Alfred Dreggers Bedeutung für die Stärke der CDU | The European

Warum Alfred Dregger kein Stahlhelmer war

Ansgar Graw10.12.2020Medien, Politik

Zum 100. Geburtstag des einstigen Vorsitzenden der Unions-Bundestagsfraktion legt sein Ex-Mitarbeiter Dieter Weirich eine spannende Biografie des CDU-Politikers vor. Der Wahl-Hesse war ein Konservativer, aber er war populär in allen Flügeln der Christdemokraten

Bundeskanzler Helmut Kohl und Unions-Fraktionschef Alfred Dregger 1991, Foto: Picture Alliance, Rainer Unkel

Er war einer der wichtigsten Verbündeten von Helmut Kohl und für die Stärke der CDU im christdemokratischen Doppeljahrzehnt von den frühen 1980er bis in die späten 1990er Jahren unverzichtbar: Alfred Dregger, vor exakt 100 Jahren, am 10. Dezember 1920, in Münster geboren, hat als langjähriger Vorsitzender der Unions-Bundestagsfraktion für seine Partei das konservative Bürgertum mobilisiert. Erst später sollte sich zeigen, dass diese Klientel unverzichtbar ist, will man Wahlergebnisse deutlich oberhalb von 40 Prozent zuverlässig erzielen. Dieter Weirich hat jetzt eine (stets) ausgesprochen lesenswerte und (gelegentlich zu) detailreiche Biografie über den geradlinigen Christdemokraten vorgelegt, den Kohl nach dessen Tod 2002 mit diesen Worten würdigte: „Er war kein Mann, der morgens aufstand und den Finger in den Wind hielt, um zu sehen, woher der kommt. Er war kein Freund des Zeitgeistes.”

Alfred Dregger: Haltung und Herz. Eine Biografie von Dieter Weirich

Und der Zeitgeist ist kein Freund der Geradlinigen. Dieter Weirich beschreibt in „Alfred Dregger. Haltung und Herz – Eine Biografie“ (Societäts Verlag, Frankfurt am Main, 336 S., 20 Euro), dass er regelmäßig mit Studenten, Schülern, Nachwuchsjournalisten und Auszubildenden diskutiere und dabei gern frage, was denn die junge Generation noch über den lange prägenden Politiker wisse. „Die Defizite erschrecken mich jedesmal“, so der Biograf. Aber auch unter erwachsenen Deutschen ist die Erinnerung an Dregger massiv verblasst. Immerhin gelangt Weirich zu dieser Beobachtung: „Dass der Name von Alfred Dregger in der jüngsten Zeit in der Debatte über die Modernisierung oder Sozialdemokratisierung der Union wieder häufiger gefallen ist, verwundert nicht. Plötzlich versucht man im politischen Wettstreit sein geistiges Erbe für sich zu reklamieren.“ Dies zeige, „dass sich der Zeitgeist gedreht hat“.

Ist das so? Gibt es eine Dregger-Konjunktur? Oder schimmert hier Wunschdenken durch die Zeilen eines pointierten Buches? An dieser Stelle sei der Autor Professor Dr. Dieter Weirich vorgestellt: Er ist zweifellos in besonderer Weise befähigt, über Dregger zu schreiben. Weirich ist gelernter Journalist, war hessischer Landtagsabgeordneter für die CDU, saß später für die Partei im Bundestag, bevor er von 1989 bis 2001 als Intendant der Deutschen Welle den Kurzwellensender in eine internationale Fernsehstation umbaute. Und Weirich war ab 1969 zehn Jahre lang der persönliche Referent Dreggers. Kann man da noch einigermaßen distanziert schreiben oder gerät eine Biografie zwingend zur Hagiografie? Weirich, darauf angesprochen, weist das nicht einmal empört zurück. Aber der große Politiker, so antwortete er sinngemäß, habe ein gewisses Maß an Verklärung auch verdient, solange sich das positive Urteil an Fakten orientiere und nicht an Meinung.

Erfahrungen eines Weltkriegssoldaten

Dies angemerkt, kehren wir zurück zum Buch. Es erklärt Dreggers Weltsicht aus Dreggers Vita. Da ist der viermal verwundete Weltkriegsteilnehmer, der aus dieser Erfahrung zu einer „Nie wieder Krieg“-Einstellung gelangte – was aber nicht zu verwechseln und auch nicht annähernd identisch ist mit kapitulativem Pazifismus oder einer Idee der Akzeptanz der „friedlichen Koexistenz“ des demokratischen Westens (zu dem nunmehr, nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur, immerhin der Westen Deutschlands gehörte) mit dem damaligen totalitären Ostblock-Kommunismus. Dregger bezog Position im Kalten Krieg, aber er, der zum Ende des Zweiten Weltkriegs beim Rückzug durch das Sudentenland auch positive Erfahrungen mit russischen Soldaten machte, war deshalb noch kein Kalter Krieger.

Und da ist auch die Frage einer NSDAP-Mitgliedschaft. 1982 sagte Dregger dem „Stern“, er sei der Partei nicht beigetreten. Viel später tauchte eine Karteikarte auf, laut der er als 19-jähriger Offiziersanwärter in die NSDAP eingetreten sein soll. „War dies Verdrängung oder fehlendes Wissen“, fragt Weirich sich und die Leser. „Bei seiner Prominenz und seiner großen politischen Gegnerschaft hätte Dregger eigentlich ständig mit Investigation rechnen müssen. Zu seiner Persönlichkeitsstruktur hätte es gepasst, den Stier bei den Hörnern zu packen und die Jugendsünde einzuräumen.“ Auch Dreggers Sohn Burkard, CDU-Politiker im Berliner Abgeordnetenhaus, zieht die These in Zweifel, dass der Vater wirklich Parteimitglied war – zumal die Karteikarte handschriftliche Einträge enthalte, die nicht zu entziffern sind, und bis heute weder ein unterschriebener Mitgliedsantrag noch ein Antrag auf Ausstellung eines Parteibuchs auftauchten, wie Weirich anmerkt.

