Die FDP existiert nur noch als aufblasbare Attrappe. Heribert Prantl

Der Exorzist

Er ist vernünftig, er ist charismatisch, er hat neue Ideen für den Konservativismus: Der indischstämmige Bobby Jindal wird erster republikanischer US-Präsident nach George W. Bush. 2016 treibt er dem Weißen Haus die liberalen Ideen aus.

Es ist der 8. November 2016, und am Ende dieses Wahldienstages ist klar: Dem ersten schwarzen Präsidenten der USA folgt nicht die erste Frau ins Weiße Haus – nicht die von Barack Obama intensiv protegierte Parteifreundin Hillary Clinton – sondern der erste Asian American.

Piyush Jindal, genannt Bobby, ist der Name des künftigen republikanischen Präsidenten. Der Sohn indischer Einwanderer, geboren 1971 in Louisianas Hauptstadt Baton Rouge und dort 2007 zum Gouverneur gewählt, hatte sich zuvor in den internen Primaries gegen harte Konkurrenz durchsetzen müssen.

Intelligent und strebsam: ein Wunderknabe!

Marco Rubio war Bobby Jindals aussichtsreichster Rivale. Doch der Senator aus Florida mit kubanischen Wurzeln mag den Skeptikern im eigenen Lager am Ende zu hispanisch gewesen sein. Ja, die Latino-Minderheit mag ab 2040 die stärkste Bevölkerungsgruppe sein, aber warum muss man sie dann jetzt schon an die Macht lassen?

Paul Ryan, einst running mate Mitt Romneys und Kämpfer wider den Status quo bei Medicare, trug noch an der Bürde der knappen Niederlage 2012. Chris Christie, der Gouverneur aus New Jersey, galt als zu undiszipliniert. Rob Portman, Senator aus Ohio, als zu romneyisch. Bob McDonnell, Gouverneur in Virginia, als zu brav. Rick Santorum, Romneys stärkster Konkurrent 2012, begeisterte die Evangelikalen, aber nicht das Parteiestablishment. Senatorin Kelly Ayotte schließlich kommt aus New Hampshire und damit aus einem zu unwichtigen Staat, und Nikki Haley, indischstämmig wie Jindal, war im November 2014 als Gouverneurin von South Carolina abgewählt worden.

Der charismatische Bobby Jindal hatte hingegen ab 2005 Erfolg an Erfolg gereiht. Er ließ sich in den Kongress wählen, wurde 2007 mit 54 Prozent Zustimmung Gouverneur und 2011 mit gar 64 Prozent bestätigt. Der konservative Gegner von Homoehe, Abtreibung und Stammzellenforschung managte beim Herannahen des Hurrikans Gustav im August 2008 eine der größten Evakuierungen der US-Geschichte. Jindal galt fortan als „Krisengouverneur“.

Zudem erklärte der energische Republikaner der Korruption den Krieg in der „Bananenrepublik der USA“, wie Spötter Louisiana nennen. Jindal schuf ein wirtschaftsfreundliches Klima und lockte Industrieunternehmen an. Er senkte die Regierungsausgaben und erreichte entgegen dem Trend bei der Ratingagentur Standard & Poor’s eine Aufwertung der Kreditwürdigkeit Louisianas von AA- zu AA.

Ein Wunderknabe! Inder genießen in den USA den Ruf besonderer Intelligenz und Strebsamkeit, und sie machen – anders als die Chinesen – keine Angst. Kurz: Jindal, von Präsident George W. Bush mit nur 29 Jahren zum Gesundheitsstaatssekretär ernannt, brachte alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kandidatur mit.

Erst zum Ende der zweiten Legislatur lief die Politik von Gouverneur Jindal nicht mehr ganz so geschmeidig. Geld fehlte für die Umsetzung seiner Schulreform. Parteifreunde profilierten sich als Haushaltsfalken und verlangten noch schmerzlichere Budgetkürzungen.

Emanzipation von der Tea Party

Doch der einstige Präsident eines Universitätsverbundes, ausgestattet mit akademischen Weihen in Medizin, Jura und Politikwissenschaften, erwies sich als smart und wendig genug, die Klippen zu umschiffen.

Das größte Problem bereitete ihm schließlich die Religion. Der als Hindu aufgewachsene Jindal war in jungen Jahren zum römisch-katholischen Glauben konvertiert. Das gilt seit John F. Kennedy der protestantischen Mehrheitsbevölkerung als unproblematisch. Jedoch hatte Jindal 1994 als 23-jähriger Student im ehrwürdigen „New Oxford Review“ einen Artikel über ein spirituelles Schlüsselerlebnis veröffentlicht, dem er an jener Elite-Universität beigewohnt hatte.

Die Freundin und Kommilitonin Susan, nach ärztlicher Diagnose krebskrank, zeigte verstörende Anzeichen von „Besessenheit“, schrieb Jindal unter der Überschrift „Physical Dimensions of Spiritual Warfare“. Sie sprach in fremden Zungen, es roch nach Schwefel, sie fluchte vulgär. Mit Rosenkranz, Bibel und geweihtem Kreuz rückt ihr eine kleine Gruppe gläubiger Studenten in nächtlicher Sitzung zu Leibe. Jindal ist dabei, ängstlich, zweifelnd, verstört, eher zuschauend denn mitmachend. Susan wehrt sich über Stunden – und wirkt plötzlich wie erlöst.

Bei der kurz darauf anstehenden Operation finden die Ärzte keine Krebszellen. Kann ein Exorzist Präsident der USA werden? Das war die Debatte, zu der Jindals 30 Jahre alter Aufsatz im Wahlkampf führte. Der Vorwurf der Irrationalität stand im Raum.

Jindal überstand diese Anfeindung, weil sein reifer, reservierter Artikel keine religiöse Erweckungsliteratur darstellt. Der Autor behauptete nicht, er habe eine Teufelsaustreibung erlebt. Er fragte vielmehr sich und seine Leser nach den „Grenzen menschlichen Verstehens“. Und er schrieb, dass er seit jenem Ereignis an „Seelen und Heilige“ glaubt.

Entscheidend für Jindals Nominierung im Jahr 2016 waren letztlich andere Faktoren. Zum einen schien nach der Niederlage des New-England-
Moderaten Romney, dem die Basis seine konservativen Beteuerungen nie so recht abgenommen 
hatte, einfach wieder der Süden am Zuge. Zum anderen hatten sich die Republikaner nach acht Jahren in der ideologischen Wagenburg, in denen sie kaum einmal zum Kompromiss mit Obama bereit waren, ein Stück weit von der Tea Party und anderen Populisten emanzipiert. Jetzt war wieder Platz für den Kompromiss und die Vernunft; die Wähler verlangten es. Da war Jindal der passende Kandidat, und er sprach zudem die Minderheiten und die akademische Jugend an.

„Konservative Ideen klingen nicht nur gut. Sie funktionieren sogar. Das ist das Geheimnis unseres Erfolges“, erkannte Jindal 2010. An jenem 8. November 2016 bekam er die Chance, dies als Präsident der USA zu beweisen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Paul Sailer-Wlasits, Florian Josef Hoffmann, Julian Tumasewitsch Baranyan .

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Utopia – Unsere Welt in 100 Jahren, warum die nächste Bundesregierung Schwarz-Orange ist, das rationale Menschenbild nicht trägt und wer 2016 US-Präsident wird.

Sie können es hier direkt bestellen.

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