Blockchain soll falsche Medikamente gegen Malaria entlarven | The European

Wenn vermeintliche Medikamente den Tod bedeuten

Ansgar Graw23.02.2021Medien, Wirtschaft

Jedes Jahr sterben in Afrika fast 400.000 Menschen an Malaria. Weitere 116.000 Menschen fallen laut WHO-Schätzungen gefälschten Medikamenten zum Opfer. Das Problem betrifft auch andere Krankheiten. Jetzt verspricht eine Firma aus Chemnitz eine technologische Sicherung gegen die gefährlichen Falsifikate.

Medikamente gegen Malaria und andere Krankheiten werden oft gefälscht, Foto: Shutterstock

Wird Malaria, die Geißel Afrikas, durch ein junges Unternehmen aus Chemnitz besiegt? Oder doch zumindest in seiner Gefährlichkeit deutlich dadurch gezähmt, dass gefälschte Anti-Malaria-Medikamente aus dem Verkehr gezogen werden können? Am Samstag fiel bei einem Treffen in Abidjan, dem Regierungssitz der Elfenbeinküste, der Startschuss für ein bemerkenswertes Projekt: Mittels eines neuartigen Anti-Fälschungs-Codes, der auf modernster Blockchain-Technologie beruht, soll die Entlarvung von unwirksamen Tabletten möglich werden.

Und die gibt es bislang reichlich – nicht nur als vermeintliche Medikamente gegen die von Stechmücken übertragene Infektion, sondern auch gegen HIV und andere Krankheiten. Laut der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC beträgt der Anteil gefälschter Arzneimittel in einigen Ländern in Entwicklungsregionen wie Afrika bis zu 70 Prozent. Allein in Subsahara-Afrika sterben dadurch jedes Jahr rund 116.000 Menschen einen Tod, der bei korrekter Medikation vermeidbar wäre. In Côte d’Ivoire sollen 30 bis 60 Prozent aller angebotenen Medikamente Falsifikate sein – und jährlich wächst dieser Markt um bis zu 15 Prozent. Mangels finanzieller Mittel erwerben viele Ivorer lebenswichtige Medikamente im Straßenverkauf, wo vorwiegend diese Fälschungen angeboten werden. Sie mit bloßem Auge zu identifizieren, ist praktisch unmöglich: Die Verpackung wirke in Material, Design und Beschriftung ebenso perfekt wie die der echten Medizin, sagen Experten.

Kickoff am Samstag in Abidjan: Eugène Aka Aouele, Gesundheitsminister von Elfenbeinküste, mit Unternehmer Frank Theeg (r.) und Botschafter Ingo Herbert (l.), Foto: Privat

Gemeinsam gegen diese Fake-Produkte vorgehen wollen Eugène Aka Aouele, der Gesundheitsminister der Elfenbeinküste, die Bundesregierung, vertreten in Abidjan durch den deutschen Botschafter Ingo Herbert und Authentic Network, die junge Firma aus Chemnitz. „Unser Ziel ist es, dass nur noch echte Medikamente mit zuverlässigen Wirkstoffen zu den Menschen gelangen“, erklärte Frank Theeg, Gründer und Co-CEO des Startups, gegenüber TheEuropean. Mit der „neuartigen Technologie“ seines Unternehmens lasse sich diese Vision “schnell, einfach und sicher umsetzen“.

Neben den gesundheitlichen Schäden durch Medikamentenfälschungen sind auch die wirtschaftlichen Einbußen verheerend. Weltweit wird der jährliche Verlust durch gefälschte Wirkstoffe auf bis zu vier Milliarden Euro geschätzt. Afrika ist dabei mit einem Anteil von 42 Prozent der größte Markt für gefälschte Medizin. Instabile politische Verhältnisse, poröse Grenzen und eine rasch wachsende Bevölkerung erleichtern den Kriminellen das Geschäft.

Mittelfristig dürfte die Fälschungswelle auch die Corona-Impfstoffe einholen. Im Moment, sagt Theeg, stehe die Pandemie noch so im Vordergrund, dass noch niemand an Falsifikate denke – obwohl Interpol bereits voriges Jahr gewarnt habe, da komme noch ein sehr großes Problem auf die Welt zu. “Die werden erst wach, wenn das Problem zu groß ist”, fürchtet Theeg, “dann kostet es wieder Milliarden an Euro und Millionen an Toten.” Laut Authentic Network lässt sich die innovative Technologie nicht nur auf Medizinprodukte anwenden. Der Fälschungsschutz stehe allen Anwendungsbereichen, Branchen und Produkten offen, von Jeans über Schuhe und Modemarken bis hin zu Parfums und anderen begehrten Luxusgütern, die oft Fälschungen zum Opfer fallen.

Das Prinzip: Über die Blockchain werden in einem Krypto-Tag einzigartige Daten hinterlegt, die für die Echtheit und Unversehrtheit des Produktes bürgen. „Und kopieren kann man ihn nicht“, versichert Theeg, “das ist auf eine einzigartige Besonderheit im Druckverfahren zurückzuführen.” Der Code sei in der App verschlüsselt und könne von Unbefugten nicht ausgelesen werden: “Wir sehen sofort, wenn eine Kopie auftaucht – und wir wissen genau, woher und von wem sie kommt. Das lässt eine sekundengenaue Nachverfolgung zu.“

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unterstützt das 680.000-Euro-Projekt in Elfenbeinküste über die DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft), eine Tochtergesellschaft der KfW-Bankengruppe, zu 50 Prozent, sagt Theeg. Wenn sich die Innovation in der Praxis bewährt, dürfte es sich als smarte Investitionen herausstellen.

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