American Angst

von Ansgar Graw18.09.2011Außenpolitik

Niedergang der USA? Nicht so schnell. In dem Land mag nach dem 11. September nicht alles rund gelaufen sein, aber die Amerikaner spielen in vielen Disziplinen weiter ganz vorne mit.

Von wegen, die Zeit heilt alle Wunden! Zehn Jahre nach dem Terrorschlag vom 11. September 2001 nehmen dessen Auswirkungen auf das Alltagsleben der US-Bürger zu. In einer Gallup-Umfrage sagten Mitte August 28 Prozent der Amerikaner, sie hätten ihren Alltag wegen 9/11 „permanent verändert“. US-Bürger meiden Wolkenkratzer, steigen seltener ins Flugzeug, bleiben Großveranstaltungen fern und reisen nicht ins Ausland. Und sogar 58 Prozent sind überzeugt, die Nation insgesamt habe ihren „way of life“ verändert.

Pessimismus im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Das sind neue Rekordmarken: Als die Gallup-Demoskopen am Abend des 11. September 2001 erstmals fragte, ob der Terrorschlag das Leben der Amerikaner permanent verändern werde, glaubten dies nur 49 Prozent. 45 Prozent widersprachen. Seitdem wurde die Umfrage mehrfach wiederholt. Jetzt kam es zum bisherigen Höchststand. „The land of the free and the home of the brave“ als neue Heimstatt der Pessimisten? Wer in den USA schwarz sehen möchte, findet viele Gründe dafür: So stürzten die Vereinigten Staaten nach 9/11 zwar das Taliban-Regime in Afghanistan, das dem Terrornetzwerk al Qaida Unterschlupf gewehrt hatte. Doch das Ziel einer Demokratisierung oder zumindest Stabilisierung des Landes “ist gescheitert”:http://www.theeuropean.de/omid-nouripour/7140-sicherheitslage-in-afghanistan. Im Irak fegten die USA 2003 Diktator Saddam Hussein von der Macht. Aber als Barack Obama im August 2010 das offizielle Ende der Kampfhandlungen verkündete, blieb eine “„Mission unaccomplished“”:http://www.theeuropean.de/daniel-gerlach/2751-truppenabzug-aus-dem-irak zurück. Auf der globalen Bühne hat sich nach 9/11 „the rise of the rest“ beschleunigt. Mit Brasilien, Indien, Südafrika und vor allem mit China drängen neue Mitspieler an den Roulettetisch der globalen Ressourcen. 2001 betrug das Handelsbilanzdefizit zwischen China und den USA 83 Milliarden Dollar zugunsten Pekings. 2010 waren es bereits 273 Milliarden Dollar. Die USA haben ihre ökonomische Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Sie haben den produzierenden Sektor ihrer Volkswirtschaft nahezu geschleift. Das revolutionäre iPad wurde in Palo Alto erfunden, aber produziert wird es in China. Dort entstehen die Arbeitsplätze. Über „the German Angst“ witzelten Amerikaner während des Kalten Krieges gern. Inzwischen hat eine „American Angst“ die USA übermannt. Und im In- wie Ausland wird einmal mehr der bevorstehende Untergang der letzten Supermacht der Welt beschworen. Doch Stopp: Erfahrene Propheten warten die Ereignisse ab. Die amerikanische Dominanz wird geringer. Aber vom Thron gestoßen wird sie in der überschaubaren Zukunft nicht. China etwa ist außerhalb des Küstenstreifens im Westen und einiger Industriezentren weiter östlich so rückständig geblieben wie ein europäisches Agrarland im 19. Jahrhundert. Die Ein-Kind-Politik wird sich sehr bald an der Rentenfront bitter rächen.

Amerika führt weiter in vielen Bereichen

Die USA haben noch viele Trümpfe auf ihrer Seite. Sie sind führend in den Zukunftsdisziplinen Bio- und Nanotechnologie. Sie bleiben aufgrund ihrer Größe und geringen Bevölkerungsdichte attraktiv für Einwanderer aus aller Welt. Mit diesen Einwanderern kommen Kinder, Nachfrage und Wirtschaftswachstum. Vor allem aber begünstigt das demokratische System der USA mit seiner freien Marktwirtschaft innovative Geister und visionäre Unternehmer viel stärker, als dies das autoritäre China je könnte. Gleichwohl müssen die US-Eliten zunächst immense Probleme lösen. Sie müssen ihr “Haushaltsdefizit entschlossen angehen”:http://www.theeuropean.de/yascha-mounk/7341-schuldenstreit-in-den-usa, sie müssen Exportfähigkeit zurückgewinnen und sie müssen die politische Verkantung zwischen den Parteien und im Machtdreieck der beiden Kongresskammern und des Weißen Hauses überwinden. Zehn Jahre nach 9/11 müssen Republikaner wie Demokraten wieder erkennen, dass sie in erster Linie nicht ihrer Partei und den Vorurteilen ihrer Wähler verpflichtet sind, sondern den Vereinigten Staaten von Amerika.

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