Interview mit Annegret Kramp-Karrenbauer | The European

Wir müssen vor allem eine Leitkultur leben

Annegret Kramp-Karrenbauer28.08.2017Innenpolitik

Wir müssen vor allem eine Leitkultur leben. Eine theoretische Debatte ist ein Zeichen dafür, dass eine Gesellschaft sich ihrer selbst nicht sicher ist, sagt die Ministerpräsidentin des Saarlandes, Annegret Kramp-Karrenbauer in einem Interview mit dem Chefredakteur des “The European”, Stefan Groß.

3f12d003c1.jpeg

Stefan Groß

__Frau Ministerpräsidentin, Sie sind nach der Wahl im Frühjahr 2017 gewonnenen Wahl die zweitmächtigste Frau der Bundesrepublik. Durch den Sieg der CDU an der Saar konnte die Bundes-CDU wieder kräftig an Boden gewinnen. Stärkt das die Stellung Ihres Bundeslandes und können Sie dadurch Ihre Interessen, beispielsweise die Maut, besser durchsetzen?__

Zuerst einmal garantiert es, dass das Saarland auch weiterhin vernünftig und stabil und zukunftsorientiert regiert wird. Und es ermöglicht mir natürlich, die Netzwerke, die Verbindungen, die ich über die letzten Jahre geknüpft habe, auch für die Zukunft weiter zu vertiefen, auch zu nutzen dort, wo es im Interesse des Landes und seiner Menschen notwendig ist.

__Am 1. Juni, wurden Sie mit dem SignsAward als Politikerin des Jahres ausgezeichnet. Was zeichnet einen guten Politiker aus? Woher kommt die Politik-Verdrossenheit vieler Menschen, der Frust, der Aufstieg der AfD? Und wieso sind Sie nicht nur im Saarland so beliebt?__

Politiker müssen glaubwürdig sein. Denn die Menschen schenken mit ihrer Stimme Vertrauen. Diesem Vertrauen muss man gerecht werden – das ist eine hohe Verantwortung. Deswegen ist für mich das wichtigste in der Politik eine klare Haltung einzunehmen und diese Haltung auch beizubehalten – auch in schwierigen Zeiten. Zu einer solchen Haltung gehört eben auch eine offene Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern, die wiederum Vertrauen erzeugt. Die offene Kommunikation ist das beste Mittel gegen Populismus.

__Dass Martin Schulz Bundeskanzler wird, ist mittlerweile so wahrscheinlich wie ein Tsunami am Tegernsee. Erst Schulz Hype dann der freie Fall. Was hat Angela Merkel, das Schulz fehlt?__

Ich bin bei Prognosen sehr vorsichtig geworden. Ich habe ja im eigenen Wahlkampf erlebt, wie schnell sich Stimmungen ergeben und wie schnell sie sich drehen können. Deswegen wird es die Aufgabe der CDU sein, einen sehr konzentrierten Wahlkampf zu führen. In diesem Wahlkampf werden eine klare Haltung, eine Unbeirrbarkeit in schwierigen Situationen, eine Verlässlichkeit und die Fähigkeit, in die Zukunft zu denken, entscheidend sein. Genau diese Eigenschaften zeichnen Angela Merkel in einem Höchstmaß aus.

__Die Bundestagswahl steht vor der Tür. Was sind inhaltlich die großen politischen Schwerpunkte, auf die Sie im Wahlkampf setzen?__

Das große Thema ist: Wie gestalten wir Zukunft und wie sorgen wir dafür, dass Deutschland seinen Wohlstand weiter ausbauen kann. Dazu braucht es Rahmenbedingungen, international wie national. Für die internationalen Beziehungen arbeitet die CDU mit der Kanzlerin an vorderster Stelle – das gilt auch für die nationale Perspektive. Wir müssen die wirtschaftliche Stärke der Vergangenheit für die Zukunft sichern – und zwar unter den Bedingungen der Digitalisierung und Internationalisierung. Dafür steht die CDU wie keine andere Partei.

__Das Thema Leitkultur polarisiert wie kein anderes derzeit die deutsche Bevölkerung. Der 10-Punkte-Plan von de Maizière stößt auf viel Kritik. Brauchen wir eine Leitkultur?__

Wir müssen vor allem eine Leitkultur leben. Eine theoretische Debatte ist ein Zeichen dafür, dass eine Gesellschaft sich ihrer selbst nicht sicher ist. Wir haben die Aufgabe, diesen permanenten Prozess zu führen. Vielleicht haben wir ihn in der Vergangenheit nicht intensiv genug geführt. Aber ich werbe sehr dafür, dass wir sehr selbstbewusst zu unseren Werten und Haltungen stehen. Sie zeichnen uns aus. Denn nur, wenn man sich seiner selbst bewusst ist, kann man auch anderen Menschen gegenüber offen entgegentreten und sie mit offenen Armen in den eigenen Reihen empfangen.

Dankeschön.

Fragen: Dr. Dr. Stefan Groß

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Lagarde ist die Mutter der Inflation

Die Europäische Zentralbank hat sich verspekuliert. Anstatt die galoppierende Inflation frühzeitig zu bekämpfen, flutet die EZB die Märkte auch nach dem Kriegsausbruch immer weiter mit neuem Geld. In dieser Woche erreicht die Bilanzsumme einen neuen Rekord. Die EZB-Präsidentin zögert Zinserhö

Die Selbstverzwergung der FDP

Die Liberalen haben in der Ampelkoalition ihren Markenkern verraten. Wie konnte das passieren?

Die fünf Lehren der Wahlbeben

Drei überraschende Landtagswahlen haben die Berliner Republik verändert. Die Ampelregierung hat große Akzeptanzprobleme, der Kanzler wirkt angeschlagen und die Parteien sortieren sich neu. Von Wolfram Weimer

Dieser Mann muss den Krieg verhindern

Die Nato bekommt einen neuen Oberbefehlshaber: Christopher Cavoli hat die gefährlichste Aufgabe der Welt: Der US-General muss die Ostflanke der Nato sichern und die Waffen und Munition für die Ukraine organisieren. Dabei darf er die Nato nicht in einen Krieg führen. Der in Deutschland geborene Of

Krieg sorgt pro deutschem Haushalt für 242 Euro Mehrkosten im Monat

Der Ukraine-Krieg führt zu steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen und heizt die ohnehin hohe Inflation weiter an. Die Preissteigerungen belasten insbesondere Menschen mit geringem Einkommen. Bei Fleisch und Süßigkeiten wird jetzt gespart. Eine Marktanalyse von PWC liefert verblüffende Einbl

Wie die Titanic: Nord Stream verrottet auf dem Meeresgrund

Die Betreiber-Gesellschaft: pleite. Die Investoren: weg. Die Politik: voller Furcht um den eigenen Ruf. Niemand kümmert sich um Nord Stream 2. Die Pipeline ist bis zum Anschlag mit Gas gefüllt und schlummert auf dem Ostseegrund. Ist sie eine tickende Zeitbombe?

Mobile Sliding Menu