Ich hatte manchmal das Gefühl, ich bin eher Inhaber einer Reparaturwerkstatt. Kurt Georg Kiesinger

Wer hat Angst vorm Renten-Wahlkampf?

Wir dürfen es den Jungen nicht länger zumuten, stetig steigende Beiträge zu zahlen und später immer weniger Rente zu bekommen. Das ist der denkbar schlechteste Deal. Und im Jahr 2025 würde es einen Durchschnittsverdiener weniger als 11 Euro im Monat kosten, wenn wir das Rentenniveau stabilisieren. Das ist gerade mal ein Kinobesuch.

Die Parteien haben Angst vor einem „Renten-Wahlkampf". Sie fürchten einen Überbietungswettbewerb bei der Rentenhöhe. Einige Journalisten reichern dieses Szenario gerne mit der „Macht" der 21 Mio. Rentnerinnen und Rentner an und stellen sie gegen die „Ohnmacht der Jungen".

Moment mal: Welches Bild haben Partei-Strategen eigentlich von den Wählerinnen und Wählern? Denken sie wirklich, derjenige gewinnt, der ihnen die dickste Renten-Karotte vor die Nase hängt?
Ich glaube, die meisten Menschen in diesem Land wissen sehr genau, dass Rente auch was kostet. Schon aus diesem Grund würden sie nicht den kühnsten Rentenversprechen hinterherlaufen. Ich glaube aber auch: Die meisten Menschen finden es ungerecht, dass Regierung und Parlament vor einiger Zeit beschlossen haben, die Renten langfristig sinken zu lassen.
Es könne ja zusätzlich privat gespart werden. Wovon denn? fragen viele und sie haben Recht.

Was ist das Lebenswerk eines Menschen wert?

Deshalb ist es gut über Rentenpolitik zu streiten. Sie hat nämlich ziemlich viel mit dem wahren Leben zu tun und stellt uns unbequeme Fragen: Wie wollen wir leben, wenn wir alt sind? Wollen wir wirklich bis zum Sargdeckel arbeiten?

Wie gehen wir um mit denjenigen, die im Supermarkt für uns die Regale einräumen, uns im Linienbus von A nach B bringen oder im Büro unsere Kaffeeränder vom Schreibtisch wischen? Rentenpolitik ist mehr als Mathematik.

Hier zeigt sich, was einer Gesellschaft das Lebenswerk eines Menschen wert ist. Auf diese Frage geben die Parteien durchaus unterschiedliche Antworten und sie sollten diskutiert zu werden.

Zum Beispiel die Frage, wie wir so genannte gesamtgesellschaftliche Aufgaben finanzieren: viel zu oft über die Beitragskasse statt aus dem Steuertopf. Ein Beispiel ist die Mütterrente, die die Sozialversicherungen jährlich sieben Milliarden Euro kostet.

Nach Litauen hat Deutschland den größten Niedriglohnsektor Europas

Aber die Herausforderungen sind größer: Nach Litauen hat Deutschland den größten Niedriglohnsektor Europas; mehr als eine Million Menschen arbeiten Teilzeit, obwohl sie das gar nicht wollen. Wenn damit Schluss wäre, könnten Steuer- und Beitragskassen Mehreinnahmen in Milliardenhöhe verbuchen.

Oft wird behauptet, die Stabilisierung des Rentenniveaus belaste die Jugend. Als interessierten sich jüngere Berufstätige nur für niedrige Beiträge, die Höhe ihrer späteren Rente sei ihnen dagegen völlig egal. Ich glaube das nicht.

Wir dürfen es den Jungen nicht länger zumuten, stetig steigende Beiträge zu zahlen und später immer weniger Rente zu bekommen. Das ist der denkbar schlechteste Deal. Und im Jahr 2025 würde es einen Durchschnittsverdiener weniger als 11 Euro im Monat kosten, wenn wir das Rentenniveau stabilisieren. Das ist gerade mal ein Kinobesuch.

Quelle: Huffpost

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Katja Kipping, Roman Martinek, Oskar Lafontaine.

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