststoffummantelung der Farmer Dicken Crane in gewaltigen Lettern die Losung „USA vote Biden-Harris 2020“ aufgemalt hatte. Fotos von seiner Werbeaktion und von den brennenden Heuballen hatte Crane auf Facebook gepostet.

Foto von Dicken Crane auf Facebook

Doch obgleich über etliche Fälle der Zerstörung von Werbung pro Biden berichtet wurde, lässt sich das deutliche Übergewicht der Trump-Werbung außerhalb der Metropolregionen damit kaum erklären. Keine Umfrage, wohl aber der visuelle Eindruck spricht dafür, dass das ländliche Amerika weiterhin stark zu Trump tendiert. Und die Auswertung der zurückliegenden Präsidentschaftswahlen belegt, dass es eine wachsende parteipolitische Kluft zwischen Land- und Stadtbevölkerung in den USA gibt.

So war 2008 bei der ersten Wahl von Barack Obama die Differenz bei den ländlichen Stimmen noch überschaubar. 53 Prozent gingen damals an den Republikaner John McCain und 45 Prozent an den Demokraten Obama. 2012 bauten die Republikaner ihren Vorsprung auf 59 Prozent zugunsten ihres Kandidaten Mitt Romney aus (der gleichwohl gegen Obama verlor) und 2016 gar auf 62 Prozent für den siegreichen Trump. Vergleichsweise konstant blieb hingegen das Wahlverhalten in den Städten. Dort stimmten 2008, 2012 und 2016 jeweils 35 bis 36 Prozent für die Republikaner. In den Vorstädten waren es 48 bis 50 Prozent.

Im Trump-Lager wird darum die Hoffnung kultiviert, dass der Aufwärtstrend für die Republikaner auf dem Land anhält. Dort, wo jeder jeden kennt, ist die Hemmung größer, Wahlpräferenzen gegenüber Demoskopen telefonisch, in einer Online-Befragung oder von Angesicht zu Angesicht zu offenbaren, zumal in den Medien Trump-kritische Positionen überwiegen. Das ist das Prinzip der Schweigespirale. Lauert mithin auf dem Land ein verstecktes Potenzial für die Wiederwahl des Präsidenten?

Interessanterweise folgt die Frontstellung des ländlichen Amerikas gegen die Stadtbevölkerung einem alten Muster. 1835 beschrieb Alexis de Tocqueville in seinem Standardwerk „Über die Demokratie in Amerika“ einen Präsidenten, der bis hin zu seiner wilden rötlichblonden Haartolle wie ein Vorfahre von Trump wirkt: Er sei ein „jähzorniger Mann von bescheidenen Talenten; nichts in seiner gesamten bisherigen Karriere hat je gezeigt, dass er qualifiziert wäre, ein freies Volk zu regieren; und tatsächlich hat ihn die Mehrheit der gebildeten Klassen der Union stets abgelehnt“.

Dabei handelte es sich um Andrew Jackson, der 1829 zum siebten Präsidenten der USA gewählt wurde, indem er die Farmer, Rancher, Siedler und Cowboys gegen die „städtischen Eliten“ mobilisierte. Sie nämlich betrieben angeblich im Verein mit den Bankern einen Ausverkauf amerikanischer Interessen. Wenn Trump sich heute als „Stimme der vergessenen Amerikaner“ inszeniert und ankündigte, „Wall Street“ zu stoppen und den „Sumpf in Washington“ auszutrocknen, wirken die Parolen mitunter wie aus dem knapp 200 Jahre alten „Jacksonianism“ kopiert – obwohl angesichts der mangelnden Bildung des Präsidenten nichts dafür spricht, dass er diesen seinen ideellen Vorläufer schon vor seinem damaligen Wahlkampf kannte, und auch dessen Reden hat er sicher nie gelesen.

Wiederholt sich die Geschichte? Zu Jacksons Zeiten lebten trotz rasant wachsender Städte im Nordosten, New York allen voran, nur 7,2 Prozent der Bevölkerung in Städten oder Ortschaften mit mehr als 2 500 Einwohnern (Zahlen für 1835). Das heutige Amerika gilt hingegen als urbanisiert. 79 Prozent der Amerikaner wohnen in Städten und städtischen Gebieten, sagt das Statistikamt. Wer allerdings genauer hinschaut, stellt fest, dass von diesen knapp 80 Prozent der Gesamtbevölkerung wiederum fast 80 Prozent in Kleinstädten mit weniger als 20 000 Einwohnern leben. Wer einige dieser Ortschaften kennt, oft Siedlungen entlang vierspuriger Fernstraßen mit Häusern in großem Abstand zum Nachbarn, weiß, dass die Menschen dort ein gänzlich anderes Lebensgefühl haben als ihre Landsleute in Chicago, Boston oder Los Angeles.

Trump-Anhänger sind nach Umfragen zu 31 Prozent enthusiastisch hinsichtlich des 3. November. Unter Biden-Unterstützern sagen das nur 23 Prozent. Hinzu kommen jene Wähler, die Trump als Person wegen seiner regelmäßigen Lügen und seines unverantwortlichen Verhaltens etwa im Umgang mit Corona ablehnen oder gar verabscheuen. Aber aus ihrer Sicht sind die Demokraten so weit nach links gerückt, dass sie schließlich „mit zugehaltener Nase“ doch ihr Kreuz beim Präsidenten machen könnten. Gründe für ihre Angst vor einem Machtwechsel zugunsten der Demokraten sind New-Green-Deal-Programme von linken Aktivisten wie Alexandria Ocasio-Cortez, die sich für einen radikal-ökologischen Umbau der Industriegesellschaft einsetzen, oder Ausschreitungen am Rande von Black-Lives-Matter-Demonstrationen. Der New Green Deal wird von Biden nicht unterstützt, aber auch nicht energisch kritisiert, und die Black Lives Matter hat der Demokrat nie dazu aufgerufen, gegen Chaoten in ihren Reihen vorzugehen. Er will die wichtigen Stimmen der schwarzen Wähler nicht gefährden.

Unterm Strich scheinen die Chancen für Trump auf einen Wahlsieg gering. Aber der Kampf um die Provinz ist noch nicht beendet; dort wird auch in diesem Jahr über die Präsidentschaft entschieden.

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