In Fulda als Deutschlands jüngster OB

Nach dem Krieg absolvierte Dregger in Marburg ein Jura-Studium. Er promovierte, heiratete eine diplomierte Volkswirtin, bekam mit ihr drei Kinder. Der älteste Sohn sollte 1972 bei einem Verkehrsunfall sterben. In Fulda, nahe der schönen Rhön, wurde der Volljurist 1956 Deutschlands jüngster Oberbürgermeister. „Zu seinen unbestreitbaren Leistungen gehört vor allem auch die Schaffung von preiswertem Wohnraum für die räumlich beengte Stadt, die selbst wenig Fläche anzubieten hatte“, notiert sein Chronist. Aber auch, dass Dregger sich intensiv um Bildungspolitik kümmerte und Fulda unter ihm die höchste Abiturientenquote Hessens vorzuweisen hatte. Sein Versuch, in Nachfolge der 1805 im Zuge der Säkularisation aufgelösten Alma Mater Adolphiana zu Fulda eine neue Universität zu gründen, scheiterte am Widerstand der SPD.

Dregger war ein beliebter OB, und als es 1966 zur Frage kam, ob er oder der spätere Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling neuer CDU-Landesvorsitzender werden sollte, trafen sich die beiden Kontrahenten bei Dregger daheim. Dort habe der Gastgeber ihm knallhart ins Gesicht gesagt, er habe entschieden, den Vorsitz der Hessen-CDU zu übernehmen, erinnerte sich später Schwarz-Schilling. Der fragte, etwas überrumpelt von der dezidierten Ansage Dreggers, warum er denn diese Lösung für die bessere halte. Dregger habe ihm, nun plötzlich wieder „mit entwaffnendem Charme“, erklärt: „Lieber Herr Schwarz-Schilling – ich besitze Charisma, und das ist es, was die hessische CDU jetzt braucht.“

Dregger sei ein Anhänger einer freiheitlichen Wirtschaftspolitik und Verehrer des Vaters der Sozialen Marktwirtschaft gewesen, schreibt Weirich. Für den in Hessen politisch sozialisierten Katholiken sei die christlich-soziale Idee der Mitbestimmung zukunftsweisender gewesen als der sozialistische Klassenkampf. „Im Mittelpunkt seines Wirkens stand aber der Kampf für Freiheit für ganz Deutschland und ganz Europa“, so der Autor weiter. Darum kritisierte Dregger regelmäßig die zunehmende Zusammenarbeit der SPD mit der SED, und er „erlebte schließlich die Erfüllung eines Traums, an den er unbeirrbar geglaubt hatte, die deutsche Wiedervereinigung“.

War Dregger ein „Stahlhelmer“?

Bis heute gilt Dregger als „Nationalkonservativer“ und als „Stahlhelmer“. Die Bezeichnungen sind denunzierend und unsinnig, weil sie den Politiker so zeichnen, als hätte er an der äußeren Grenze des politischen Spektrums gestanden. Tatsächlich deckte Dregger seinerzeit einen mindestens so großen Flügel der Unions-Mitglieder und -Wähler ab wie dies auf der anderen Seite beispielsweise Norbert Blüm tat  – mit dem sich Dregger im Übrigen gut verstand, auch wenn ihn Blüm im Streit um die Ausgestaltung der paritätischen Mitbestimmung einmal in Anspielung an den transsilvanischen Vampir als „Dr. Dreggula“ beschimpfte. Immerhin, Dregger wurde mitunter als Kanzlerkandidat gehandelt, und schon das gibt einen Hinweis, wie viel Zustimmung seine Positionen in der Öffentlichkeit fanden.

Viermal wollte Dregger hessischer Ministerpräsident werden, und bis 1974 hatte er den Stimmenanteil der CDU von 26,4 (1966) auf 47,3 Prozent gesteigert. Die Christdemokraten gewannen die Landtagswahlen mit ihm als Spitzenkandidat auch 1978 und 1982. Doch SPD und FDP, später SPD und Grüne verweigerten ihm den Weg in die Staatskanzlei.

Hätte ein liberaler Konservativer in der CDU, ein Patriot mit europäischer Überzeugung von der Statur Dreggers, ausgestattet mit einem Amt wie dem des Fraktionsvorsitzes im Bundestag (und mit entsprechend der fortgeschrittenen Zeit angepassten Positionen), in den zurückliegenden Jahren das Aufkommen der AfD und die Schwächung der Christdemokratie verhindern können? Dieter Weirich beantwortet die Frage nicht. Aber sein Buch lässt erkennen, dass die Christdemokraten schlecht beraten sind, wenn sie nicht alle ihre Pfeiler, den konservativen, den wirtschaftsliberalen und den christlich-sozialen, gleichermaßen ernst nehmen und der Bevölkerung anbieten. Heute wird Dregger, der 100-Jährige, gern als Polarisierer gezeichnet. Aber sein Studienfreund, der langjährige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel, zeichnet ein akkurates Bild von ihm, wenn er dem Buchautor Weirich sagte: „Alfred Dregger hatte Gegner, aber keine Feinde.“

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