Wir bauen die strukturelle Diskriminierung ab

von Annalena Baerbock15.03.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Die Frauenbewegung hat viel erreicht. Doch die Herausforderungen bleiben groß: Der Feminismus des 21. Jahrhunderts baut strukturelle Diskriminierung ab, gestaltet die Digitalisierung mit Frauen und setzt sich für neue Rollenbilder ein. Der Kampf für das Selbstbestimmungs- recht von Frauen muss weiter gehen.

Ob Igelschnitt und rote Fingernägel, ob Managerin und Mutter, ob High Heels und Fußballschuhe, ob Kanzlerin und Tischlerin, ob ungeschminkt und Smoking. Wir sind die Frauen, für die unsere Mütter, Omas und Uromas seit 100 Jahren gekämpft haben. Und wenn unsere Töchter und Enkelinnen nicht auch noch die nächsten 100 Jahre kämpfen sollen, dann müssen wir Frauen von heute jetzt den Feminismus des 21. Jahrhunderts ausrufen. Denn ja, wir können heute theoretisch alles sein. Im wahren Leben sind Frauen es aber oft genug nicht. Allein durch den Fortgang der Geschichte nimmt die Diskriminierung von Frauen eben nicht stetig ab. Es reicht nicht, Tee zu trinken und abzuwarten, bis sich die Gleichheit zwischen den Geschlechtern eingestellt hat.

Wir bauen die strukturelle Diskriminierung ab

100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts haben wir enorm viel erreicht, ja. Wir dürfen wählen, wir stellen Parteivorsitzende, wir brauchen keine Erlaubnis mehr vom Ehemann, wenn wir arbeiten wollen. Es ist selbstverständlich, dass Mädchen Abitur machen und studieren. Aber: Die strukturelle Diskriminierung von Frauen sorgt weiterhin dafür, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt zum Alltag gehören, dass sich Frauen ökonomisch viel zu oft auf der Verliererinnenseite wiederfinden, weil sie mit niedrigeren Löhnen und Renten leben müssen oder oftmals allein für die Kinder aufkommen. Und die gesellschaftliche Ansage, wie eine Frau gefälligst zu sein und auszusehen hat, prägt auch heute noch das Leben von Frauen und Mädchen. Nicht von ungefähr nehmen Essstörungen zu und nicht ab. Der Anteil von Frauen in Parlamenten sinkt, und offene Frauenverächter werden inzwischen sogar in Demokratien in höchste Regierungsämter gewählt.
Wenn wir als Feministinnen und als Teil der Frauenbewegung uns heute also fragen, wo wir im Jahr 2018 stehen, dann geht es eben nicht nur um weitere, kleine und letzte Korrekturen im Geschlechterverhältnis zwischen Frauen und Männern. Wir müssen die nächste Phase des Kampfes aufnehmen: Klar, stark, selbstbewusst. Wir müssen an die Strukturen ran, die nicht gleich an der Oberfläche sichtbar sind, aber unser soziales Leben grundlegend prägen. In der nächsten Phase der Frauenbewegung geht es darum, Diskriminierungen zu beseitigen, die weniger klar beschreibbar sind als etwa das fehlende Recht zu wählen oder zu arbeiten. Es geht um Strukturen, die dafür sorgen, dass im Grunde alles immer so bleiben kann wie bisher zwischen Männern und Frauen, und die vor allem von Männern geschaffen und erhalten werden.

Es geht um den Abbau der strukturellen Diskriminierung von Frauen. Wenn etwa Kitas früher schließen, dann ist es meist die Frau, die dafür Abstriche bei ihrer Arbeit machen muss und damit auch bei ihrem Einkommen und später noch bei der Rente. Altersarmut hat deswegen ein weibliches Gesicht. Wenn die Berufe besonders schlecht bezahlt werden, in denen vor allem Frauen arbeiten, dann steckt dahinter auch der Gedanke, dass es wichtiger ist, wenn es die Männer sind, die das Geld nach Hause bringen. Die ökonomische Abhängigkeit von Frauen bleibt daher weiterhin bestehen und nimmt auch bei zunehmender Berufstätigkeit von Frauen nicht ab. Wenn Männer von ihren Arbeitgebern hören, dass eine Elternzeit aufgrund ihrer Position für sie schlicht unmöglich sei, dann schwingt da auch die Erwartung mit, dass stattdessen die Frau doch sicher einen Rückschritt in ihrer Karriere verkraften könnte. Die Talente und Fähigkeiten der Frauen bleiben so oftmals ein ungehobener Schatz, zum Nachteil aller, während Männern gleichzeitig das Recht auf Familie verwehrt wird.

Digitalisierung gestalten – mit Frauen!

Auch deshalb bleibt es weiter unser großes Ziel, Lohngleichheit und eine 50:50-Quote in den Chefetagen durchzusetzen. Doch gerade die Digitalisierung stellt uns hier vor noch mehr Herausforderungen. Hier braucht es neue Maßnahmen der Politik und neue Antworten der Gesellschaft, um die Strukturen endlich aufzubrechen, die gerade Frauen belasten. Mit Blick auf die schon erlebbare Zukunft wird die Aufgabe, diskriminierende Strukturen zu brechen, ein Megaevent. Denn die Frage, wer die Welt von heute und morgen bestimmt, entscheidet sich nicht zuletzt in den großen IT-Unternehmen. Dort prägen IT-Nerds und Programmierer die Machtstrukturen der Gegenwart und Zukunft, doch bislang ist dieser Bereich eine fast reine Männerdomäne. Und was schief gehen kann, wenn sich ausschließlich Männer die schöne neue Welt ausdenken, haben wir bei der Debatte um Alexa und Siri erlebt, den von Männern programmierten intelligenten Assistenten der Marken Apple und Amazon, die versehen mit weiblichen Stimmen und Attributen recht unterwürfig das Leben des (männlichen) Kunden erleichtern.

Für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen

Deswegen geht es in dieser Phase des Feminismus auch um den Umbau der bestehenden Machtverhältnisse. Die Debatte #MeToo legt es schonungslos offen: Sexismus und sexuelle Übergriffe sind vor allem und zuerst eine Machtdemonstration, in der den Frauen von Männern ihr Platz in der Gesellschaft zugewiesen werden soll. Und der hat eben hinter oder unter dem Mann zu sein. Wir sind überzeugt: Wer grundsätzlich zur Empathie fähig ist, weiß und spürt genau, wo die Grenze verläuft zwischen Flirt und Übergriff, zwischen Anschauen und herabsetzendem Angaffen. Auch vergiftete Komplimente wie die Zuschreibung, „Super Qualifikation und dann auch noch so hübsch“, sind letztlich nichts anderes als Diskriminierung über Lob und eine Klarstellung der bestehenden Machtverhältnisse. Die Kompetenz von Frauen wird durch die äußere Zuschreibung relativiert. Bis zu einem sich anschließenden Vorwurf, „Die hat ihren Job doch nur wegen ihres Äußeren bekommen“, ist es da nicht mehr weit.

Auch die aktuelle Debatte um den §219a, der es FrauenärztInnen verbietet, offen und objektiv über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren, ist eine Machtdebatte. So abstrus es uns heute vorkommt, dass Frauen ohne Zustimmung des Mannes bis 1962 kein eigenes Bankkonto eröffnen und bis 1977 nicht arbeiten durften, und dass sexuelle Gewalt auch innerhalb der Ehe erst seit 1997 strafrechtlich als Vergewaltigung galt: Noch immer finden wir die dahinterliegende Denke in manchen Köpfen. Männer meinen oftmals immer noch besser zu wissen, wie Frauen mit ihrem Körper umzugehen haben und worüber sie sich informieren dürfen und worüber nicht. Damit wird das Selbstbestimmungsrecht der Frauen auch im Jahr 2018 immer noch hinterfragt. Und daher ist der Kampf um §219a ein ebenso zentraler wie all die Kämpfe zuvor.

Neue Rollenbilder braucht das Land!

Machtstrukturen ändert man auch über veränderte Rollenbilder. Hier haben Frauen trotz drohender Rückschritte schon viel erreicht. Und trotzdem hungern sich tausende junge Mädchen fast zu Tode unter dem Druck eines falschen Schönheitsideals. Politik kann dieses Problem nicht alleine lösen. Hier müssen Eltern, Kultur und Gesellschaft Hand in Hand gehen. Aber die Geschichte der Gleichstellung lehrt uns, dass jeder entscheidende Schritt durch politische Regelungen, wenn nicht gar angeordnet, so zumindest flankiert wurde. Wie sieht es also aus mit einem Verbot sexistischer Werbung? Geht es hier tatsächlich um Spielverderberei, oder ist es nicht vielmehr ein Weg, die öffentliche Wahrnehmung von Frauen geradezurücken? In Frankreich wurde ein Mindest-Body-Mass-Index für Models eingeführt. Wenn so etwas in der Modestadt Paris möglich ist, warum sollte es das nicht auch für Deutschland geben?

Die härteste und dringlichste Aufgabe für die Frauenbewegung, die glücklicherweise auch aus vielen feministischen Männern besteht, ist das Bekämpfen der sexuellen Gewalt und körperlicher Übergriffe auf Frauen. Und zwar endlich mit der Vehemenz, die man bei jedem anderen Thema erwarten würde, bei dem die Lage so dramatisch ist: Nach Zahlen des Bundeskriminalamtes wird fast täglich eine Frau von ihrem Partner getötet und weltweit ist die häufigste Todesursache für Frauen unter 44 Jahren Gewalt und sexueller Missbrauch. Daher darf es in dieser Debatte auch kein zu viel und kein zu übertrieben geben. Daher müssen wir bei der #MeToo-Debatte, bei der nun wieder heftigst darüber diskutiert wird, ob das Anprangern von männlicher Gewalt und männlichem Machtmissbrauch nicht zu weit gehe, so klar dagegen halten. Und zwar überall. Egal, in welcher Branche, egal, ob in der Stadt oder auf dem Land, egal, ob die Betroffenen noch minderjährig sind, oder die Täter einen deutschen Pass haben oder nicht. Und daher ist es so beschämend, wenn in Deutschland Frauenhäuser, die eigentlich Schutz bieten sollten, Frauen und Kinder abweisen müssen, weil ihnen nicht die ausreichenden finanziellen Mittel zur Verfügung stehen.

Solange Frauen auch in unserem Land weniger Geld verdienen oder gar zu Tode kommen, nur weil sie Frauen sind, solange holen wir als Frauen am 08. März nur Luft, um weiter für unsere Rechte und die unserer Töchter zu kämpfen.

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